Bellingcat

Verräterische Orden: Putins Armee in der Ostukraine

von Christian Weisflog / 01.09.2016

Dass auch Soldaten der regulären russischen Armee in der Ostukraine kämpfen, ist längst kein Geheimnis mehr. Nur ihre Anzahl ist schwer abzuschätzen. Im Internet veröffentlichte Orden lassen indes auf weit über Zehntausend schliessen.

Die von Russland unterstützten Separatisten in der Ostukraine standen im August 2014 kurz vor der entscheidenden Niederlage. Doch dann fiel Putins Armee den ukrainischen Streitkräften bei Ilowajsk in den Rücken und fügte ihnen verheerende Verluste zu. Spätestens seit diesem Zeitpunkt war klar, dass Moskau im Notfall auch bereit ist, direkt in der Ostukraine zu intervenieren. Kiew schätzte die Zahl der russischen Angreifer bei Ilowjask auf über 3000 Soldaten.

Starke Zunahme von Kampf-Auszeichnungen

Immer wieder bestätigten Augenzeugenberichte und Verhaftungen von russischen Armeeangehörigen, dass Moskau eigene Truppen ins Gefecht schickt. Trotzdem beruhten die bisherigen Angaben über das Ausmass russischer Soldaten im Donbass auf Schätzungen der ukrainischen oder westlicher Regierungen, die sich unabhängig kaum überprüfen lassen. So schätzte der Kommandant der amerikanischen Streitkräfte in Europa, Ben Hodges, dass im März 2015 rund 12’000 russische Soldaten in der Ostukraine kämpften. Das Recherchenetzwerk Bellingcat bediente sich nun einer interessanten Methode, um diese geschätzten Zahlen zu erhärten. Mit der Hilfe von ukrainischen Bloggern und Analysten wertete Bellingcat die von russischen Soldaten in sozialen Netzwerken veröffentlichten Fotos ihrer Kampfauszeichnungen aus. Der am Mittwoch veröffentlichte Bericht kommt ebenfalls zum Schluss, dass der Kreml in der Ostukraine Tausende von russischen Soldaten einsetzt.

Laut den Autoren sind die russischen Orden mit einer fortlaufenden Zahl nummeriert. So wurde etwa am 7. November 2014 eine Medaille «Für eine Auszeichnung im Kampf» mit der Nummer 2464 vergeben. Im September 2015 wurden bereits Orden dieser Kategorie mit Nummern über 6000 an Soldaten verliehen. Das bedeutet, dass der Kreml in diesem Zeitraum rund 3600 Soldaten für ihr überdurchschnittlichen Leistungen im Kampf ausgezeichnet hat. Da Russland damals offiziell in keinen anderen Krieg verwickelt war, kann es sich im Grunde nur um Orden handeln, die für den Einsatz in der Ostukraine zugesprochen wurden.

Im Internet veröffentlichte Orden und ihre Nummern deuten auf eine hohe russische Beteiligung im Ukraine-Krieg hin. (Bild: Bellingcat)

«Weit über Zehntausend»

Aufgrund von früheren Zahlen der Monatszeitschrift des russischen Verteidigungsministeriums kommt Bellingcat zum Schluss, dass die Vergabe von russischen Militär-Orden mit dem Beginn des Ukraine-Kriegs stark zugenommen hat. Demnach wurden zwischen 2003 und 2014 im Schnitt 0,6 Medaillen «Für eine Auszeichnung im Kampf» verteilt. Zwischen November 2014 und Februar 2016 stieg diese Zahl auf 9,3 Medaillen pro Tag.

Da nicht davon auszugehen ist, dass jeder russische Soldat, der in den Kampf geschickt worden war, eine Medaille erhalten hat, vermutet Bellingcat, dass weit über Zehntausend und sehr wahrscheinlich mehrere Zehntausend russische Soldaten am Krieg in der Ostukraine beteiligt waren. Der Kreml indes behauptet weiterhin, dass keine russischen Soldaten im Dienst an Kampfhandlungen im Donbass teilgenommen hätten.