Staatspolitisches Kuriosum

Unabhängigkeitsbewegung auf der lsle of Man: Niemand ist eine Insel

von Gerald Hosp / 04.10.2016

Das Streben nach Unabhängigkeit vom Vereinigten Königreich auf der Isle of Man scheint nicht virulent zu sein. Die Autonomiebewegung erhofft sich aber einen Aufschwung durch den Brexit.

Hoch oben auf dem baumlosen Snaefell, mit 621 Metern über dem Meeresspiegel die höchste Erhebung der Isle of Man, bläst der Wind so stark, dass es einem schier die Brille wegschlägt. An Tagen mit klarer Sicht soll man vom Gipfel aus sieben Königreiche sehen: England, Irland, Schottland, Wales, die Isle of Man, natürlich, sowie die Königreiche des Himmels und der See. An trüben Tagen sieht man höchstens drei davon.

Ein staatspolitisches Kuriosum

Das Inselreich liegt aber nicht nur inmitten der Irischen See und der Britischen Inseln gleichzeitig im Zentrum und an der Peripherie, es ist zusammen mit den Kanalinseln auch ein staatspolitisches Kuriosum: Die Isle of Man ist ein Kronbesitz und damit direkt der britischen Krone unterstellt. Sie ist aber weder ein Teil des Vereinigten Königreichs noch ein souveräner Staat. Sie gehört auch nicht zur Europäischen Union (EU). Vielmehr steht die Insel mit Grossbritannien und der EU in einer Zollunion für Güter. London zeichnet für die Verteidigung und die aussenpolitische Vertretung verantwortlich. Die Bewohner der Insel sind aber britische Staatsbürger – mit Einschränkungen.

Die Entscheidung des Vereinigten Königreichs, die EU zu verlassen, rief auf der Insel, die doppelt so gross ist wie der Kanton Genf, unterschiedliche Reaktionen hervor. Je nachdem, welche zukünftige Beziehung London und die übrigen EU-Staaten aushandeln werden, wird dies auch bestimmend für die rund 88 000 Inselbewohner sein. Unmittelbar nach dem Votum für den Brexit Ende Juni kamen Stimmen für den „Mexit“ auf; damit ist Unabhängigkeit der Isle of Man von der britischen Krone und von Grossbritannien gemeint. Als souveräner Staat könnten mehrere aussenpolitische Optionen erwogen werden, meinte Philip Gawne, der frühere für Infrastruktur zuständige Minister. Auch eine Mitgliedschaft in der EU oder ein Assoziierungsabkommen wären dann eine Möglichkeit für einen eigenständigen Staat.

Im Wahlkampf köchelte das Thema Mexit auf kleiner Flamme. Am 22. September wählte die Bevölkerung der Insel die 24 Mitglieder des House of Keys, wie das Unterhaus des Tynwald, des Parlaments der Isle of Man, bezeichnet wird. Der Tynwald gilt als das älteste durchgängig bestehende Parlament der Welt. Im Fragenkatalog des Lokalblattes „Courier“ mussten die hoffnungsfrohen Kandidaten vor der Wahl zu Themen vom zukünftigen Verlauf des Pferdetrams bis zur optimalen Bevölkerungsgrösse Rede und Antwort stehen, nur der Brexit und die Unabhängigkeit kamen nicht vor. Richard Butt, der Chefredaktor der Wochenzeitung, erklärt dies damit, dass die Unabhängigkeit für die Mehrheit der Leute auf der Insel kein brennendes Thema sei. Die Leser seien aufgefordert worden, selbst Fragen an die Kandidaten zu stellen. Das Thema Brexit sei aber nie gefallen.

Treueeid auf die Königin

Im „White House“, einem düsteren Pub im Fischerstädtchen Peel an der Westküste der Insel, breiten Bernard Moffatt und Mark Kermode aus, warum ihre Partei Mec Vannin, die Söhne von Man, nicht an Wahlen teilnimmt. Moffatt ist der Präsident und Kermode der Parteichef der nationalistischen Bewegung, die sich die völlige Unabhängigkeit von der britischen Herrschaft auf die Fahne geschrieben hat. Wer in den Tynwald gewählt wird, muss einen Treueeid auf die britische Monarchin Elizabeth II. leisten, die mit dem Titel Lord of Mann dem Inselreich vorsteht. Einen solchen Schwur wollen sie nicht leisten. Mec Vannin versteht sich als republikanische, linksgerichtete, antikolonialistische Bewegung.

„Die Seele verkauft“

Bei Guinness-Bier und Cola schimpfen die zwei über den bisherigen Chefminister der Insel, Allan Bell, der schon vor der Wahl gesagt habe, dass er zurücktreten werde. Bell hatte seine politische Karriere bei Mec Vannin begonnen. Für das Parlament kandidierte er später als Unabhängiger, was auf der Insel üblich ist, weil die Politik nicht von Parteien, sondern von Einzelpersonen dominiert wird. Kermode grummelt, dass sie an ihren Prinzipien festhalten würden. Moffatt wird deftiger: „Bell hat seine Seele an den britischen Teufel verkauft.“

Moffatt, der in den frühen 1960er Jahren einer der Mitgründer von Mec Vannin war, räumt ein, dass in diesem Wahlkampf zum ersten Mal seit langer Zeit die Frage der Unabhängigkeit keine Rolle gespielt habe. Die Stimmung im Pub ist zwar nicht dementsprechend, Mec Vannin hat aber die Isle of Man entscheidend geprägt: Im Grunde habe die Bewegung alle Ziele, die bei der Gründung formuliert worden seien, erreicht, sagt Moffatt. Die Insel wurde weitestgehend politisch und fiskalisch unabhängig. Dies stimmt jedoch in unterschiedlichem Masse auch für die anderen Kronbesitzungen und für Überseegebiete, die ohne Autonomiebewegung ausgekommen sind. Das Symbol der Unabhängigkeit, das Dreibein, ist auf der Insel omnipräsent. Der dazugehörende Wahlspruch, „Wohin du es auch wirfst, es wird stehen“, passt zum pragmatischen Ansatz der Insulaner. Die Insel gibt eigene, an das britische Pfund gekoppelte Banknoten und Briefmarken heraus, was Einnahmen bringt. Die Bedeutung des Vizegouverneurs, des Vertreters der britischen Monarchin, im institutionellen Gefüge hat schrittweise abgenommen. Die im Tynwald beschlossenen Gesetze müssen die königliche Zustimmung im Kronrat in London erhalten. In der Praxis überprüft das britische Innenministerium die Gesetzesbeschlüsse und gibt eine Empfehlung ab. Üblicherweise wird aber die königliche Genehmigung erteilt. In den 1960er Jahren hatte es die letzte sogenannte Verfassungskrise gegeben, als London auf der Isle of Man stationierte Piratensender unterbunden hatte. Theoretisch aber kann sich London einmischen.

Mec Vannin wandelte sich mit diesen Erfolgen und wurde in den 1980er Jahren zu einer republikanischen Partei. Nach Moffatt unterliegt die Unterstützung für die nationalistische Bewegung einem Zyklus. Von Regierungsseite habe man seit den frühen 1990er Jahren den kulturellen Nationalismus gefördert, um dem politischen das Wasser abzugraben. Viel Geld wurde in die Revitalisierung der Manx-Sprache, der Spielform des Gälischen auf der Isle of Man, investiert.

Viele Zuzüger aus England

Im Jahr 1974 war der letzte Manx-Muttersprachler gestorben. Mittlerweile soll es wieder solche geben. Mit der Sprache und der Rückbesinnung auf die Kultur kam jedoch auch die Frage nach der Identität. Vor sechs Jahren hatte eine nationalistische Graffiti-Aktion für Aufregung gesorgt. An mehreren Stellen der Insel waren die Namen und das Jahr der Unabhängigkeitserklärung ehemaliger britischer Kolonien an Wände gesprayt worden. Bei „Vannin“, dem Manx-Wort für die Isle of Man, prangte ein Fragezeichen. Dies war das letzte Aufbäumen in Form einer nationalistischen Direktaktion.

Für den 70-jährigen Moffatt, der im Widerstand seinen Jungbrunnen gefunden hat, könnte der Brexit ein kritischer Moment für die Unabhängigkeitsbewegung sein. Die Regierung in Douglas solle direkt Gespräche mit Brüssel führen. Zwar bereitet der EU-Austritt Grossbritanniens auch im Nicht-EU-Gebiet Isle of Man einiges Kopfzerbrechen. Unmittelbar wären – je nach dem künftigen Verhältnis zwischen dem Vereinigten Königreich und der EU – die Fischerei, die Landwirtschaft und die Industrie betroffen, die derzeit von der Zollunion mit der EU profitieren. Der Brexit wird aber auf der Insel selten mit dem Streben nach Unabhängigkeit verbunden.

Das frühere Regierungsmitglied Philip Gawne, der den Mexit während des Wahlkampfs ansprach, wurde abgewählt. Der Journalist Richard Butt ortet derzeit keine Resonanz des Themas bei einer Mehrheit der Bevölkerung, und Jane Dellar von der Handelskammer, die aus Heimweh ihren Job in Bahrain aufgab, argumentiert, ein Mexit sei nicht wünschenswert. Man könne nicht in Isolation arbeiten. Die Mehrheit scheint mit dem Status quo zufrieden zu sein. Es kommt hinzu, dass rund die Hälfte der Bevölkerung nicht auf der Insel geboren wurde. Die meisten Zuzüger, die bereits nach zwölf Monaten auf der Isle of Man wählen dürfen, kommen aus England. Für diese steht die Unabhängigkeit nicht ganz oben auf der Prioritätenliste.

Finanzbranche unter Druck

Vielmehr stehen die Haushaltsprobleme im Vordergrund. Mit der neuen Aufteilung der Mehrwertsteuer durch London im Jahr 2009 wurde die Insel auf einen Schlag um gut ein Viertel der Staatseinnahmen gebracht. Zudem wurde die Offshore-Finanzbranche durch die Finanzkrise und das internationale Streben nach mehr Steuertransparenz getroffen. Die Regierung setzt bisher auf mehr Wachstum, um den Zwang zum Sparen im Zaum zu halten. Internet-Kasinos, Betreiber kommerzieller Satelliten, Jachtbesitzer und Startups im Bereich der Finanztechnologie werden angelockt. Mit dem Brexit kommt ein weiterer Unsicherheitsfaktor hinzu.

Die Strategie hat auch noch weitere Auswirkungen: Wachstum bedeutet in der Regel auch Zuzug. Regierung und Wirtschaftsvertreter sprechen von rund tausend neuen Arbeitskräften pro Jahr in der nächsten Dekade, die nötig seien, um den Haushalt und die Pensionen zu sichern. Laut der Handelskammer kann die Bevölkerung von derzeit 88 000 auf 115 000 Personen anwachsen, ohne dass die Infrastruktur erweitert werden müsste. In den vergangenen Jahren nahm die Anzahl ausgestellter Arbeitsgenehmigungen für Ausländer ab, die Gesellschaft altert; gleichzeitig ist die Arbeitslosenquote niedrig, was Anzeichen für einen engen Arbeitsmarkt sind.

Bei Mec Vannin ist man von der Strategie nicht überzeugt. Mark Kermode meint, dass das Wachstum auf einer Insel wieder aufgefressen werde, weil sich die Infrastruktur anpassen müsse, wofür es Steuereinnahmen brauche. Da die Einkommenssteuer nach oben gedeckelt ist, träfe es proportional gesehen dabei diejenigen übermässig, die wenig verdienen. Mit dem Brexit könnte aber auch ein anderes Phänomen eintreten: Engländer, die auf die Isle of Man gezogen sind, um in einem nicht durch die EU verdorbenen Grossbritannien zu wohnen, könnten Gedanken an eine Rückkehr hegen. Mancherorts sieht die Insel wie ein Freiluftmuseum für die gute alte Zeit aus. Ist die Isle of Man möglicherweise ein Modell für das Post-EU-Grossbritannien? Ein Offshore-Platz, der seine globale Nische sucht? Wer weiss. Dabei stellt sich auch die Gegenfrage: Welches Isle of Man ist denn gemeint? Für Bernard Moffatt ist es klar: Es sollte unabhängig von Grossbritannien sein. Er ist gar der Überzeugung, dass London die Fesseln lösen würde, wenn die Regierung in Douglas dies nur verlangte. Kermode stimmt zu: „Autonomie ist eine Geisteshaltung. Und wir bewegen uns rückwärts.“ Neue Gesichtergho. ⋅ Das House of Keys, das Unterhaus des Parlaments auf der Isle of Man, ähnelt mit den grünen Ledersitzen und dem dunklen Holz einem englischen Klub. Sinnigerweise befindet sich das Parlament derzeit in einem Gebäude, das früher einmal eine Bank gewesen ist. Die Aufstellung der Sitze entspricht dem Westminster-Modell: Eine Hälfte der 24 Abgeordneten sitzt der anderen gegenüber. Auf der Isle of Man entspricht dies aber nicht den Regierungs- und Oppositionsseiten. Parteien sind im politischen Leben auf der Isle of Man schwach ausgeprägt, die Abgeordneten sind meist Unabhängige. Der Regierungschef wird aus dem Kreis der Abgeordneten gewählt, der wiederum aus demselben Pool seine Regierungsriege zusammenstellt. Bei der Wahl im September sind so viele neu Abgeordnete eingezogen wie schon lange nicht mehr. Die Hälfte des House of Keys wurde ausgetauscht. Dies bedeutet eine Zäsur: Sowohl der Regierungschef als auch der Finanzminister hatten vor der Wahl ihren Rücktritt angekündigt. Zum ersten Mal sind fünf Frauen im Unterhaus präsent. Als einzige Partei hielt Liberal Vannin mit drei Kandidaten Einzug ins Parlament. Der neue Chefminister wird am 4. Oktober gewählt.