Michael Probst / AP

Amoklauf in bayrischem Regionalzug

Vom ruhigen Jungen zum Attentäter

von Stephanie Lahrtz / 19.07.2016

Der minderjährige Täter ist laut den Ermittlern in „unbedingter Tötungsabsicht“ auf andere Passagiere losgegangen. Er radikalisierte sich allem Anschein nach selbst.

Der 17-jährige Afghane, der in einem bayrischen Regionalzug am späten Montagabend mit Axt und Messer bewaffnet Amok lief, war laut ersten Erkenntnissen islamistisch motiviert. Er habe „eine unbedingte Tötungsabsicht“ verfolgt – offenbar in der Absicht, sich an Ungläubigen für das muslimischen Glaubensbrüdern angetane Unrecht zu rächen, erklärte der Leitende Staatsanwalt in Würzburg. So rief er während der Attacke mehrfach „Allahu Akbar“, „Gott ist gross“, wie auf dem bei der Polizei eingegangenen Notruf zu hören ist.

Möglicherweise hat die Nachricht vom Tode eines Freundes in Afghanistan den Amokläufer dazu motiviert. Der auf der Flucht von der Polizei erschossene Attentäter hatte auf zufällig ausgewählte Passagiere eingestochen und eingeschlagen, teilweise direkt ins Gesicht. Dabei verletzte er vier Personen im Zug und eine weitere auf der Flucht schwer, zwei von ihnen schwebten am Dienstag noch in Lebensgefahr.

Abschiedsbrief an den Vater

Der junge Afghane, der im Juni vor einem Jahr als minderjähriger Flüchtling nach Deutschland gekommen war, hatte sich offenbar in den letzten Wochen dem islamistischen Extremismus zugewandt. Man habe in seinem Zimmer auf einem Block eine selbstgemalte Flagge mit dem Symbol der Terrormiliz Islamischer Staat (IS) gefunden, teilten die Ermittler des Bayerischen Landeskriminalamtes am Dienstag mit.

Zudem habe man in seinem Zimmer Schriftstücke entdeckt, die auf Paschtu verfasst und teils in arabischen und teils in lateinischen Buchstaben geschrieben worden seien. Die Texte lieferten Hinweise auf eine Selbstradikalisierung. Bei einem Schriftstück handelt es sich offenbar um einen Abschiedsbrief an den Vater, in dem der Sohn seine Tötungsabsicht aus religiösen Gründen kundtat.

Man hat bisher allerdings keine Anhaltspunkte dafür gefunden, dass der Täter mit islamistischen Netzwerken verbunden gewesen wäre oder von solchen gar Befehle erhalten hätte. Daher ist die am Dienstag im Internet verbreitete Behauptung der dem IS nahestehenden Propaganda-Agentur Amak, bei dem Afghanen habe es sich um einen Soldaten des IS gehandelt, vorerst unbewiesen. Wahrscheinlich ist vielmehr, dass der Täter ausschliesslich Ideen des IS aus dem Internet übernommen hat. Dafür spricht auch seine Kleidung: Er trug beim Terrorakt ein weisses und ein schwarzes T-Shirt übereinander.

Engmaschig betreut

Das Umfeld des jungen Afghanen hat dessen Radikalisierung laut bisherigen Erkenntnissen nicht bemerkt. Der Täter wird als ruhig und ausgeglichen geschildert. Er sei zwar gläubig gewesen, sei an Feiertagen in die Moschee gegangen und habe zu Hause gebetet, aber er sei nie durch radikale Parolen oder fanatisches Verhalten aufgefallen. Seit dem letzten März lebte er in einem Jugendheim im unterfränkischen Ochsenfurt, vor zwei Wochen kam er in eine Pflegefamilie und absolvierte ein Praktikum in einer Bäckerei.

Unbegleitete minderjährige Flüchtlinge (UM) werden in Deutschland gemäss dem Jugendschutzgesetz direkt nach der Registrierung durch die Bundespolizei dem Jugendamt übergeben. Sie landen im Regelfall also nie in einem Massenlager wie in Turnhallen, sondern werden in betreuten Wohngruppen oder, wenn vorhanden, in Pflegefamilien untergebracht. Es gibt in der Regel eine engmaschige Betreuung durch Fachpersonal – und den minderjährigen Flüchtlingen werden so schnell wie möglich Sprachkurse und Plätze in speziellen Integrationsklassen an Schulen vermittelt. Das neue Leben stelle die Ankömmlinge dennoch vor grosse Herausforderungen und viele Geduldsproben, berichten Betreuer und junge Flüchtlinge übereinstimmend. Das kann jedoch keine Entschuldigung für eine grausame Tat sein.

Ob sich der nun zum Terroristen gewordene junge Afghane ausschliesslich im Internet radikalisiert hat, ist noch unklar. Flüchtlingsbetreuern wie auch der Polizei in der Region Würzburg ist nicht bekannt, dass Salafisten oder andere Extremisten zuletzt vermehrt junge Flüchtlinge angesprochen hätten. Derzeit werden in der Region Würzburg rund 130 minderjährige Flüchtlinge aus diversen Herkunftsländern betreut. In ganz Bayern sind ungefähr 15 000 untergebracht.