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Anschlagserie in Frankreich

Vom Kinderbetreuer zum Terror-Drahtzieher

von Andreas Rüesch / 12.09.2016

Die jüngsten Anschlagspläne in Frankreich gehen offenbar alle auf die Hetzereien des Jihad-Propagandisten Rachid Kassim zurück. Der einstige Kinder-Animator aus dem Loire-Tal ruft vom Irak aus unablässig zu Gewalt auf.

Zweimal hintereinander hat Frankreich Glück gehabt: Vergangene Woche scheiterte der Autobombenanschlag dreier Jihadistinnen in der Nähe der Pariser Kathedrale Notre-Dame, und am Wochenende konnte laut Polizeiangaben in der Hauptstadt der geplante Messerangriff eines Jugendlichen vereitelt werden. Der 15-Jährige, der sich wegen seiner Radikalisierung seit dem Frühling unter Hausarrest befand, wurde am Samstag hinter Gitter gebracht, nachdem die Ermittler auf eine „unmittelbare Bedrohung“ geschlossen hatten.

Laut französischen Medienberichten hatte der Jugendliche vorgehabt, in der Nähe seiner Wohnung im 12. Arrondissement Passanten niederzustechen und als „Märtyrer“ zu sterben.

Aufwiegler im Dienst des IS

Was die beiden Fälle verbindet, ist der Inspirator dieser Attentatspläne: Sowohl der Jugendliche als auch die drei Bombenbauerinnen waren über eine Online-Plattform mit dem französischen Jihad-Propagandisten Rachid Kassim in Kontakt gewesen. Der 29-jährige Kassim befindet sich nach Medienberichten seit etwa 2012 im syrisch-irakischen Machtbereich der Terrormiliz IS und rekrutiert von dort aus seit längerem radikalisierte Franzosen für Anschläge in seiner Heimat.

Der Pariser Staatsanwalt François Molin bestätigte Ende letzter Woche, dass das weibliche Dreier-Kommando aus Syrien ferngesteuert worden sei. Französische Medien erfuhren aus Polizeikreisen, dass damit Rachid Kassim gemeint war. Mehr noch: Die Ermittler sind offenbar zum Schluss gekommen, dass auch die tödliche Geiselnahme in der Kirche von Saint-Etienne-du-Rouvray im Juli und der doppelte Polizistenmord von Magnanville im Juni auf Anstiftung Kassims erfolgt sind. Kassim sei über den verschlüsselten Internet-Dienst Telegram mit den jeweiligen Tätern in Kontakt gestanden.

„Auto mit Gasflaschen füllen“

Das versuchte Attentat mit Gasflaschen im Herzen von Paris trägt allem Anschein nach Kassims Handschrift. Vor gut einem Monat hatte er potenziellen Tätern empfohlen, ein Fahrzeug mit Gasflaschen zu bepacken, sie mit Benzin zu bespritzen und an einem belebten Ort in die Luft zu sprengen. Genau dies hatten die drei Frauen am Sonntag vor einer Woche versucht.

Von Kassims Biografie sind nur Bruchstücke bekannt. Er soll früher als städtischer Animator in Roanne am Oberlauf der Loire gearbeitet haben und dabei unter anderem für die Begleitung von Kindern zuständig gewesen sein. Eine Reise nach Algerien im Jahr 2011 habe seine Radikalisierung eingeleitet. Ende 2012 habe er Frankreich mit Frau und Kind in Richtung Ägypten verlassen, erklärte ein Geheimdienstmitarbeiter gegenüber der Zeitung „Le Parisien“. Von da an habe sich seine Spur verlaufen. Doch seit einiger Zeit ziehe er die Fäden von Syrien aus, wo er Unterschlupf gefunden habe.

Mord vor laufender Kamera

Ende 2015 eröffnete er unter einem weiblichen Namen, Nicole Ambrosia, eine Facebook-Seite, über die er zum Jihad und zur „Vernichtung“ von Amerika und Israel aufrief. Bevor die Seite geschlossen wurde, stand er über diesen Kanal mit 44 „Freunden“ in Kontakt, unter ihnen Gymnasiasten in seiner Heimatstadt.

Nach dem Massaker von Nizza im Juli, bei dem ein Lastwagenfahrer auf der Promenade des Anglais 86 Menschen getötet hatte, trat Kassim in einem Propagandavideo des IS auf. Er pries darin die Bluttat und nahm vor laufender Kamera an der Ermordung zweier angeblicher Spione teil.