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Essay

Uns Briten ist die EU zu langweilig

von Simon Kuper / 28.02.2016

Begeisterte Mitglieder waren wir nie. Vielleicht würde sich das ändern, wenn die EU doch nur ein bisschen witzig oder spannend wäre. Manches auf dem Kontinent bewundern wir Briten sogar, etwa die Cafés und die Autos. Ein Austritt würde dem Land wirtschaftlich schaden – gerade deshalb ist uns ein Brexit zuzutrauen, schreibt Simon KuperDer 47-jährige Brite wurde in Uganda geboren. Er studierte Geschichte und Deutsch in Oxford und Harvard. Seit 1994 schreibt er für die Financial Times. Er verfasste mehrere Bücher, „Football Against the Enemy“ etwa oder als Co-Autor „Soccernomics“. Er lebt mit seiner Frau und drei Kindern in Paris. .

Kürzlich war ich für eine Reportage in einem armen weißen Quartier im Norden von Manchester. Fast alle Leute, mit denen ich sprach, schimpften über die Regierung und die Einwanderer. Die Boulevardblätter, die sie lesen, sind zwar auch vehemente Eurokritiker, aber niemand erwähnte die Europäische Union. Schließlich fragte ich einen Soziologen, der die Einstellung der Leute zur EU untersucht. Er meinte: „Ich bin jetzt ein Jahr hier, aber noch nie habe ich jemanden über Europa reden hören.“

Genau so sieht das Verhältnis vieler Briten zu Brüssel aus. Im Grunde interessieren sich nur einige meist ältere Leute für dieses Thema. Doch nun, da das Referendum über einen Verbleib in der EU für den 23. Juni anberaumt wurde, kommen die versteckten Empfindungen der Briten zum Vorschein. Ein Austritt dürfte ein grotesker Akt ökonomischer Selbstbeschädigung sein – weshalb durchaus damit zu rechnen ist, dass viele dafür sind. Aber wer kann das schon sagen. Wer verstehen möchte, wie Briten denken, sollte sich an zwei Richtlinien halten: Erstens, es gibt kein Großbritannien mehr, sondern nur noch Klassen und Regionen, und zweitens, um die Briten zu begreifen, ist es wichtig, Witze von der Realität zu unterscheiden.

Drei majestätische Kreise

Es war – natürlich – Winston Churchill, der am besten beschrieben hat, wie das vereinte Europa in die britische Psyche passt. 1948, lange vor der europäischen Einigung, wies er darauf hin, dass man sich Großbritannien in drei Kreisen denken müsse. Der erste war „natürlich das Commonwealth und das Empire“, der zweite war „die englischsprachige Welt …, und schließlich gibt es noch das vereinte Europa. Diese drei majestätischen Kreise existieren Seite an Seite.“

Deutsche oder Italiener betrachten sich wohl als Europäer. Die Briten sind anders.

Die grausame Formulierung „und schließlich“ war korrekt. Churchills Empire ist untergegangen, aber für die meisten Briten ist die anglofone Welt viel wichtiger als Europa. Eine durchschnittliche Engländerin hat vielleicht irische Einwanderer-Eltern, einen Bruder in Australien und bewegt sich ganz und gar in der anglo-amerikanischen Kultur, sie schaut englischsprachige Fernsehsendungen und Filme und liest englischsprachige Bücher. Deutsche oder Italiener betrachten sich wohl als Europäer. Die Briten sind anders.

Der Zweite Weltkrieg trug nur zu einer Vertiefung des Grabens zwischen Dover und Calais bei. Viele Europäer sagten sich bei Kriegsende: Der Nationalismus war unser Fluch, jetzt müssen wir ihn in einem föderalen Europa überwinden. Für die Briten hielt die historische Situation vom Juni 1940 die entgegengesetzte Botschaft bereit: Ein nationalistisches Britannien stellte sich Deutschland ganz allein entgegen, nachdem der gesamte Kontinent kapituliert hatte. „Nach der Niederlage von Dünkirchen 1940 standen wir ganz allein da, abgeschnitten und verspottet …“, schrieb Penny Mordaunt, die Staatssekretärin im Verteidigungsministerium, unlängst in ihrem Aufruf für einen Brexit.

Wir wollten nie, dass Europa etwas Größeres wird als eine Freihandelszone.

Vor allem wegen dieser leidenschaftlichen Kriegserinnerungen konnten sich nur wenige Briten für den europäischen Föderalismus begeistern, der auf dem Kontinent eine so große Rolle spielte. In einem Land von Praktikern, die Idealen mit Skepsis begegnen und gegenüber allem misstrauisch sind, was langweilig tönt, konnten die Brüsseler Träume nicht reüssieren. Als wir 1973 schließlich der Europäischen Wirtschaftsgemeinschaft beitraten, taten wir das als skeptische Pragmatiker: Wir wollten nie, dass Europa etwas Größeres wird als eine Freihandelszone.

In ihrem Inseldasein fühlen sich die Briten ganz wohl – was insbesondere bei der älteren Generation auch mit der historischen Erfahrung zu tun hat: Strandszene in der Grafschaft Dorset. (Lyme Regis, 1. September 2014)
Credits: IAN TEH / VU / LAIF

Margaret Thatcher hat die Klischees über Europa und die Europäer am treffendsten zum Ausdruck gebracht. Geboren 1925, blieb sie zeitlebens ihren Erinnerungen an 1940 verhaftet. Im Dezember 1989 nahm sie an dem historischen Gipfeltreffen teil, auf dem Westdeutschland und Frankreich sich auf die Schaffung einer gemeinsamen Währung einigten. Thatcher jedoch hatte Größeres im Sinne. Die Berliner Mauer war gefallen, und Thatcher hatte sich über die Ursachen der Weltkriege informiert. Ihre Mission in Straßburg war es, die deutsche Wiedervereinigung zu blockieren. Sie zog Landkarten von Deutschland (vor und nach dem Krieg) aus ihrer Handtasche hervor, zeigte auf Schlesien, Pommern und Ostpreußen und erklärte dem französischen Präsidenten François Mitterrand: „Sie werden sich das alles wieder nehmen und die Tschechoslowakei noch dazu.“

Im Jahr darauf lud sie sechs angloamerikanische Deutschland-Experten zu einem Gespräch auf ihren Landsitz Chequers ein. Die Fachleute erklärten ihr, dass die Deutschen sich schon anständig benehmen würden, doch ihr Berater Charles Powell fasste die Diskussion später in einem kuriosen Memorandum zusammen: „Es kamen einige noch weniger schmeichelhafte Elemente des deutschen Charakters zur Sprache: Angst, Aggressivität, Anmaßung, Besserwisserei, Egoismus, Minderwertigkeitskomplex, Sentimentalität.“ (Die Satirezeitschrift „Private Eye“ parodierte dieses Memorandum in der Art von „Die Deutschen: tragen Schnurrbart, essen Würstchen …“)

Klischees made in UK

Frankreich galt als nahezu perfekt, wenn nur die Einheimischen nicht wären.

Aber nicht nur Thatcher dachte so. Britische Ansichten über Europa gehen selten über Klischees hinaus. Der Kontinent wurde lange Zeit wahrgenommen als ein Ort für erlaubte Ferien-Ausschweifungen („a bit of ooo-laa-laa“) und als ein Ort, wo britische Regeln der emotionalen Verstopfung und Pub-Schließungszeiten nicht galten. Im Laufe der Jahrzehnte wurden die Beziehungen zum Kontinent etwas enger, viele Briten kauften sich ein Häuschen in Frankreich oder Spanien, aber nur wenige lernten die Landessprache. Das machte es leichter, die Nachbarn auf ein paar Stereotype zu reduzieren. So schreibt der britische Autor David Winner: „Der Italiener gilt als charmant, warmherzig, gut gekleidet, familienorientiert, feige, mutterfixiert, als pograpschender und dolchschwingender Attentäter.“ Frankreich galt als nahezu perfekt, wenn nur die Einheimischen nicht wären.

Vieles finden Briten an den Kontinentaleuropäern bewundernswert: ihre Cafés, ihre Autos, ihren Fußball. Der linksliberale Guardian berichtet unter dem Titel „Britain Worst“ sogar regelmäßig über Dinge, in denen Großbritannien besonders schlecht dasteht – Teenagerschwangerschaften, Luftverschmutzung, bewusstes Rauschtrinken. Viele linksorientierte Briten betrachten Deutschland inzwischen als Arbeiterparadies. Aber ohne Sprachkenntnisse ist selbst diese Bewunderung oft oberflächlich. 2013 schrieben sich nur 615 Studienanfänger für das Fach Deutsch ein.

Europa löst nur Langeweile aus

Bevor der Begriff Brexit geschaffen wurde, waren Europa und die Europäer kaum Thema in öffentlichen Debatten. Über Brüssel zu schimpfen, war der sichere Weg, um auf einer Party die Aufmerksamkeit gutaussehender Briten zu verlieren. Als 2014 in einer Meinungsumfrage die dringlichsten Probleme Großbritanniens genannt werden sollten, schaffte es Europa nicht unter die ersten zehn.

Die nationale Langeweile, die Europa bei den Briten auslöst, macht es schwer, zu prognostizieren, wie die Briten am 23. Juni abstimmen werden. Und es gibt noch einen anderen Grund: Großbritannien driftet in den letzten Jahren zunehmend auseinander. Bis in die siebziger Jahre war das Land ziemlich vereint. Die Erinnerung an zwei Weltkriege verband die Leute, und aufgrund hoher Steuern gab es eine relativ geringe Einkommensungleichheit. London war damals nicht viel reicher als andere Gegenden.

Heute jedoch kann man die Haltung zu Europa nur verstehen, wenn man Großbritannien unterteilt. Meilenweit über den Provinzen steht London. Das multikulturelle Paradies liegt praktisch auf dem Kontinent: Hochgeschwindigkeitszüge verbinden London mit Paris und Brüssel, und in jeder Londoner Bäckerei, in jedem Waschsalon und in jeder Grundschule begegnet man Kontinentaleuropäern. (Der Stadtteil Kensington ist praktisch an Frankreich abgetreten worden.) Ein Brexit könnte den internationalen Finanzsektor schwächen, von dem die Stadt und die Immobilienpreise abhängen. Das wissen die Londoner. Sie werden für Europa stimmen.

Das Kernland der Euroskeptiker

Aber nur ein paar Kilometer weiter östlich, in der Grafschaft Essex, trifft man ältere, weniger gebildete weiße Engländer, für die 1940 noch immer ein historisches Datum ist. Dies ist das Kernland der Euroskeptiker. Diese Leute sind aus dem multikulturellen Paradies vertrieben worden, und viele wollen sich dafür rächen. Sie sehnen sich nach dem England, wie George Orwell es beschrieben hat: „Alte Jungfern radeln durch den morgendlichen Herbstdunst zur heiligen Kommunion …“

Weiter nördlich, an Orten wie Manchester etwa, das ich unlängst besuchte, verschwendet kaum jemand einen Gedanken an Brüssel, weil die Leute ohnehin das Gefühl haben, dass sie von London beherrscht werden, das ebenso fern und desinteressiert ist. Und dann haben wir noch das weitgehend linke, proeuropäische Schottland. Und neben diesen regionalen Differenzen dürfen wir den Bildungsstand nicht vergessen – allgemein gesagt, je weniger Bildung, desto mehr Unterstützung für Brexit.

Angeführt wird die Brexit-Kampagne in diesem zentrifugalen Land von Boris Johnson, dem strubbelhaarigen konservativen Londoner Bürgermeister. Witzigerweise verbrachte „Boris“ (wie ihn die Nation nennt) seine Kindheit in Brüssel. Sein Vater war ein britischer Eurokrat ottomanisch-türkisch-schweizerisch-deutscher Abstammung. Boris besuchte die Europäische Schule Brüssel mit ihrem multikulturellen Pausenplatz-Leben: „Die Dänen und Niederländer taten sich mit den Briten zusammen, um den Franzosen und Italienern eins auf die Nase zu geben.“

In einem Land, in dem Humor die Grundlage jedes Gesprächs ist, genießt Boris enorme Popularität.

Sonst ist er ein typischer Vertreter der englischen Oberschicht: Er war zusammen mit Premierminister David Cameron in Eton und Oxford, ist witzig und schlagfertig (zwei Eigenschaften, die im britischen Establishment mehr zählen als irgendwelche Fachkenntnisse). Boris war (und ist immer noch) ein glänzender Journalist, der quasi nebenher eine politische Karriere mit zahlreichen Affären verfolgt („Ich habe mit deutlich weniger als tausend Frauen geschlafen.“) und anderen Fehltritten: „Meine Freunde, es gibt, wie ich selbst festgestellt habe, keine Katastrophen, nur Gelegenheiten. Und, in der Tat, Gelegenheiten für neue Katastrophen.“

In seinen politischen Äußerungen schafft er es selten, seriös zu klingen. „Wenn Sie den Konservativen Ihre Stimme geben“, sagte er während einer Kampagne einmal, „wird Ihre Frau größere Brüste bekommen, und Ihre Chancen vergrößern sich, einen BMW M3 zu besitzen.“ In einem Land, in dem Humor die Grundlage jedes Gesprächs ist, genießt Boris enorme Popularität.

Eine Nation, die Europa nie geliebt hat, …

Er räumt ein („let’s be frank“), dass für die meisten Briten „die EU nicht das dringendste Problem ist“. Aber sein Vorhaben erscheint machbar: eine Nation, die Europa nie geliebt hat, davon zu überzeugen, aus einer zerstrittenen und kaum noch handlungsfähigen EU auszutreten. Eine solche Kampagne könnte auch in anderen europäischen Ländern Erfolg haben. Wäre denn sicher, dass die Franzosen oder Spanier in der EU blieben, wenn man ihnen ein Referendum anböte?

Gemäß jüngsten Umfragen sind 65 Prozent der Briten im Grunde ihres Herzens Euroskeptiker. Sie wollen entweder die EU verlassen oder die Macht der Union beschneiden. Viele stöhnen über „Nanny Brussels“ (Kindermädchen Brüssel), über immer neue Verwaltungsvorschriften. Boris selbst spottete über „Euro-Kondome“ und schimpfte über „lächerliche“ Bestimmungen, wonach etwa „Teebeutel nicht kompostiert oder Luftballons nicht von Kindern unter acht Jahren aufgeblasen werden dürfen“. (Fachleute halten zwar dagegen, dass es sich hier nicht um konkrete Vorschriften handelt. Aber wie uns Donald Trump lehrt, ist die Politik in eine Post-Tatsachen-Ära eingetreten.)

Für Boris wird die vorhandene Euroskepsis nicht ausreichen. Das Vereinigte Königreich ist der EU aus pragmatischen Gründen beigetreten, nicht aus Liebe, und am 23. Juni wird das Land auch aus pragmatischen Gründen vermutlich in der Europäischen Union bleiben. Nachdem die großen Projekte der EU (Schengen und der Euro) gescheitert sind und die 27 zerstrittenen Mitgliedstaaten vermutlich keine neuen Projekte mehr auf den Weg bringen werden, hat die EU ihr ehrgeiziges Ziel verloren. Sie ist die große Freihandelszone geworden, die sich die Briten immer gewünscht haben.

… hat sowieso Wichtigeres zu tun

Nur 30 Prozent der Befragten wollen aus der EU aussteigen. Die Londoner Wettbüros – die immer die besten Prognosen über jedes Thema liefern, vom Namen des nächsten königlichen Babys bis zur Wahrscheinlichkeit, dass sich die Apollo-Mondlandung als Schwindel erweist – geben die Chance eines Brexit mit 1:3 an.

Am 23. Juni werden die Briten wahrscheinlich Nein zu einem Brexit sagen und dann wieder rasch zu viel interessanteren Themen übergehen: die rituelle Demütigung der englischen Nationalmannschaft bei der Fußball-Europameisterschaft 2016, Affären von Prominenten (Boris wäre ideal) und die Probleme mit den Einwanderern. Brüssel ist viel zu langweilig, als dass es die Briten allzu lange beschäftigen könnte.