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Willkommenskultur

Vom IS in Bayern eingeholt

von Mona Sarkis / 29.12.2015

Syrische Asylbewerber fürchten nach dem Terror in Paris einen Rechtsruck in Deutschland – noch vor kurzem dominierten Bilder von Bürgern, die Flüchtlinge mit Essen, Decken und Applaus empfingen. Die Anschläge von Paris haben die Willkommenskultur gedämpft.

Dem 22-jährigen Fadi Zaki Badr steht die Empörung auf die Stirn geschrieben. „Natürlich kann ich ausrufen, der Terror geschehe nicht in meinem Namen. Aber wozu?“ Der Westen scheine doch ohnehin partout glauben zu wollen, dass Gewaltbereitschaft in der muslimischen DNA liege. Anderenfalls würde er endlich wahrnehmen, dass Millionen von Muslimen ihre Religion friedlich ausübten. Für den jungen Syrer sind diese Worte alles andere als ein Gemeinplatz, nämlich persönlich Erlebtes: Sein Vater und sein Großvater gehörten einem Sufi-Orden an, der im 12. Jahrhundert von einem islamischen Mystiker gegründet wurde und sich in Aleppo, Badrs Heimatstadt, bis heute großer Beliebtheit erfreut. Dass der Westen von dieser Kultur nichts wissen wolle und sich stattdessen nur in der Großschreibung des Wortes „Terror“ übe, empfindet Badr als permanente Ohrfeige.

„Wir zahlen den Preis mit“

Vor drei Monaten hat Badr in Deutschland Asyl beantragt, nicht zuletzt, um sein in Damaskus begonnenes Chemiestudium fortzusetzen. Nach den Anschlägen von Paris sorgt er sich, ob dies noch möglich sei. „Vielleicht schieben sie mich wieder nach Syrien ab, weil ich Muslim bin und obendrein aus dem verdächtigsten aller terrorverdächtigen Länder stamme.“ Sahar al-Jueiri, die gleichfalls in München auf die Genehmigung ihres Asylantrags wartet, beschwichtigt ihn. Eine Rückführung nach Syrien habe er nicht zu befürchten. Ob er in Deutschland aber die Perspektive erhalte, die er sich wünsche, sei die andere Frage. „Wir Flüchtlinge werden den Preis für Paris an vorderster Front mitbezahlen“, glaubt sie. Eine Erstarkung der Rechtsextremen in Europa sei absehbar, und auch die übrige Gesellschaft werde die Muslime aller Voraussicht nach misstrauisch beäugen.

Im März 2013 hatte sich die heute 31-jährige Jueiri am Ziel ihrer Träume geglaubt. Kaum hatten sich die Truppen des syrischen Präsidenten Asad aus ihrer Heimatstadt Rakka zurückgezogen, stürzte sich die Einwohnerschaft in die Selbstverwaltung: Über 40 Verwaltungsabteilungen formierten sich und nahmen sich des Erziehungs-, Kultur-, Medien- oder Gesundheitswesens an. Als ausgebildete Krankenpflegerin erteilte Jueiri kostenlose Erste-Hilfe-Kurse in diversen Stadtvierteln. Im Nachhinein mutet all das Ringen um Autonomie und Stabilität rührend an – begannen alsbald doch dutzende miteinander rivalisierender Milizen Rakka einzukreisen. Neun Monate später waren die zivilgesellschaftlichen Initiativen zerschlagen und die Terrormiliz IS der unangefochtene Herrscher über die Stadt.

„Ab da waren in den Straßen alle möglichen Sprachen zu hören. Auch Französisch. Sogar sehr viel Französisch“, sagt Jueiri mit einem bitteren Lächeln. Tatsächlich suchten zahlreiche Dschihadisten aus Frankreich ihre Erfüllung beim IS. Im Juli 2014 floh Jueiri mit ihrer Familie aus Syrien. Diesen Oktober beantragten sie Asyl in Deutschland. „Jetzt hat uns der IS eingeholt, und zwar doppelt“, sagt sie. „Erstens ist er in Europa angekommen, zweitens wittern viele Europäer in uns seine Abgesandten.“

Bombardieren oder nicht?

Die Sorge, die Willkommenskultur der Deutschen werde alsbald in Abwehrhaltung umschlagen, plagt viele syrische Flüchtlinge. Das ist nicht völlig aus der Luft gegriffen: Allein im ersten Halbjahr 2015 erfolgten 202 Angriffe auf Asylbewerberheime in Deutschland, mehr als im gesamten Vorjahr. Die 2014 registrierten 198 Übergriffe stellten ihrerseits eine Verdreifachung gegenüber 2013 dar. Das Innenministerium prognostiziert einen weiteren Anstieg. Das wichtigste Mittel, um dem entgegenzusteuern, läge in ausgereiften Integrationsstrategien. Ausgerechnet an diesen aber hapert es, hat es Deutschland doch versäumt, sich logistisch und mental auf die Schutzsuchenden vorzubereiten. Um einiges vorausschauender zeigt sich da die Salafisten-Szene. Laut dem Verfassungsschutz umwirbt sie bereits die Flüchtlinge. Diese Entwicklung lässt viele Deutsche fürchten, die muslimischen Asylbewerber könnten die Reihen der Extremisten verlängern – und das direkt vor ihrer Haustür.

Jueiri und Badr dürften nicht zum fundamentalistischen Nachschub gehören. Eher sind sie typisch für das Gros syrischer Asylsuchender, die laut dem Bundesamt für Migration und Flüchtlinge mehrheitlich relativ gut ausgebildet und finanziell gutgestellt sind. Dies allein sagt zwar nichts über ihr Weltbild aus. Aber das einleuchtendste Argument dafür, dass viele syrische Muslime ihr Leben nicht der Verfolgung Andersdenkender widmen wollen, liefert Badr selbst: Er und abertausende andere seien meilenweit und unter oft wahnwitzigen Bedingungen vor den Religionsfanatikern geflohen. „Nun sollen wir hierzulande nichts Besseres vorhaben, als uns denen anzuschließen, die uns aus unserer Heimat verjagt haben?“

Westliche Werte wie das Recht auf Mitsprache in einem Rechtsstaat scheinen den jungen Syrern viel wert. Sympathisieren sie deshalb aber mit dem Westen selbst? Was denken sie über seine Außenpolitik, etwa über die gegenwärtige Bombardierung Rakkas?

Jueiri lebt prompt auf. So oft es gehe, spreche sie per Skype mit Freundinnen in der Heimat. Nach deren Berichten zu urteilen, seien die IS-Kämpfer heillos aufgescheucht und fänden nicht einmal mehr die Zeit, das religiöse Gebaren der Einwohner zu kontrollieren. „Meine Freundinnen gehen sogar unverschleiert und in Jeans auf den Balkon, um die Bombenangriffe zu beobachten!“, jubiliert sie. Dabei trägt sie selbst sehr wohl ein Kopftuch – allerdings aus Respekt gegenüber Gott und nicht etwa aus Hörigkeit gegenüber einem Möchtegern-Kalifen, wie sie sagt.

Badr stößt sich an ihrem Kriegsenthusiasmus. Hollande werde mit seiner Intervention scheitern, denn wann habe je eine reguläre Armee eine Guerilla vernichtet, fragt er. Statt spät auf Brachialgewalt hätte man früh auf diplomatisches Engagement setzen müssen, glaubt er. Vor allem, fährt er fort, hätte man gegenüber der Golfregion, die den IS mit Petrodollars füttere, politischen und wirtschaftlichen Druck aufbauen müssen. Doch was habe man stattdessen mit ihr gemacht? „Big business!“, bilanziert der wütende junge Mann.

Jueiri nickt. Das Leben von Arabern sei eben nicht so viel wert, um wie auch immer einzuschreiten. „Erst wenn der IS dem Westen selbst zu nahe kommt …“ Statt weiterzusprechen, zieht sie ihr Mobiltelefon hervor und zeigt, was eine palästinensische Karikaturistin in Reaktion auf Paris zeichnete: Eine entsetzte internationale Gemeinschaft küsst den verwundeten kleinen Finger Frankreichs. Daneben liegt das am ganzen Körper bandagierte Syrien und wird von niemandem beachtet.

Liberale Muslime als Kapital

Auch Abdelaziz Abu Shaaban kennt die Karikatur. Der junge Syrer ist bereits vor sechs Jahren der politischen Verfolgung durch die Assad-Diktatur entflohen und genießt die Freiheit in seiner neuen Heimat. Die Debattierfreude in Deutschland hat er indes zuerst nicht bei den Deutschen selbst kennengelernt – sondern bei hier lebenden Muslimen. Über türkische Verbände habe er Kontakte zu Türken, Bosniern und einigen Arabern geknüpft, die meist in zweiter Generation oder länger hierzulande lebten und ein Denken praktizierten, das „nicht a priori nach Gegenentwürfen zum Westen sucht und in der Feststellung endet, dass Muslime definitiv die besseren Menschen sind“, erklärt der 28-jährige Abu Shaaban. Allmählich habe auch er realisiert, dass er keineswegs zwischen einem arabisch-muslimischen und einem westlich-nichtmuslimischen „Identitätspanzer“ wählen müsse, um überhaupt eine Identität zu haben, auf die er stolz sein könne.

Ob aber auch die „etablierten“ Deutschen die Möglichkeit dieses blockfreien Selbstverständnisses für sich entdeckt hätten, sei für ihn die Frage. Ohnehin kenne er kaum „normale Deutsche“, da etwa zu den Tagen der offenen Moschee „vorrangig Islamwissenschafter oder Soziologiestudenten“ kämen. Das sei schade, glaubt Abu Shaaban. Denn sonst wüssten die Deutschen besser, dass sie dank ihrem liberalen Klima, das in völligem Gegensatz zum französischen Laizismus das Religiöse nicht hinter verschlossene Türen dränge, mittlerweile über ein nicht zu verachtendes Kapital an liberalen Muslimen verfügten.

Wie es hierzulande nach den Attentaten von Paris weitergehen wird? In diesem Punkt macht sich auch bei Abu Shaaban Nervosität breit. Deutschland stehe ein Kraftakt bevor: ein neuerlicher Krieg gegen den Terror, ein zeitlich unbestimmter Bundeswehreinsatz in Syrien, nicht abschwellende Flüchtlingsströme, Milliardenausgaben zu deren Unterhalt und Studien, die besagten, dass 80 Prozent aller Deutschen islamfeindlich seien. „Gott allein weiß es“, lächelt er hilflos und fügt zaghaft an: „Und hoffentlich auch die deutschen Integrationsbehörden.“