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Grossbritanniens linke Antisemiten

Ungleiche Maßstäbe an Israel

Meinung / von Markus M. Haefliger / 11.05.2016

An Israels Politik darf Kritik geübt werden. Eine Auseinandersetzung in Großbritannien zeigt aber, wie sich hinter linken Kritikern der Antisemitismus verbergen kann.

Der frühere Bürgermeister von London, Ken Livingstone, ist seine Mitgliedschaft in der Labour Party vermutlich los. Im Zusammenhang mit den Antisemitismusvorwürfen gegen einige linksradikale oder einfach nur dumme Exponenten seiner Partei hatte er die Zionisten der frühen dreißiger Jahre in die Nähe Hitlers gerückt. Der Druck auf die Labourführung, gegen Antisemiten in den eigenen Reihen durchzugreifen, ist groß. Gegenwärtig untersucht eine parteiinterne Kommission fünfzig entsprechende Fälle von Genossen, deren Parteimitgliedschaft wie diejenige Livingstones vorläufig ausgesetzt wurde. Der linke Antisemitismus beginnt da, wo er den Protest gegen das lockere Mundwerk eines Ken Livingstone und anderer als „orchestriertes“ Machwerk einer „Israel-Lobby“ abtut. Man muss sich nur vorstellen, wie verquer eine ähnliche Rechtfertigung daherkäme, wenn sie andere Vorzeichen trüge, wenn also etwa Rassisten die Kritik an ihren saloppen Äußerungen als Propaganda einer „Afrika-Lobby“ verunglimpften. Der Publizist Jonathan Freedland schrieb im „Guardian“, britische Juden forderten in der Debatte nur, dass sie gleich behandelt würden wie andere ethnische Minderheiten.

Wo verläuft die Grenze zwischen legitimer Kritik an der israelischen Regierung und Antisemitismus? Die Diskussion betrifft nicht nur England, wird hier derzeit aber besonders sorgfältig erörtert. In der Sunday Times ging der Historiker Niall Ferguson der Sache von Hitler und den Zionisten auf den Grund. Eine Gruppe von Zionisten (nicht „die“ Zionisten, wie Livingstone behauptet hat) vereinbarte 1933 mit dem Naziregime, dass deutsche Juden ihren mobilen Besitz bei der Auswanderung in das damals britische Mandatsgebiet Palästina mitnehmen durften. Die Motive hinter dem Abkommen, im Übrigen eine Randnotiz der Geschichte, kamen aus völlig entgegengesetzten Richtungen.

Der Antisemitismus versteckt sich im Gestrüpp der Argumente an vielen Orten. Einer ist der Hinweis auf den historischen Frevel, der Palästinensern bei der Gründung Israels nach dem Zweiten Weltkrieg zugefügt worden sei. Das Unrecht gab es zweifellos, aber wieso soll es heute das Existenzrecht Israels infrage stellen? Es gibt keinen Nationalstaat, dessen Gründung oder Bewahrung nicht irgendeinmal gewaltsam und ungerecht verlief. Ob der Terror der Französischen Revolution, der Landraub der englischen Enclosures, die Eroberungs- und Bürgerkriege eines Garibaldi und jene in Amerika – keiner der entsprechenden Staaten und keine ihrer Gründungsgeschichten ist frei von Schuld. Aber nur den Israeli wird das von gewissen Kreisen gebetsmühlenhaft vorgehalten.