Luca Bruno / AP

Ungenügende Sicherheitsvorkehrungen

Nizza schon früher im Visier von Islamisten

von Andreas Rüesch / 15.07.2016

Seit Monaten haben sich Frankreichs Behörden auf das Szenario eines Anschlags an der Côte d’Azur vorbereitet. Dass Nizza ein Ziel von Terroristen ist, war bekannt. Dennoch blieb das Sicherheitsdispositiv lückenhaft.

Nach der Horrorfahrt eines offensichtlich terroristisch motivierten Lastwagenfahrers an der Strandpromenade von Nizza fragt sich Frankreich, weshalb an diesem stark belebten Ort eine derartige Sicherheitslücke herrschte. Gewarnt waren die Behörden jedenfalls. Vor zwei Jahren hatten die Sicherheitskräfte einen Anschlag vereitelt, der sich gegen den berühmten Karneval von Nizza richtete.

Wie französische Medien berichten, wurde im Februar 2014 ein 23-jähriger Mann namens Ibrahim Boudina festgenommen; er war im Besitz des Sprengstoffs Tricycloacetonperoxid, der schon bei früheren Anschlägen zum Einsatz kam. Boudina sei inspiriert gewesen vom Anschlag auf den Bostoner Marathon, hiess es. Die Explosion zweier Sprengsätze hatte dort 2011 in der grossen Menschenmenge beim Zieleinlauf drei Todesopfer und zahlreiche Schwerverletzte gefordert.

Nach Rio und Venedig zählt der Karneval von Nizza zu den meistbesuchten Karnevalsfesten der Welt. Je nach Angabe lockt er jährlich eine halbe Million oder mehr Besucher an. Im vergangenen Jahr, unter dem Eindruck des Massakers in der Redaktion der Satirezeitschrift „Charlie Hebdo“, wurden die Sicherheitskräfte daher verdoppelt. Auf den Februar 2016 hin wurde das Sicherheitsdispositiv nochmals verstärkt; zu den bereits eingesetzten 400 städtischen Polizisten und 1400 Mitgliedern der nationalen Sicherheitskräfte stiessen weitere Einheiten. Die Massnahmen waren laut „Le Monde“ koordiniert mit dem Innenministerium in Paris und dienten nicht zuletzt als Hauptprobe für weitere Grossereignisse des Jahres, vor allem die Fussball-Europameisterschaft.

Auch das Filmfestival von Cannes wurde als mögliches Terror-Ziel erkannt und in die Planungen einbezogen, ferner die Fête du citron in Menton, die jährlich eine Viertelmillion Besucher anzieht. Bei Übungen an der Côte d’Azur habe man alle Szenarien durchgespielt, selbst jenes eines Angriffs mit radioaktiven, chemischen oder biologischen Waffen, erklärte der Unterpräfekt des Département Alpes-Maritimes. In Cannes richtete man einen Kommandoposten ein, der selbst gegen einen möglichen Angriff aus dem Cyberspace geschützt wurde.

Einen derart ausgeklügelten, aufwendigen Anschlagsplan benötigte der 31-jährige Täter von Nizza jedoch nicht – ohne Einsatz von Sprengstoff oder Hightech-Mittel vermochte er mit seinem Lastwagen ein enormes Blutbad im Herzen der Stadt anzurichten. Ob es konkret zu diesem Szenario ebenfalls Planungen der Behörden gegeben hatte, ist derzeit noch unbekannt. Sicher ist allerdings, dass der Leiter des Inlandgeheimdiensts DGSI, Patrick Calvar, erst kürzlich vor einer neuen Welle von Attentaten gewarnt hatte. Calvar sprach dabei allerdings von Fahrzeugbomben, nicht vom Versuch, Menschen mit Lastwagen niederzuwalzen.

Beunruhigt waren die Behörden auch durch die propagandistischen Umtriebe des Jihadisten Omar Diaby. Der aus Nizza stammende Terrorist mit senegalesischen Wurzeln gilt als einer der wichtigsten Rekruteure von französischen Jihad-Reisenden. Innerhalb der mit al-Kaida verbundenen syrischen Terrorgruppe Nusra-Front kommandiert er angeblich eine Einheit von französischen Extremisten. Nachdem die Sicherheitsbehörden im vergangenen Jahr zur Einschätzung gelangt waren, dass Diaby wohl umgekommen sei, tauchte dieser im Mai wieder auf und behauptete, die Gerüchte um sein Ableben absichtlich inszeniert zu haben.