Vater Le Pen verwünscht seine Tochter

von Nikos Tzermias / 05.05.2015

Der Streit zwischen dem Gründer des Front National, Jean-Marie Le Pen, und dessen Tochter, der heutigen Parteichefin Marine Le Pen, hat sich weiter zugespitzt. Eine ernsthafte Spaltung der rechtspopulistischen Formation wird jedoch nicht erwartet, berichtet NZZ-Korrespondent Nikos Tzermias aus Paris.

Jean-Marie Le Pen, der 86-jährige Parteigründer und Ehrenpräsident des rechtspopulistischen Front National, hat am Dienstagmorgen gegenüber dem Radiosender „Europe 1“ erklärt, dass es skandalös wäre, falls seine treulose Tochter Marine 2017 die französischen Präsidentschaftswahlen gewinnen würde. Le Pen senior reagierte derart verärgert auf den Beschluss des Vorstands des Front National, seine Parteimitgliedschaft bis zu einem außerordentlichen Parteikongress zu suspendieren, an dem über die Absetzung des Ehrenpräsidenten (bzw. die Abschaffung des Amtes) abgestimmt werden soll. 

Kaum ernsthafte Spaltung

Parteichefin Marine Le Pen hatte während der letzten Monate immer wieder versucht, ihren Vater von einem freiwilligen Rückzug aus der Politik zu überzeugen. Jean-Marie Le Pen wollte davon aber nichts wissen und wartete vielmehr immer wieder mit neuen rechtsextremen und antisemitischen Provokationen auf, um die Versuche der Tochter, die Partei zu entdämonisieren, zu durchkreuzen. Anfang April lief das Fass über, als Vater Le Pen in einem Fernsehinterview gegenüber der rechtsextremen Zeitschrift „Rivarol“ die Gaskammern der Nazis erneut als „Detail der Geschichte“ bagatellisierte und das mit Nazi-Deutschland kollaborierende Vichy-Regime von Marschall Philippe Pétain beschönigte.

Nach den Äußerungen hatte sich Marine Le Pen in einer ungewöhnlich scharfen Erklärung gegen eine Kandidatur ihres Vaters in den Regionalwahlen im kommenden Dezember ausgesprochen und ihrem Vater vorgeworfen, dass er sich in einer Spirale zwischen einer „Strategie der verbrannten Erde und politischem Selbstmord“ befinde. In der Folge verzichtete Jean-Marie Le Pen zwar auf die Kandidatur in der Region Provence-Alpes-Côte d’Azur, und zwar zugunsten seiner Enkelin Marion Maréchal-Le Pen. Doch er lehnte es ab, sich für seine Äußerungen zu entschuldigen und sich aus der Politik zurückzuziehen. Er bekräftigte, dass er weiterhin sagen wolle, was er denke.

Hiesige politische Kommentatoren wie etwa Guillaume Tabard von „Le Figaro“ sind überzeugt, dass das Zerwürfnis zwischen Vater und Tochter Le Pen nicht zu einer ernsthaften Spaltung der Partei führen wird, sondern per saldo eher noch zu Stimmengewinnen führen könnte. Tatsächlich weisen Meinungsumfragen klar darauf hin, dass sich eine überwältigende Mehrheit nicht nur der Wähler, sondern auch der Mitglieder des Front National nicht mehr mit dem alten Le Pen identifizieren wollen und den neuen Kurs der Entdämonisierung unterstützen.

Dubiose Entdämonisierung

Trotzdem dürfte der Front National eine schillernde, ultranationalistische und stark rechts stehende Partei geblieben sein, die in der von der wirtschaftlichen Stagnation verunsicherten Bevölkerung Ängste vor einer massiven Überfremdung und Islamisierung Frankreichs zu schüren versucht. Die Partei feindet auch massiv die Brüsseler „Eurokratie“ an und scheute sich nicht, den Sieg der Linksradikalen in den griechischen Parlamentswahlen zu bejubeln.

Dabei argumentiert der Front aber nicht etwa im Geringsten aus wirtschaftsliberaler Warte, sondern vertritt vielmehr protektionistische Wirtschaftspositionen und befürwortet starke Staatseingriffe. Zu denken gibt sodann auch, wie sich Marine Le Pen nicht scheut, die Wiedereinführung der Todesstrafe zu fordern sowie dem Präsidenten Putin zu huldigen und ihre Partei mit Krediten einer russischen Bank zu finanzieren.