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Griechenlands blühende Start-up-Szene

von Marco Kauffmann Bossart / 03.03.2015

Griechenlands Wirtschaftskrise wirkt als Triebfeder für Neugründungen im Technologiesektor. Damit verbunden ist die Hoffnung auf einen Mentalitätswandel. Eine schwerfällige Bürokratie steht unternehmerischem Geist aber oft im Weg. Eine Bestandsaufnahme von NZZ-Korrespondent Marco Kauffmann Bossart aus Athen.

Neben dem verwaisten Fabrikgebäude mit zerbrochenen Scheiben und Außenwänden voller Graffiti führt eine stählerne Wendeltreppe in eine Unternehmenswelt, die dem Silicon Valley entstammen könnte. Die Mitarbeiter tragen Jeans und Turnschuhe. Einige sitzen auf roten Hockern und Gummibällen und diskutieren über Projekte. Andere stehen vor einem Computer zusammen. Als Garderobe dient ein baumartiges Konstrukt aus Plastik. Am Sitz von Industry Disruptors, einer Nichtregierungsorganisation im Industriequartier Rouf in Athen, soll gefördert werden, was Griechenland so dringend braucht: innovative, wettbewerbsfähige Jungunternehmen.

Wie eine Partnervermittlung

Athanasios Ladopoulos, Mitbegründer von my-e-tutor.org, kommt gerade von einer Geschäftsreise aus den USA zurück. In der Heimat der weltweiten Start-up-Szene, dem Silicon Valley, warb er um Investoren für sein Ausbildungs-Portal, das darauf angelegt ist, Lernprozesse zu individualisieren. Algorithmen und über das Internet zugeschaltete Tutoren sollen einen maßgeschneiderten Nachhilfeunterricht bieten, quasi eine Mischung aus Mensch und Maschine.

Zielgruppe sind Schüler auf der ersten Gymnasialstufe bzw. deren besorgte Eltern. In der Startphase konzentrieren sich Ladopoulos und sein zehnköpfiges Team auf Studenten in Europa und Amerika, die in naturwissenschaftlichen Fächern hinterherhinken. Ladopoulos hat eine Roadshow in Kalifornien hinter sich, wo interessierte Ankerinvestoren, wie man sie in Griechenland kaum finde, die Erfolgschancen des Tutoren-Portals ausloteten. Ob er das gewünschte Kapital, eine Millionen Euro, erhalten wird, weiß Ladopoulos erst im April. In den Büros von Industry Disruptors bespricht er mit Start-up-Experten das weitere Vorgehen.

Ladopoulos, der lange in der Londoner City tätig war, startet sein Projekt wegen der tiefen Lohnkosten für Programmierer in Griechenland, wo viele gut qualifizierte Arbeitskräfte arbeitslos sind. Bis im September will er 50 Tutoren unter Vertrag haben, die rund 500 Studenten betreuen. Wer samstags um 23 Uhr lernen will, soll mit einem Tutor zusammengeführt werden, der dann verfügbar ist und dessen Unterrichtsstil zum Lernverhalten des Studenten passt. Das Prinzip sei dasselbe wie bei einer Partnervermittlung, sagt Ladopoulos und streicht lächelnd mit der Hand über sein graues Käppi.

Wenngleich my-e-tutor.org in Griechenland aufgebaut wird, schwebt dem früheren Funds-Manager mit einem Master in künstlicher Intelligenz eine globale Firmen-Architektur vor. Für den Hauptsitz haben die Gründer den amerikanischen Bundesstaat Delaware im Auge. Nicht nur das günstige steuerliche Umfeld spiele eine Rolle, sondern auch die Präsenz auf dem weltweit größten Bildungsmarkt.

Ladopoulos, der sich mit in einem in Griechenland lebenden Amerikaner zusammengetan hat, sieht die wirtschaftliche Krise als Chance, die verkrusteten Strukturen in der hellenischen Republik aufzubrechen. Nicht von ungefähr hat sich die Förderorganisation Industry Disruptors den Leitspruch „Disrupting Mindsets“ gegeben. Die Visitenkarte des Mitbegründers Michalis Stangos illustriert die Botschaft mit einem Stier, der kampfeslustig zum Sprung ansetzt. Dass in Griechenland institutionelle Rahmenbedingungen und eine schwerfällige Bürokratie unternehmerischen Geist oft behindern, erlebte Stangos selber. Nach einem MBA in London beschäftigte er sich in der griechischen Verwaltung mit Wirtschaftsförderung. Er nennt es ein deprimierendes Erlebnis, zumal ausschließlich mit einem Top-Down-Ansatz gedacht worden sei.

Modernisierte Kunst

Ohne die wirtschaftlichen Verwerfungen der vergangenen Jahre würde Dimitris Schoretsanitis weiterhin in einer Werbeagentur arbeiten – davon ist der Gründer von Modernizor überzeugt. Ihn hat die Krise bewogen, seine Leidenschaft für Bilder und Zeichnungen von wenig beachteten Künstlern in eine Geschäftsidee zu transformieren. Schoretsanitis’ Datenbank umfasst bereits 60.000 Dokumente: Zirkusplakate aus den dreißiger Jahren, historische Landkarten und Schwarz-Weiß-Fotos monumentaler Bauwerke. Genutzt werden unter anderem Darstellungen, deren Urheberrechtsschutz verfallen ist. Grafikdesigner verpassen den in Vergessenheit geratenen Darstellungen eine zeitgenössische Note. Den Käufern wird angeboten, das solchermaßen modernisierte Werk, auf Medien wie Plexiglas oder Textilien abgedruckt, online zu bestellen. Für den Vertrieb strebt er die Kooperation mit bestehenden Onlineportalen an.

Schoretsanitis hofft, dass die Schuldenkrise, die innerhalb von sechs Jahren rund ein Viertel der Wirtschaftsleistung auslöschte und die Jugendarbeitslosigkeit auf mehr als 50 Prozent katapultierte, einen Mentalitätswandel einleitet. Bisher hätten viele von einer einträglichen Lebensarbeitsstelle in der Staatsverwaltung geträumt. Jetzt sei man zu Kreativität gezwungen. Modernizor hat für die Gründerphase einen privaten Financier gewonnen. Andere Start-ups klopfen bei den vier Venture-Capital-Funds an, die von der EU-Kommission und der Europäischen Investitionsbank mitfinanziert werden. Manche Jungunternehmer erzählen, die Finanzierung sei nicht einmal das größte Problem. Oft kämpften sie gegen Widerstände aus dem familiären Umfeld, das ihnen ein halsbrecherisches Abenteuer unterstelle.

Mehr als Jobs

Ein paar hundert Start-up-Unternehmen werden Griechenlands Volkswirtschaft nicht aus der Misere führen können. Auch schaffen längst nicht alle den Durchbruch. Doch zeigen Erhebungen, dass inmitten der Krise einige tausend Arbeitsplätze im Technologiesektor entstanden sind. Dadurch ist es auch gelungen, den mit der Rezession einhergehenden Braindrain zu verlangsamen und Auslandgriechen in die Heimat zurückzuholen.

Der Leiter von Industry Disruptors, Michalis Stangos, sagt diplomatisch, die Schaffung eines unternehmerischen Ökosystems zähle vermutlich nicht zu den Prioritäten der im Januar gewählten Linksregierung. Von ihr abhängig ist seine Organisation, die von Donatoren und Stiftungen getragen wird und aussichtsreiche Start-ups unterstützt, indes nicht. Nach der Verabschiedung bestellt Stangos dem Besucher per App ein Taxi – auch diese ist das Ergebnis eines Start-ups.