Mark Schiefelbein / AP

Vor dem G-20-Gipfel in Hangzhou: Ein Meilenstein für den Klimaschutz

von Matthias Müller / 03.09.2016

Bisher hatten 24 Staaten mit einem Anteil von einem Prozent am weltweiten Kohlendioxidausstoss das Pariser Klimaabkommen ratifiziert. Nun dürfte der Prozess eine neue Dynamik erhalten.

Mit diesem Schritt werden China und die Vereinigten Staaten die anderen Staats- und Regierungschefs des am Sonntag und Montag stattfindenden G-20-Gipfels unter Druck setzen: Der chinesische Staats- und Regierungschef Xi Jinping und der amerikanische Präsident Barack Obama haben in Hangzhou kurz vor Beginn des G-20-Treffens dem Generalsekretär der Vereinten Nationen, Ban Ki Moon, die Dokumente übergeben, mit denen ihre Länder Vertragspartner des Pariser Klimaabkommens werden. Zuvor hatte am Samstagmorgen in Peking der Ständige Ausschuss des Nationalen Volkskongresses das Klimaabkommen von Paris ratifiziert. Obama benötigte nicht die Zustimmung des Kongresses in Washington.

Das 2-Grad-Ziel

Im Dezember vergangenen Jahres hatten man sich in der französischen Hauptstadt auf ein Abkommen verständigt, das inzwischen 180 Länder unterschrieben haben. Dadurch soll die globale durchschnittliche Erwärmung der Erdatmosphäre im Vergleich mit der vorindustriellen Zeit auf deutlich unter 2 Grad Celsius begrenzt werden. Zudem sollen Anstrengungen unternommen werden, damit die Erwärmung nicht über 1,5 Grad Celsius steigt. Das Übereinkommen von Paris tritt in Kraft, wenn mindestens 55 Staaten, die für – mindestens – 55 Prozent der Treibhausgasemissionen verantwortlich sind, ihm beigetreten sind. Bis vor wenigen Tagen hatten 24 Länder das Abkommen ratifiziert, deren Anteil am weltweiten Kohlendioxidausstoss bei gerade einmal etwas mehr als 1 Prozent liegt. Mit dem Schritt Chinas und der USA bekennen sich nun jedoch die beiden klimapolitischen Schwergewichte zum Pariser Abkommen.

Laut der Netherlands Environmental Assessment Agency war China 2014 für rund 30 Prozent des weltweiten Kohlendioxidausstosses verantwortlich. Die USA mit 15 Prozent und die 28 Länder der EU mit 11 Prozent folgten auf den Plätzen. Den vierten Platz belegte Indien mit einem Anteil von 6,5 Prozent. Diese Zahlen relativieren sich jedoch, wenn man den Ausstoss pro Bewohner berechnet. Danach produziert ein Amerikaner mit durchschnittlich 16,6 Tonnen im Jahr mehr als doppelt so viel Kohlendioxid wie ein Chinese.

Kohle dominiert noch immer

Auf die Chinesen kommt in den nächsten Jahren viel Arbeit zu, um den Kohlendioxidausstoss, der spätestens ab 2030 im Reich der Mitte sinken soll, zumindest ansatzweise in den Griff zu bekommen. Ein zentraler Pfeiler in den Planungen Pekings ist der Umbau der Wirtschaftsstruktur. Gehörte einst die Schwerindustrie zu den Wachstumstreibern im Reich der Mitte, hat die Bedeutung der deutlich weniger energieintensiven Dienstleistungsbranche stark zugenommen. Zudem will China seine Abhängigkeit von Kohle in den kommenden Jahren reduzieren.

Bis anhin dominiert der fossile Energieträger mit 69 Prozent die Energiegewinnung in China. Erdöl und Erdgas mit einem Anteil von 20 Prozent sowie nichtfossile Energieträger (11 Prozent) spielen bisher nur eine untergeordnete Rolle. Da Kohle jedoch massgeblich für den Kohlendioxidausstoss – und für die schlechte Luft – verantwortlich ist, wurde ein Teil der ineffizienten Kraftwerke geschlossen und durch neue ersetzt. Chinas Kohlekonsum soll seinen Höhepunkt denn auch bereits erreicht haben. Im „Energy Outlook 2035“ des britischen Energiekonzerns BP heisst es, in zwei Jahrzehnten werde der Anteil der Kohle an Chinas Energiegewinnung auf etwas mehr als 50 Prozent sinken.

Dafür setzt Peking zunehmend auf Kernenergie. Laut der World Nuclear Association sind in China zusätzlich zu den bereits existierenden 34 Atomreaktoren 20 in Bau sowie weitere in Planung. Bis 2021 sollen sich die Kapazitäten auf 58 Gigawatt verdoppeln; bis 2030 könnten sie nach den Planungen der chinesischen Machthaber 150 Gigawatt betragen. Peking setzt jedoch nicht nur auf Kernenergie als Alternative zur Kohle.

Umfangreiche Investitionen

Kein Land investiert weltweit mehr in nichtfossile Energieträger. Betrugen die Ausgaben privater und staatlicher Investoren 2004 noch 3 Milliarden Dollar, waren es 2014 bereits mehr als 83 Milliarden Dollar. Im Vergleich mit 2013 soll bis 2030 der Anteil der alternativen Energiegewinnung sich auf 20 Prozent verdoppeln. Und im kommenden Jahr soll in ganz China ein landesweites Emissionshandelssystems in Kraft werden, durch das Kohlendioxid einen Preis erhält. Die Gedankenspiele gehen so weit, dass die Handelssysteme der EU und der Schweiz eines Tages mit jenem in China zu einem einheitlichen Markt zusammengefügt werden könnten.