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EU und Türkei

Time to break up?

von Ralph Janik / 02.08.2016

Es gibt Beziehungen, die sich selbst überdauert haben. An denen man nur noch der alten Zeiten und einstmals gemeinsam gefasster schöner Pläne wegen festhält. Das reicht aber nicht. Sosehr ein Ende auch schmerzen mag, es bedeutet auch einen manchmal notwendigen Neuanfang. Vielleicht sollten die EU und die Türkei fortan getrennte Wege gehen: So richtig zusammen waren sie ohnehin nie.

Es war vielmehr immer schon Beziehungsstatus „Es ist kompliziert“: Die EU als große, starke Unterstützerin und die aufholwillige, aber zugleich stolze Türkei. Eine wahre Exotin (Edward Said würde sich im Grabe umdrehen, ich weiß): Muslimisch und demokratisch zugleich, ein vom strengen Laizismus getragener Spagat. Potenzielle Vorbildwirkung für die Region, ja die gesamte muslimische Welt. Für die EU und überhaupt „den Westen“ Grund genug, sich anzustrengen und die nur allzu erwartbaren Krisen in Kauf zu nehmen.

Mittlerweile hat die Zerrüttung jedoch neue Ausmaße erreicht. Die Geschehnisse nach dem gescheiterten Putschversuch fügen sich nahtlos in die Entwicklungen der letzten Jahre ein. Die Türkei scheint den einmal angetretenen Pfad endgültig verlassen zu haben. Erdoğan konzentriert – durchaus im Sinne der Bevölkerungsmehrheit – zunehmend die Macht auf seine Person, ebenso steigt die Bedeutung des politischen Islam weiter an.

Umgekehrt stößt auch die EU auf immer weniger Gegenliebe: Schon lange gilt sie als „Christenklub“, viele Türken haben schon seit langem das Gefühl, ständig auf ein Später vertröstet zu werden, das ohnehin nie kommt.

Dennoch halten beide Seiten (und auch die USA beziehungsweise die NATO, aber das sei hier nur am Rande erwähnt) im Großen und Ganzen an der Beziehung fest. Der Gedanke einer vollwertigen EU-Mitgliedschaft der der Türkei scheint auf beiden Seiten immer noch nicht ganz gestorben. Ungeachtet der Kritik und allfälliger Drohungen bleiben die großen und dementsprechend beunruhigenden Fragen unausgesprochen: „Sollte man es nicht besser lassen? Sind wir gewillt, entsprechend dafür zu kämpfen?“

Durchaus nachvollziehbar, all die Mühen und Anstrengungen sollen nicht umsonst gewesen sein. Die EU hat viel investiert (beziehungsweise tut sie es weiterhin) und die Türkei geforderte Reformen umgesetzt. Manifeste wechselseitige Abhängigkeiten wurden geschaffen, man denke nur an die Handelsverflechtungen oder den jüngsten Flüchtlingsdeal. Da kommt man nicht mehr so leicht raus.

Von außen sieht man die Dinge jedoch anders, oft besser. Die weithin unbeteiligten Bürger auf beiden Seiten waren schon immer skeptisch und sind es jetzt mehr denn je. Das wird wohl nichts mehr, das hat einfach nicht sein sollen. Man hat sich zu sehr auseinandergelebt und vermutlich nie so recht zusammengepasst. Gegensätze ziehen sich an, aber es sind immer noch die Gemeinsamkeiten, die sich ausziehen. Gibt es derer genug?

Davon abgesehen: Man muss den Kontakt ja nicht komplett abbrechen („Lass uns doch Freunde sein“). Aber eben nur dort, wo es für beide Seiten Sinn hat und mit dem richtigen Nähe-Distanz-Verhältnis. Wirtschaftsbeziehungen können und sollen weiterhin aufrechterhalten werden, gleiches gilt für allfällige politische Kooperationen; die Türkei und überhaupt der Nahe und Mittlere Osten bleiben für die EU ja von eminenter Bedeutung et vice versa.

Als Grundlage braucht es allerdings den richtigen Zeitpunkt für ein beidseitig akzeptables Ende ohne Rosenkrieg. Vielleicht gerade jetzt, vielleicht ist er schon vergangen, vielleicht kommt er aber erst noch. Jedenfalls gehört das unangenehme Thema eines etwaigen Beziehungsendes zumindest in den Raum gestellt. Damit beide Partner sich zumindest mit der Frage konfrontieren, ob sie das alles überhaupt (noch) wirklich wollen.