FRANÇOIS MORI / AP

Attentate in Paris

Verlorene Leichtigkeit

von Axel Veiel / 20.03.2016

Seit den Anschlägen in Paris sind die Franzosen wie gelähmt. Sie besuchen Restaurants und Theater weniger als zuvor. Soldaten mit Maschinengewehren gehören zum Straßenbild. Zur angespannten Stimmung kommentrübe wirtschaftliche Aussichten. Darunter leiden vor allem die Jugendlichen.

Sie sind Lebenskünstler. Alle Welt attestiert es ihnen. Doch das reicht nicht. Als Überlebenskünstler sind die Franzosen nun auch noch gefordert – und dies wohl auf Jahre hinaus. Die Anschläge vom 13. November, bei denen 130 Menschen ums Leben kamen, die Gewissheit, dass die Terroristen es bei 130 Toten nicht belassen wollen, das lässt sich nicht gnädigem Vergessen überantworten. Zumal der Alltag auf Schritt und Tritt daran erinnert.

Der Pariser Alltag vor allem. In den Bahnhöfen der Hauptstadt patrouillieren Soldaten. Das Maschinengewehr im Anschlag, bahnen sie sich in Dreiergruppen Gassen durchs Gedränge. Draußen halten Kollegen privater Sicherheitsdienste Wacht, werfen vor Supermärkten oder Museen misstrauische Blicke in Handtaschen und Rucksäcke. Aus U-Bahn-Schächten dringen Lautsprecherdurchsagen. Um stockenden Metroverkehr geht es und herrenlose Gepäckstücke, die mit der bei potenziellen Sprengkörpern angebrachten Vorsicht zu entfernen sind.

Wer die Zeitung aufschlägt, stößt auf ganzseitige Anzeigen der Regierung. Diese informiert den Bürger, wie er sich im Fall eines Terrorangriffs zu verhalten hat. Pastellfarbene Zeichnungen illustrieren, was Rettung verheißt. Vor rosarotem, zitronengelbem oder himmelblauem Grund schließen sich Strichmännchen ein, verbarrikadieren die Tür mit einem Sofa, schalten Licht, Computer und Mobiltelefon aus, suchen Feuerschutz hinter Mauern und Säulen.

Nur, die Sicherheitsvorkehrungen vermitteln kein Gefühl von Sicherheit. Sie erschrecken mehr, als dass sie beruhigen. Die Dreimann-Patrouillen wirken inmitten der sich durch Bahnhofshallen schiebenden Menschenmassen verloren. Taschenkontrollen fehlt es angesichts der Vielzahl des zu Inspizierenden an Gründlichkeit. Meist begnügt sich der Kontrolleur mit einem flüchtigen Blick in das ihm jeweils zur Ansicht dargebotene Handtaschen- oder Rucksackfach. Die Entfernung potenzieller Sprengsätze aus Metrostationen ruft immer wieder ins Gedächtnis, dass eine Bombe auch explodieren kann, bevor Alarm ausgelöst ist und Sprengstoffexperten zur Stelle sind.

Zu den Schreckensbildern des 13. November, diesen im kollektiven Gedächtnis eingravierten Kriegsszenen, tritt so Tag für Tag die Erkenntnis, dass die Anschlagsgefahr nicht gebannt ist. Hält man sich an die Worte des französischen Innenministers Bernard Cazeneuve, ist sie sogar höher denn je.

Die Verunsicherung ist umso größer, als es nicht nur an Schutz vor Anschlägen fehlt, sondern auch an Orientierung. Konzepte, wohin die gesellschaftliche Reise gehen soll, wie sich Frankreich zum Guten entwickeln könnte, sind rar. Oder wie es der Politikwissenschafter Pierre Rosanvallon formuliert: „Es fehlt an positiven Visionen, wie die Welt sein sollte, und an Ansatzmöglichkeiten, sie entsprechend zu verändern.“ Nach Ansicht des am Collège de France lehrenden Wissenschafters ist dieses Vakuum doppelt verhängnisvoll. Es mehrt nicht nur die Verunsicherung, sondern auch die terroristische Gefahr. Wenn Franzosen sich verstärkt auf die Religion besännen, wenn junge Menschen sich gar die wahnwitzigen, selbstzerstörerischen Konzepte des Islamischen Staates zu eigen machten, dann auch deshalb, weil sich in der Gesellschaft eine spirituelle Leere ausgebreitet habe und es an Sinnstiftendem fehle, glaubt Rosanvallon.

Jugendliche zweiter Klasse

Jugendliche kommt der Mangel an ideologischer Orientierung besonders hart an. Als Kind stellt man vor allem Fragen, als Heranwachsender will man vor allem glauben, hält Ausschau nach Idealen. Für Jugendliche, die in seelenlosen Vorstadtghettos aufwachsen, sich als Muslime und Nachfahren arabischer Einwanderer auf dem Arbeits- und Wohnungsmarkt als Bürger zweiter Klasse erleben, mag zur Suche nach Idealen das Verlangen nach Vergeltung treten. Die Propaganda des Islamischen Staates bedient beides. Die Jihadisten verheißen Reinheit des Glaubens und Rache an Ungläubigen. Sowohl nach dem Terrorüberfall auf die Pariser Redaktion des Satireblattes „Charlie Hebdo“ als auch nach den Anschlägen des 13. Novembers führten Spuren in die Banlieue.

Feststeht, dass der Islam im französischen Alltag immer größeren Raum einnimmt. Das Institut Randstad meldet, die Zahl der Manager, die sich regelmäßig mit religiös bedingtem Verhalten ihrer Mitarbeiter auseinanderzusetzen hätten, sei binnen eines Jahres von 12 auf 23 Prozent gestiegen. Ist der Koran auf dem Schreibtisch eines Angestellten zu dulden, die Gebetspause während der Arbeitszeit, das islamische Kopftuch im Kundengespräch? Heikle Fragen sind das, die so manchen Unternehmer unvorbereitet treffen, die Angst machen.

Was für Firmenchefs gilt, trifft auch auf Bürgermeister, Behördenleiter oder Sozialarbeiter zu. Auch sie sehen sich zunehmend mit religiösen Fragen konfrontiert. Nur, wie soll der Staat reagieren? Wie soll er der wachsenden Bedeutung der Religion Rechnung tragen, die ihn laut Verfassung doch nichts angeht, die in Frankreich seit 1905 reine Privatsache ist? Wie soll er auf die Schnelle seelenlose Vorstädte sanieren? Wie soll er eine gesellschaftliche Integration bewerkstelligen, um die er sich seit Jahrzehnten vergebens bemüht? Eine mission impossible scheint das zu sein.

Erschwerend kommt hinzu, dass es nicht nur an gesellschaftlichen Perspektiven fehlt, sondern auch wirtschaftlichen. Und wieder sind junge Leute die Hauptleidtragenden. Während die Jugendarbeitslosigkeit in der EU seit Anfang 2014 kontinuierlich sinkt, ist sie in Frankreich mit fast 26 Prozent auf Rekordniveau. Anders als in Italien oder Spanien, wo nach schmerzlichen Strukturreformen eine gewisse wirtschaftliche Dynamik Einzug gehalten hat, tritt Frankreich weitgehend auf der Stelle.

3000 Hausdurchsuchungen

Ein Versuch, den Kündigungsschutz für Berufsanfänger zu reduzieren und so die Chancen junger Leute auf dem Arbeitsmarkt zu erhöhen, war 2006 am Widerstand der Straße gescheitert. Heute bietet sich ein ähnliches Bild. Von einer couragierten Arbeitsmarktreform, die der sozialistische Staatschef François Hollande und sein Premier Manuel Valls am 24. März in den Ministerrat einbringen wollen, ist nach landesweiten Protesten von Gewerkschaften, linken Genossen, Schülern und Studenten nicht mehr viel übrig. Zu tiefgreifenden Strukturreformen scheint das Land nach wie vor nicht bereit.

So gewaltig muten die gesellschaftlichen und wirtschaftlichen Herausforderungen mittlerweile an, dass die Regierung wie auch weite Teile der Bevölkerung lieber wegschauen, als sich auf vermeintlich Unmögliches einzulassen. Kaum jemand fragt, wieso junge Franzosen versucht sein mögen, ihr Heil bei religiösen Fanatikern zu suchen. Valls hat die Frage nach den Ursachen des Terrors sogar zum Tabu erklärt. Wer sich um ein Verständnis des Terrors bemühe, rechtfertige ihn bereits ein wenig, hat der Premier gesagt.

Anstatt schmerzliche Fragen zu stellen, rüstet die Regierung lieber auf. Sie will den bereits bis 26. Mai verlängerten Ausnahmezustand sowie die Möglichkeit eines Entzugs der Staatsbürgerschaft als Sonderstrafe für verurteilte Terroristen in der Verfassung verankern. Das Ausnahmerecht, das die Sicherheitskräfte ermächtigt, ohne richterliche Genehmigung Durchsuchungen vorzunehmen, Hausarrest zu verhängen oder auch Kundgebungen zu verbieten, dürfte zum Dauerzustand werden.

Menschenrechtsorganisationen schlagen Alarm. Aus Sicht von Amnesty International steht die Schwere der Eingriffe in Bürger- und Freiheitsrechte in keinem Verhältnis zu den damit erzielten Ergebnissen. So seien nach den Pariser Anschlägen zwar bereits mehr als 3000 Hausdurchsuchungen durchgeführt worden. Mehr als 400-mal sei Hausarrest verhängt worden. Nur in fünf Fällen habe dies aber ein Ermittlungsverfahren wegen Verdachts terroristischer Aktivitäten nach sich gezogen.

Politologen, Ökonomen, Historiker, Soziologen und Juristen hatten zuvor bereits in einem offenen Brief an das Parlament appelliert, nicht „wegen aktueller politischer Umstände“ die Verfassung anzutasten und dort den Entzug der Staatsbürgerschaft zu verankern. Terroristen, die sich umbrächten, um andere in den Tod zu reißen, würden sich davon ohnehin nicht beeindrucken lassen.

Das Volk freilich applaudiert. Laut Umfragen heißen drei Viertel der Bevölkerung den Ausnahmezustand und den Entzug der Staatsbürgerschaft für Terroristen gut. Die Franzosen suchen Schutz bei der Staatsgewalt, nicht vor der Staatsgewalt, wie ihn Bürger- und Freiheitsrechte gewährleisten. Die Angst vor neuerlichen Anschlägen ist größer als die Angst, dass das Anti-Terror-Arsenal eines Tages einer Regierung in die Hände fallen könnte, die weniger demokratisch gesinnt ist als die derzeitige. Was immer nach Festigkeit gegenüber dem terroristischen Feind aussieht, ist willkommen. „Man könnte die Franzosen fragen, ob man Terroristen foltern soll, sie würden Ja sagen, sie haben Angst, das ist normal“, glaubt die frühere sozialistische Arbeitsministerin Martine Aubry, heute Bürgermeisterin von Lille.

Militärkarriere plötzlich beliebt

Was nicht heißt, dass die Franzosen nicht wüssten oder zumindest ahnten, dass Aufwand und Ergebnis auseinanderklaffen, dass auch Ausnahmezustand und Verfassungsänderungen keine Sicherheit bringen. Die Angst, sie bleibt. Und sie hat Folgen. Sie lähmt. Sie lastet auf den Menschen. Sie schürt Misstrauen, gegenüber den knapp zehn Prozent der Bevölkerung stellenden Muslimen zumal, die sich dem Generalverdacht des Terrorismus ausgesetzt sehen. Die Zahl der antiislamischen Anschläge ist 2015 auf 400 gestiegen. Im Vorjahr waren es 133 gewesen. Abgrenzung, Ausgrenzung ist angesagt. Oder wie es der Politikwissenschafter Rosanvallon formuliert: „Die Gesellschaft rückt im Angesicht der Gefahr nicht zusammen, Zerfallserscheinungen treten zutage, ein jeder ist mit seiner Angst hier recht allein.“

Mit dem rechtlichen Ausnahmezustand droht so auch der seelische zur Dauereinrichtung zu werden. Die den Franzosen nachgesagte Leichtigkeit, sie schwindet. Restaurants und Theater melden Umsatzrückgänge. Gemessen an Vergleichszahlen des Vorjahres ist die Zahl der Gäste um neun Prozent gesunken, die der Theaterbesucher um 22 Prozent. Die Sicherheitskräfte dagegen erfreuen sich wachsender Beliebtheit. Die Armee zählt mittlerweile gut eine halbe Million Facebook-Fans. Anfang 2015 waren es 110 000 gewesen. Hatten sich 2014 noch 120 000 Bewerber um einen Job beim Militär bemüht, waren es 2015 bereits 170 000. Und auch die Polizei meldet außergewöhnlich großen Andrang. Bereits 35 500 Bewerbungen verzeichnet sie in diesem Jahr – mehr als je zuvor.

Der Zulauf zeugt vom Verlangen, der eigenen Ohnmacht abzuhelfen, nicht nur zu warten auf den nächsten Anschlag, sondern etwas zu tun, zum Gegenangriff überzugehen. Frankreichs Premierminister warnt freilich vor überzogenen Hoffnungen. Bis zur Vernichtung des terroristischen Feindes, hat Valls gesagt, könnten womöglich 30 Jahre vergehen. Drei Jahrzehnte Ausnahmezustand.