Iren stimmen über Homo-Ehe ab

von Martin Alioth / 21.05.2015

Irland lässt in der Frage über eine Gleichstellung der Homo-Ehe am Freitag das Volk entscheiden. Den Umfragen zufolge dürfte das Ergebnis eindeutig ausfallen, berichtet Martin Alioth, NZZ-Korrespondent in Dublin.

Ein Land erzählt sich hingebungsvoll persönliche Lebensgeschichten – und versteht die Unzulänglichkeit von starren Schablonen. So könnte man den gesellschaftlichen Diskurs der letzten Wochen und Monate in Irland lesen. Der Verfassungszusatz, der am Freitag zur Abstimmung vorliegt, stellt die gleichgeschlechtliche Ehe auf dieselbe Stufe wie den herkömmlichen Bund zwischen einer Frau und einem Mann.

Konstitutioneller Schutz

Rechtlich verändert die Anerkennung der Homo-Ehe in der Verfassung wenig; Irland kennt seit 2011 eingetragene Partnerschaften für Schwule und Lesben. Diese erlauben praktisch dieselben güterrechtlichen Regelungen und Absicherungen wie die zivile Ehe. Die Reform ist daher eher metaphysischer Natur: Da die irische Verfassung von 1937, die unübersehbar vom damaligen Zeitgeist geprägt ist, den Wert von Ehe und Familie ausdrücklich preist und schützt, wollen auch gleichgeschlechtliche Paare diese Anerkennung genießen. Der Makel der Andersartigkeit soll verschwinden.

Möglichkeiten zur rechtlichen Bindung für gleichgeschlechtliche Paar in Europa

In zahlreichen europäischen Ländern ist die gleichgeschlechtliche Ehe in den letzten Jahren auf dem Gesetzesweg eingeführt worden. Irland entscheidet diese Frage nun plebiszitär. Angesichts der Tatsache, dass die Homosexualität in Irland erst 1993 – nach einem Urteil des Europäischen Gerichtshofs für Menschenrechte – entkriminalisiert wurde, ist das ein kühnes Unterfangen. Brian Sheehan, einer der Sprecher der überparteilichen Ja-Kampagne, erklärt diesen raschen Wandel mit den traumatischen Erfahrungen der irischen Gesellschaft in der jüngeren Vergangenheit. Er nennt das Blutvergießen während des Nordirlandkonflikts und die erschütternden Enthüllungen über klerikalen Kindesmissbrauch. Diese kollektiven Erfahrungen hätten die irische Gesellschaft toleranter und offener gemacht, meint Sheehan.

Die Gegner der Vorlage stehen oftmals der katholischen Kirche nahe. Sie argumentieren, die Gleichstellung der Homo-Ehe verändere automatisch auch die Bedeutung der herkömmlichen Ehe und Familie, indem sie die Norm eines Kerns aus Mutter, Vater und Kindern unterspüle. Die Zweckbestimmung der heterosexuellen Ehe als Rahmen zur Fortpflanzung sei gefährdet; überdies hätten Kinder Anspruch auf einen Vater und eine Mutter. Der Hinweis auf die Zunahme von alleinerziehenden Elternteilen und auf das unbestrittene Recht von nicht (mehr) zeugungsfähigen, heterosexuellen Paaren, trotzdem zu heiraten, verfing in diesen Kreisen nicht. Sämtliche Umfragen belegen indessen, dass die Argumentation der Gegner auf steinigen Boden fiel: Die Vorlage darf mit der Zustimmung von 53 bis 58 Prozent der Befragten rechnen, während nur 24 bis 25 Prozent beim Status quo bleiben wollen.

Abkehr vom Autoritären

Dieselben Umfragen belegen indessen, dass die Zustimmung sehr ungleich auf verschiedene Wählergruppen verteilt ist: Jüngere Stimmbürgerinnen reagieren überwältigend positiv, während auf dem Lande und unter den Älteren die Ablehnung überwiegt. Da letztere Gruppen aber bisher weit fleißiger zur Urne gingen als die Jugend, hängt das Resultat stark von der Stimmbeteiligung ab. Die Befürworter bleiben allerdings optimistisch, da das Thema dieses Referendums auf ungewöhnliches Interesse unter Jugendlichen stieß. Letztlich bietet dieses sachlich weitgehend symbolische Referendum der irischen Gesellschaft eine Chance, sich neu zu definieren. Die Werte dieser Gesellschaft wurden jahrzehntelang von der katholischen Kirche diktiert, die in ihrer irischen Ausformung besonders klerikal und autoritär geprägt war. Der Staat bot sich als williger Erfüllungsgehilfe an, um jegliche Andersartigkeit zu stigmatisieren. Doch die jüngste Debatte hat diesem Ideal der Gleichförmigkeit endgültig den Garaus gemacht. Bewegende Lebensgeschichten haben das Spektrum des Möglichen und des Akzeptablen erweitert; Irland ist nicht über Nacht bunter geworden, aber angesichts der Vielfalt des Andersartigen wurde die Norm brüchig.