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Türkei: Polizeidienst nun auch mit Kopftuch

von Marco Kauffmann Bossart / 31.08.2016

In der Türkei dürfen Polizistinnen neuerding ein Kopftuch tragen. Geht es wirklich um Demokratisierung, wie die Regierung behauptet?

Über Burkinis und Burkas regt sich in der Türkei natürlich niemand auf. Ein anderes religiös konnotiertes Kleidungsstück belebt derweil die gesellschaftliche Debatte im muslimischen Land: Seit dieser Woche ist es türkischen Polizistinnen unbenommen, ihren Dienst mit einem Kopftuch zu verrichten. Gemäss dem Amtsblatt muss der unter dem Béret oder der Mütze gebundene Hijab mit der Farbe der Uniform harmonieren, und er darf keine Musterungen aufweisen.

Der ewige Aspirant auf einen EU-Beitritt folgt einem Trend aus der angelsächsischen Welt. Nur Tage vor dem Wechsel in der Türkei erlaubte die berittene Königliche Kanadische Polizei den Frauen einen bedeckten Einsatz. In Schottland wurde der Hijab zu einem „frei wählbaren“ Accessoire der Uniform aufgewertet. Zuvor war dafür noch eine Genehmigung des Vorgesetzten nötig gewesen. Die Liberalisierung der Kleidervorschriften soll in diesen Ländern die ethnische und religiöse Vielfalt im Sicherheitsapparat stärken.

Dass türkische Beamtinnen neuerdings mit Hijab Strassen sperren oder Demonstrantinnen jagen können, stellt die islamisch-konservative Regierung als Teil eines tiefgreifenden Demokratieprozesses dar. Schon früher war das Kopftuchverbot für Parlamentarierinnen und Studentinnen gefallen. Die offiziösen Medien erhoben Präsident Recep Tayyip Erdogan gar zum Pionier bei der Lösung der kontroversen Kopftuchfrage. Er habe Millionen von Musliminnen vom Dilemma befreit, sich entweder für ihren Glauben oder ihre berufliche Karriere zu entscheiden.

Die Säkularisten befürchten indes, dass der fromme Landesvater die einst sakrosankte Trennung von Staat und Kirche aushebelt. Und manifestiert sich der demokratische Eifer – wenn man das Tuch auf dem Kopf in diesem Kontext sehen will – nicht etwas sehr ausgeprägt in der religiösen Sphäre? Literaten, Kunstschaffende und Journalisten, die unter Erdogans Regentschaft ihre Stelle verlieren oder gar ihre Freiheit, müsste man nicht lange um eine Antwort fragen.