Sedat Suna / Keystone

Offensive gegen den IS

Türkische Panzer in Syrien

von Marco Kauffmann Bossart / 25.08.2016

Die Türkei will den IS von seiner Grenze vertreiben und gleichzeitig die Kurden zurückbinden. Ankara bringt damit die Amerikaner in eine delikate Lage.

Am Mittwochabend haben von der Türkei unterstützte Rebellen nach Angaben von Staatspräsident Recep Tayyip Erdogan die nordsyrische Stadt Jarablus eingenommen. Die oppositionsnahe Syrische Beobachtungsstelle für Menschenrechte berichtete, die Extremisten des Islamischen Staats (IS) hätten nur wenig Widerstand geleistet. Zuvor waren türkische Panzereinheiten nach Nordsyrien vorgerückt.

Die erste Bodenoffensive der Türkei seit Beginn des Bürgerkrieges vor mehr als fünf Jahren richtet sich laut Erdogan auch gegen kurdische Milizen, welche die Sicherheit seines Landes bedrohten. Am Wochenende hatte ein Selbstmordanschlag in Gaziantep 54 Menschenleben gefordert. Die islamisch-konservative Regierung verdächtigt den IS, hinter dem Blutbad zu stecken.

„Im syrischen Sumpf“

Begleitet wurde der Vorstoss von türkischen und amerikanischen Kampfjets, die Stellungen des IS bombardierten. Auch amerikanische Militärberater nehmen offenbar an der Operation teil. Am Boden beteiligen sich Kämpfer der von Ankara protegierten Freien Syrischen Armee an der Operation «Schutzschild Euphrat». Sie sollen sicherstellen, dass kurdische Verbände nicht von Geländeverlusten des IS profitieren. Aussenminister Mevlüt Cavusoglu forderte die Kurden auf, sich auf Gebiete östlich des Euphrats zurückzuziehen. Sonst werde getan, was nötig sei, sagte Cavusoglu drohend. Der Co-Vorsitzende der syrischen Kurdenpartei PYD, Saleh Muslim, teilte über Twitter mit, die Türkei sei jetzt im «syrischen Sumpf» angelangt. Man werde siegen – wie im Kampf gegen den IS. Das Regime in Damaskus bezeichnete den Vorstoss der Türkei als Aggression. Russland äusserte sich besorgt über die Bodenoffensive.

Seit vergangenem Jahr hat der Nato-Staat mehrfach mit Artillerie über die Grenze gefeuert. Er reagierte damit auf Raketeneinschläge in türkischen Städten. Zudem entsandte Ankara verschiedentlich Spezialkommandos in das Bürgerkriegsland, etwa im Februar 2015, als das Mausoleum von Süleyman Sah, dem Grossvater des Begründers des Osmanischen Reichs, evakuiert wurde. Das Parlament in Ankara ermächtigte die Armee im vergangenen Jahr zu grenzüberschreitenden Missionen in Syrien.

Appell aus Washington

Die Offensive in Jarablus birgt freilich die Gefahr, dass die türkische Armee in Nordsyrien in Gefechte mit der Kurdenmiliz YPG – einem Teil der von den Vereinigten Staaten unterstützten Syrisch-Demokratischen Streitkräfte – verwickelt wird. Ankara betrachtet die YPG als Terrororganisation. Der amerikanische Vizepräsident Joe Biden stellte sich am Mittwoch hinter die Position Ankaras, wonach der Euphrat eine rote Linie darstelle. Sollten die kurdischen Milizen diese überqueren, könnten sie nicht weiter auf amerikanische Hilfe zählen, sagte Biden bei einem Besuch in Ankara.