Thanassis Stavrakis / Keystone

Nach dem Putschversuch

Türkische Militärs auf der Flucht

von Marco Kauffmann Bossart / 11.08.2016

Mehr als drei Wochen nach dem Putschversuch fahndet die türkische Armee nach 216 Verschwörern in ihren Reihen. Brisant ist der Fall eines Admirals, der sich von der Nato-Basis in Virginia absetzte.

Seit dem 22. Juli fehlte vom türkischen Konteradmiral Mustafa Ugurlu jede Spur. Am Mittwoch meldete die staatliche Nachrichtenagentur Anadolu ohne Angaben von Quellen, der Marineoffizier, der auf dem Nato-Stützpunkt Norfolk im amerikanischen Gliedstaat Virginia stationiert war, habe in Washington Asyl beantragt. Nicht namentlich genannte Beamte der amerikanischen Administration bestätigten gegenüber Reuters, ein türkischer Armeeangehöriger, der in seine Heimat zurückbeordert worden sei, habe um Schutz ersucht. Das türkische Detachement in Norfolk besteht aus 26 Soldaten.

Mustafa Ugurlu, Konteradmiral (Bild: PD)

Gegen den hohen Offizier war Haftbefehl erlassen worden, weil er verdächtigt wird, am blutigen Umsturzversuch vom 15./16. Juli beteiligt gewesen zu sein. Neben Ugurlu, den die Behörden gemäss Anadolu auch wegen nicht genauer umschriebener Spionagevorwürfe suchen, rief Ankara zwei niederrangige Offiziere aus Amerika zurück. Gegen sie soll indes kein Haftbefehl vorliegen.

Die Affäre um den Spitzenmilitär der Marine bringt Washington in eine knifflige Situation. Selbst wenn es stichhaltige Indizien für eine Verwicklung Ugurlus in den gescheiterten Staatsstreich geben sollte, wäre eine Auslieferung problematisch: Anwälte vermeintlicher Verschwörer argumentieren, ihre Klienten würden mit Folter zu Geständnissen gezwungen. Ein Verfahren, das rechtsstaatlichen Standards genüge, sei nicht gewährleistet.

Gewährt Washington dem Admiral hingegen ein Bleiberecht, würde das ohnehin gespannte Verhältnis mit Ankara noch weiter darunter leiden. Die Türkei hat von den Vereinigten Staaten bisher vergeblich eine Auslieferung des islamischen Gelehrten Fethullah Gülen verlangt. Nach Darstellung von Staatspräsident Recep Tayyip Erdogan hat Gülen den Umsturz orchestriert. Washington prüft derzeit Unterlagen, die eine Verstrickung des enigmatischen Predigers beweisen sollen.

Seit 1999 lebt der 75-Jährige im Gliedstaat Pennsylvania. Er bestritt jedwede Verwicklung in die niedergeschlagene Revolte. In der Türkei richtet sich der Zorn zunehmend gegen die westliche Grossmacht. Der Justizminister Bekir Bozdag erklärte Anfang dieser Woche, Amerika würde die Allianz mit der Türkei „einem Terroristen opfern“, wenn es Gülens Überstellung ablehnen sollte.

Auf der Flucht befinden sich laut offiziellen Angaben vom Dienstag insgesamt 216 Armeeangehörige, 9 von ihnen im Generalsrang. Dass mehrere Dutzend ausgerechnet bei der verbotenen Arbeiterpartei Kurdistans (PKK) im Nordirak – dem Erzfeind der Streitkräfte – Unterschlupf gefunden haben sollen, bezeichnete der stellvertretende Ministerpräsident Numan Kurtulmus als „reine Spekulation“. Der Generalstab wies einen entsprechenden Bericht der regierungskritischen Zeitung „Sözcü“ als unwahr zurück. Sollten sich die Mutmassungen gleichwohl erhärten, wäre dies ein schwerer Gesichtsverlust für die Armee. Deren Image hat durch den Putsch stark gelitten.

Ungeklärt ist ferner das Schicksal von acht türkischen Militärs, die in der Putschnacht mit einem Helikopter in Griechenland landeten und Asyl beantragten. Während Ankara auf deren umgehende Auslieferung drängt, hat Athen im Juli eine Anhörung auf den 19. August verschoben. Schöpfen die sechs Offiziere und zwei Unteroffiziere den Rechtsweg aus, dürfte sich das Verfahren über mehrere Monate hinziehen. Die Fluchtgruppe in Griechenland beteuert laut ihren Anwälten, sie habe nichts mit dem Coup zu tun und fürchte um ihr Leben. „Wie bei der Wiedervereinigung“kam./(dpa) ⋅ Der türkische Staatspräsident Recep Tayyip Erdogan hat die Säuberungen seit dem Putschversuch mit Entlassungen im Zuge der deutschen Wiedervereinigung verglichen. Deutschland habe nach der Wende Hunderttausende Beamte mit Verbindungen zum SED-Regime entlassen. „Ihr habt das gemacht, und jetzt wollt ihr uns belehren“, sagte Erdogan an die Adresse Deutschlands. Sein Land sei zur Säuberung gezwungen. Es sei irrelevant, wie viele Staatsbedienstete suspendiert werden müssten. Das Staatsoberhaupt appellierte an die „patriotische Pflicht“ der Türken, Anhänger des muslimischen Predigers Fethullah Gülen anzuzeigen. Dieser soll laut Ankara hinter dem blutigen Umsturzversuch von Mitte Juli stecken. In einer Ansprache vor Vertretern der türkischen Exportwirtschaft sagte er, auch unter deren Freunden könnten sich Gülen-Anhänger befinden. Erdogan hat bereits zuvor in Interviews mit westlichen Medien den harten Kurs gegen mutmassliche Putschisten verteidigt.