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Enthüllungen der „Panama Papers“

Trotziges Schweigen in Moskau

von Daniel Wechlin / 04.04.2016

Unmittelbare Reaktionen des Kremls auf die „Panama Papers“ lagen am Montagvormittag nicht vor. Regierungsnahe Zeitungen wie auch das Staatsfernsehen griffen das Thema zunächst nicht auf. Einzig Andrei Kostin, Chef der staatlich kontrollierten Großbank VTB, wies den Vorwurf einer Verstrickung von Präsident Wladimir Putin in Offshore-Strukturen zurück: Das sei „Bullshit“, sagte er dem Fernsehsender Bloomberg. Die VTB ist das zweitgrößte russische Kreditinstitut; ihre Vorgängerin soll mit einer Filiale auf Zypern ebenfalls an verdächtigen Transaktionen beteiligt gewesen sein. Kostin stritt auch dies ab.

Freund Putins im Fokus der Medien

Anders im Internet und in den sozialen Netzwerken, wo dem Thema großer Raum gegeben wird: Bei den traditionellen Medien griff etwa das renommierte Wirtschaftsblatt Wedomosti die russische Dimension der Enthüllungen auf. In einem detaillierten Bericht mit dem Titel „Ein weiterer Milliardär gefunden – ein Freund Wladimir Putins“ werden die Recherchen des internationalen Medien-Konsortiums erörtert.

Ausführlich wird dabei auf die Person des russischen Cellisten Sergei Roldugin eingegangen, der im Zentrum eines Offshore-Firmennetzes stehen soll. Dieser soll als Strohmann Putins fungiert haben. Der 64-jährige Musiker aus St. Petersburg ist ein Jugendfreund des russischen Präsidenten Wladimir Putin und Taufpate von dessen erster Tochter Maria. Gegenüber der New York Times soll Roldugin 2014 gesagt haben, dass er „kein Geschäftsmann“ sei und „keine Millionen“ besitze. Gemäß den „Panama Papers“ eine Lüge. So soll er bei der Schweizer Filiale der Gazprombank in Zürich vor zwei Jahren ein Konto eröffnet und angegeben haben, umgerechnet mehr als 10 Millionen Franken zu besitzen.

Berüchtigte Bank Rossija

Die Frage über eine Beziehung zu einer „politisch exponierten Person“ soll der Cellist laut der „Süddeutschen Zeitung“ auf einem Fragebogen der Bank verneint haben. Die Enthüllungen sollen zudem eine Zahlung von 200 Millionen Dollar an eine Firma unter seiner formalen Kontrolle belegen. Insgesamt sollen rund zwei Milliarden Dollar über ein Firmen-Netzwerk geflossen sein, das von Freunden Putins kontrolliert wird, wie das Konsortium weiter recherchierte. Im Mittelpunkt soll die Bank Rossija gestanden sein, die unter der Kontrolle eines weiteren engen Vertrauten des russischen Präsidenten steht. Sie wurde 2014 von den USA als „Putins Bank“ betitelt und im Zusammenhang mit der Ukraine-Krise mit Sanktionen belegt. Amerikanischen Firmen wurde der Umgang mit der Bank untersagt, etwaige Konten in den Vereinigten Staaten wurden eingefroren und die in Kooperation mit Visa und Mastercard herausgegebenen Kreditkarten gesperrt. Die Bank Rossija war das erste Unternehmen, auf das Washington stieß, als es Putin und seine Vertrauten abstrafen wollte.

Die berüchtigte Bank Rossija trat schon vor den Sanktionen an den internationalen Finanzmärkten kaum in Erscheinung, spielt aber hinter Russlands politischen Kulissen eine umso größere Rolle. Per Ende März stand sie mit Nettoaktiven von 607 Milliarden Rubel (8,5 Milliarden Franken) auf Platz 16 der größten Kreditinstitute des Landes; noch 2005 verwaltete sie erst 12 Milliarden Rubel. Das Geldhaus wurde 1990 in Putins Heimatstadt St. Petersburg gegründet und gehörte in wechselnden Anteilen Vertrauten des Präsidenten. Auffällig sind die Beteiligungen der Bank an russischen Konzernen, darunter dem Versicherungsunternehmen Sogaz. An Sogaz war mit Gennadi Timtschenko auch ein anderer enger Verbündeter Putins direkt beteiligt.

Zusammenbruch der Website

Verbindungen werden dem Präsidenten Russlands allerdings auch mit dem Erdölsektor nachgesagt, so zum Ölproduzenten Surgutneftegas. Der kaum im Ausland tätige Konzern ist gemessen an der Förderung zwar der drittgrößte russische Ölproduzent, aber über seine Hintermänner und Aktionäre ist fast nichts bekannt. Bemerkenswert sind die hohen Bargeldbestände und Dividenden des Unternehmens.

Ebenfalls über die russische Dimension des Offshore-Netzwerkes berichtet die kremlkritische Zeitung Nowaja Gazeta, die Teil des Recherche-Konsortiums ist. In einem aufwendig produzierten Online-Spezial mehrerer Investigativ-Journalisten der Moskauer Redaktion mit dem Titel „Offshore – Die Aufdeckung“ wird auf die russischen Figuren im Netzwerk eingegangen sowie die Funktionsweise der Offshore-Netzwerke erklärt. Nach Angaben der Zeitung war der Ansturm auf den Bericht anfänglich so stark, dass die Website vorübergehend nicht mehr aufzurufen war und das Material über soziale Netzwerke ausgespielt werden musste.

Gibt es Konsequenzen?

Der regierungskritische Online-Fernsehsender „TV Doshd“ widmet sich ebenfalls den „Panama Papers“. In einem Interview mit einem der Rechercheure wird über mögliche Konsequenzen der Publikation spekuliert. Auch deswegen, weil Putins Sprecher Dmitri Peskow bereits Anfang vergangener Woche davon sprach, dass man bei „erlogenen Fakten“ nicht vor Klagen und anderen juristischen Schritten zurückschrecken werde, um die „Ehre und Würde“ von Präsident Putin zu verteidigen. Der Kreml habe eine Reihe von Anfragen ausländischer Medien erhalten. Diese seien aber oft im „Stil eines Verhörs“ vorgenommen worden. Der Kreml werde auf solche Fragen nicht antworten. Es war von einem Angriff auf Russland, von einem Informationskrieg die Rede.

Auf eine Wand des Schweigens stieß ebenfalls das russische Blatt „Wedomosti“. Weder vom Cellisten Roldugin noch von der Bank Rossija, noch von Putins Sprecher habe man Auskunft auf die Fragen bezüglich der Enthüllungen erhalten. Auch Letztgenannter steht im Verdacht, Teil des weitverzweigten Offshore-Netzwerkes zu sein und davon zu profitieren. Der Gedanke, dass Putin und die mit seinem Aufstieg ebenfalls zu Einfluss gekommenen Vertrauten große Vermögen angehäuft haben und diese – wie viele „normale“ russische Geschäftsleute auch – ins Ausland schleusen, ist zwar weder neu noch überraschend. Aber der Kreml bemüht sich sehr, die konkreten Strukturen im Schatten zu halten, was die Enthüllungen so interessant macht.