Bernd von Jutrczenka / EPA

Kritik an Wunschdenken

Thilo Sarrazin legt nach

von Eckhard Jesse / 10.10.2016

Europa, Währung, Bildung, Einwanderung: Das neueste Buch von Thilo Sarrazin ist eine breit angelegte Abrechnung mit der bundesdeutschen Konsenskultur.

Auf den Autor, von 2002 bis 2009 Finanzsenator in Berlin und von 2009 bis 2010 Vorstandsmitglied der Deutschen Bundesbank, ist Verlass. 2010 erschien sein Grossbestseller „Deutschland schafft sich ab“, 2012 „Europa braucht den Euro nicht“, 2014 „Der neue Tugendterror“ – und nun „Wunschdenken“. Dieser Band, der dickste von allen, behandelt die Themen seiner drei vorherigen allesamt – mit einem ähnlichen Tenor.

Starker Tobak

Nein, provozierende Überschriften wie früher („Mehr Kinder von den Klugen, bevor es zu spät ist“) tauchen nicht mehr auf, aber der geschmähte Verfasser nimmt nach wie vor kein Blatt vor den Mund, übt mit Blick auf Karl R. Popper zu Recht Kritik an Utopien, an vergangenen und gegenwärtigen. Angela Merkel, heisst es, startete mit ihrer Politik der offenen Grenzen „das grösste Sozialexperiment Europas seit der Russischen Revolution“. Das ist starker Tobak, zumal Merkels Handlungsweise, wohl keiner Utopie entsprungen, eher aus der Not geboren war. Sein Lieblingsthema: die verfehlte, weil ungesteuerte Einwanderungspolitik, die den Wohlstand gefährde und das Land negativ verändere: durch Einwanderung in den Sozialstaat wie durch Einwanderung bildungsferner Gruppen. Vieles, was er geisselt, ist ein Stich in das Wespennest der bundesdeutschen Konsenskultur. Das gilt für die Schelte an der Gleichheitsideolgie, an der staatlichen Gestalt der EU, an der Genderpolitik, am Bildungsniveau, am abrupten Ausstieg aus der Kernenergie nach Fukushima. Mitunter schweift sein Blick über Deutschland hinaus. Die Schweiz mit hohem Wohlstandsniveau und niedriger Staatsschuldenquote kommt bestens weg, Griechenland ganz und gar nicht.

Zehn Regeln für Regierende

Sarrazin, ein Verantwortungsethiker, der die Folgen des eigenen Handelns zu berücksichtigen sucht, schiesst mit seiner bärbeissigen Kritik zuweilen übers Ziel hinaus, bedient sich aber niemals obskurer Verschwörungstheorien. Der ökonomistisch argumentierende Autor will als Gegner eines Wünsch-dir-was-Denkens nicht das Füllhorn sozialer Wohltaten ausgiessen. Zu seinen zehn Regeln für den guten Regenten gehören u. a.: langfristig denken, machtbewusst sein, nicht zu viel wollen, ein klares Bild haben, flexibel bleiben. Ratschläge für Populisten sind das ebenso wenig wie seine zehn Maximen für politische Verantwortungsträger. Die ersten drei lauten: Schau, wen du ins Land lässt; bilde gut aus; belohne Fleiss, bestrafe Faulheit. Fünf „Erbsünden der Politik“ – Unwissenheit, Anmassung, Bedenkenlosigkeit, Opportunismus und Betrug, Selbstbetrug – seien vielfach anzutreffen, etwa bei der deutschen Energiewende.

Die Komposition ist nur bedingt geglückt: Weniger wäre mehr gewesen. Der Band holt zu weit aus, schneidet zu viele Themen an, der rote Faden fehlt. Wer es besser weiss, darf nicht besserwisserisch wirken. Und was um Himmels willen mag den Autor bewogen haben, einen drögen, fast 100-seitigen Anhang „Erläuterungen zur Politik“ aufzunehmen? Gleichwohl: Auch der neue „Sarrazin“, obwohl wieder reichhaltig mit Tabellen und einem so langen wie gelehrten Anmerkungsapparat versehen, steht auf der Bestsellerliste.

Thilo Sarrazin: Wunschdenken. Europa, Währung, Bildung, Einwanderung – warum Politik so häufig scheitert. Deutsche Verlags-Anstalt, München 2016. 571 S.

Eckhard Jesse ist ein deutscher Politikwissenschaftler, der als führender Extremismusforscher in Deutschland gilt.