Tsipras brüskiert seine letzten Freunde

von Christoph Eisenring / 08.06.2015

Seit die Regierung von Alexis Tsipras in Athen das Ruder übernommen hat, hat sie sich reihenweise mit zentralen Akteuren im Eurozonen-Theater überworfen. Einer der letzten, der noch bereit war, Tsipras die Stange zu halten und auf einen Kompromiss hinzuarbeiten, war Kommissionspräsident Jean-Claude Juncker. Nun scheint aber auch der die Nase von Tsipras und seiner mangelnden Kooperationsbereitschaft voll zu haben. NZZ-Korrespondent Christoph Eisenring über eine Pressekonferenz am Rande des G7-Gipfels, bei der der Kommissionspräsident seinem Ärger freien Lauf ließ.

Selbst EU-Kommissionspräsident Jean-Claude Juncker hat vom erratischen Gehabe des griechischen Ministerpräsidenten, Alexis Tsipras, die Nase voll. Deutlich wurde dies am Sonntag bei einer Pressekonferenz im Vorfeld des G-7-Gipfels, zu dem die Journalisten wegen Blockaden durch Demonstranten per Helikopter eingeflogen wurden. „Tsipras war und ist mein Freund“, sagte der joviale Juncker zwar. Doch damit eine Freundschaft Bestand habe, gelte es, bestimmte minimale Regeln einzuhalten, ermahnte er ihn.

Tsipras’ leere Versprechungen

Tsipras hat in den letzten Tagen weiter Geschirr zerschlagen und macht damit seine letzten Fürsprecher mürbe. Letzten Mittwoch war Tsipras nach Brüssel gereist. Dort wollten Juncker und der Eurogruppen-Chef Dijsselbloem mit ihm über den Kompromissvorschlag der „Institutionen“ diskutieren.

Laut Juncker war die griechische Seite zu Verhandlungen jedoch gar nicht imstande. Tsipras habe dann versprochen, am Donnerstag eine Antwort zu liefern, dann am Freitag – doch nichts sei passiert. Juncker hat einen „Grexit“, also ein Ausscheiden Griechenlands aus der Eurozone, in der Vergangenheit stets ausgeschlossen. Nun relativierte er in Elmau seine Aussagen. Er wünsche sich keinen „Grexit“, weil er die Folgen nicht absehen könne, sagte er. Und man dürfe seine Äußerungen nicht so verstehen, dass er eine simple Lösung wie ein Kaninchen aus dem Hut zaubern könne. Es sei nicht möglich, ohne weitere Anstrengungen ans Ziel zu kommen.

Verärgert zeigte sich der EU-Kommissionspräsident auch über Tsipras’ Rede vom Freitag im griechischen Parlament, als er einmal mehr gegen die Gläubiger gepoltert hatte. Juncker nimmt Tsipras übel, dass er die Vorschläge der „Institutionen“ vor dem Parlament verunglimpft hatte. Er hatte sie sogar als absurd bezeichnet. Am Samstag lehnte es der Kommissionspräsident dann ab, mit Tsipras zu telefonieren. Der nächste Termin folgt am kommenden Mittwoch. Am Rande des EU-Lateinamerika-Gipfels wollen die Parteien erneut zusammenkommen. Allerdings ist dies laut Juncker nur angebracht, falls Griechenland bis dann seine Alternativvorschläge präsentiert hat.

Der polnische EU-Ratspräsident Donald Tusk hieb an der Pressekonferenz in dieselbe Kerbe wie Juncker. Griechenland brauche Geld, die Gläubiger Garantien, sagte er, die Situation auf den Punkt bringend. Gläubiger seien keine Räuber, Schuldner hätten die Moral nicht gepachtet, so gab er seinem Ärger über Griechenland Ausdruck.