AP/Thibault Camus

Jahresrückblick 2015

Vor dem Terror ist nach dem Terror

von Marc Zitzmann / 26.12.2015

Die Attentate, die das Schreckensjahr 2015 einrahmten, weisen Unterschiede, aber auch Ähnlichkeiten mit jenen von 1985/86 und 1995 auf. Ein Blick in die Vergangenheit, um die Gegenwart zu erhellen.

2015 kehrte der islamistische Terror nach Paris zurück. Zwanzig Jahre lang war die Lichterstadt von Anschlägen selbsternannter Gotteskrieger verschont geblieben. Das Ende der Schonfrist für ganz Frankreich hatten bereits die Massaker von Toulouse und Montauban 2012 sowie jenes im Jüdischen Museum von Belgien 2014 eingeläutet. Auch Letzteres ist, wiewohl in Brüssel geschehen, dem französischen Kontext zuzurechnen, war sein Urheber doch, gleich seinem erklärten Vorbild von 2012, ein in Frankreich geborener und aufgewachsener Franko-Algerier.

Bombe contra Gewehr

Aber die Pariser Anschläge gegen Charlie Hebdo sowie einen jüdischen Supermarkt Anfang Januar, und erst recht jene vom 13. November, waren mit 17 beziehungsweise 130 Todesopfern (und weit über 400 Verletzten) die mit Abstand mörderischsten islamistischen Terrorakte in Frankreich. Über den Hergang der Attentate und ihre Folgen ist schon viel geschrieben worden, auch in diesen Spalten. Aus Anlass der zum Jahresende hin üblichen Rückbesinnung mag man den Fokus weiten und die beiden Anschlagserien von 2015 – die vieles gemein haben – mit den islamistischen Attentaten von 1985/86 sowie 1995 vergleichen. Ein Blick in die Vergangenheit kann helfen, die Gegenwart zu erhellen: Was war damals anders, was ist heute gleich?

Zur Erinnerung: Zwischen Dezember 1985 und September 1986 forderten elf Terrorakte in der Lichterstadt insgesamt 14 Tote und über 300 Verletzte; zwischen Juli und Oktober 1995 töteten Islamisten bei sieben Anschlägen in Paris (und einem in Villeurbanne) insgesamt 8 Personen und verletzten rund 200 weitere. Diese Serien sind Parisern bis heute durch ihre beiden blutigsten Attentate in Erinnerung: jenes vor einem Tati-Billigladen in der Rue de Rennes im September 1986 und jenes auf einen Schnellzug in der RER-Station Saint-Michel im Juli 1995 – s7 und 8 Menschen fielen ihnen zum Opfer.

Ein markanter Unterschied zu den heurigen Anschlägen, die simultan oder bloß leicht zeitversetzt mehrere Orte heimsuchten, ist, dass es sich damals um mehrmonatige Serien von Einzelangriffen handelte. Die Dauer dieser Serien erklärt sich maßgeblich durch den Gebrauch einer anderen „Tatwaffe“: Statt wie heuer Gewehre verwendeten die Terroristen 1985/86 und 1995 Bomben. So konnten sie längere Zeit unidentifiziert bleiben, derweil Todesschützen damit rechnen müssen, noch am Tatort oder auf der Flucht durch Sicherheitskräfte neutralisiert oder gar getötet zu werden.

Alles auf eine Karte

Der neue Modus Operandi der Dschihadisten stimmt pessimistisch: Sie nehmen den eigenen Tod in Kauf, um mit einer „effektiveren“ Waffe – Sturmgewehre sind, wie sich jüngst gezeigt hat, ungleich mörderischer als selbstgebastelte Bomben – eine größere Zahl von Menschen zu ermorden. Diese gesteigerte Verachtung für das eigene wie für fremdes Leben mag ein unerwünschter Nebeneffekt der seit 1995 ebenfalls potenzierten Effizienz der französischen Sicherheitsdienste sein: Einmal aktiv geworden, vermöchte eine Terrorzelle heute kaum mehr über Monate hinweg einen Anschlag nach dem andern zu begehen. Also setzen die Attentäter alles auf eine Karte, mit dem Ziel – aus Sicht der Mörder – einer „Gewinnmaximierung“.

Die jüngsten Anschläge, bei denen in operativer Hinsicht so manches schieflief, stellen dabei – wieder: aus der Perspektive der Täter – gewiss nicht das „Optimum“ dessen dar, was sich mit den Mitteln, über die sie verfügen, an Schaden anrichten lässt. Wären sie hundertprozentig professionell zu Werk gegangen, hätte die Opferzahl noch viel höher liegen können. Wehe, ihre Nachfolger, die früher oder später fast unausweichlich in Aktion treten werden, ziehen die Lehre aus den am 13. November begangenen Fehlern.

Was die Reaktionen auf die Anschlagserien angeht, forderten 1986 rund hundert Abgeordnete und ein Dutzend ehemaliger Minister aus dem rechten Lager die Wiedereinführung der Todesstrafe, die erst fünf Jahre zuvor abgeschafft worden war. Nichts dergleichen 1995 und auch nicht heute – einzig der rechtsextreme Front National fordert die Wiedereinführung der Todesstrafe, aber nicht erst seit der neuen Welle islamistischer Attentate seit 2012, und nicht bloß spezifisch für Terroristen. Vor zwanzig Jahren hatte der bürgerliche Präsident Jacques Chirac erklärt, die Gemeinschaft der Muslime, die „bestens integriert“ und „mitnichten integristisch“ sei, hätte am meisten unter den Akten der Terroristen zu leiden. Möglich, dass sein sozialistischer Nachfolger François Hollande Vergleichbares denkt. Aber vergleichbar explizit ausgedrückt hat er sich bis heute nicht.

Die Hand des Auslands

Neben diesen Unterschieden lassen sich freilich auch Ähnlichkeiten zwischen 1985/86, 1995 und 2015 feststellen. Allen Anschlägen ist gemein, dass das „muslimische Ausland“ für sie eine Rolle spielte. 1985/86 zog die Hizbullah im Hintergrund die Fäden mit, 1995 der Groupe islamique armé (und mutmaßlich auch das algerische Militär). Heuer – und bereits bei den eingangs erwähnten Anschlägen von 2012 und 2014 – beriefen sich die Täter auf die Terrororganisationen al-Kaida bzw. Islamischer Staat. Die prägende Rolle von Reisen in ausländische Hochburgen des fanatischen Islamismus zieht sich wie ein roter Faden durch den Lebenslauf der meisten in Frankreich geborenen und/oder aufgewachsenen Dschihadisten – so schon beim „Staatsfeind Nummer eins“ von 1995, Khaled Kelkal.

Zu verzeichnen ist allerdings eine Verschiebung im Profil der Terroristen von „importiert“ zu „einheimisch“: Ihre Bande zu Drahtziehern im Ausland scheinen immer loser. Einher geht diese Autonomisierung mit einem stetigen Schwund des theologischen und ideologischen Rüstzeugs: Zunehmend wird die Kalaschnikow zum einzigen Argument der Gotteskrieger von eigenen Gnaden – und die blinde Zerstörung zum Selbstzweck.

Auch hier stimmt der Rückblick nicht optimistisch für die Zukunft. Gab es 1985/86 seitens der Terroristen noch konkrete Forderungen – die Freilassung dreier Gefangener, die Einstellung der Unterstützung des Iraks im Krieg gegen Iran –, so fehlten solche 1995 wie 2015. Frankreich wird nicht mehr – oder zumindest nicht mehr in erster Linie – wegen dem attackiert, was es tut (und gegebenenfalls ändern könnte), sondern wegen dem, was es ist.

Was endlich die Reaktionen auf die Anschläge angeht, scheinen viele heutige Maßnahmen und Debatten altbekannt. Angefangen bei den Sicherheitsvorkehrungen, die einem – beim Betreten eines Amts oder Postbüros, beim Besuch einer Bücherei oder Diskothek – das Alltagsleben komplizieren. Grenzkontrollen wurden, wie nach den Anschlägen vom 13. November, schon 1995 zeitweilig wieder eingeführt, kaum hatte das Schengener Abkommen sie abgeschafft.

Auch der Vorwurf, die Regierung verletze im Namen des Kampfes gegen den Terrorismus die Grundrechte , ist nicht neu. 1986 wurden Bürger aus Nahoststaaten ausgeschafft, denen die Justiz nichts vorzuwerfen hatte. Der damalige Innenminister wollte so sein „hartes Durchgreifen“ demonstrieren. Heute werden Umweltaktivisten unter Hausarrest gestellt und Protestmärsche verboten – ein Rückschritt gegenüber 1986, als noch Tausende gegen den Terrorismus auf die Straße gehen konnten. Auch die Befürchtung, der Front national könnte die durch die Anschläge ausgelöste Verunsicherung ausschlachten, war bereits 1986 zu vernehmen – die rechtsextreme Partei zog in jenem Jahr mit 36 Abgeordneten erstmals in die Nationalversammlung ein.

Und noch eines verbindet 1985/86, 1995 und 2015: Die Attentate riefen jeweils Schrecken, Empörung und – namentlich in der Politik – auch Spannungen hervor. Aber es gelang ihnen nicht, Teile der Gesellschaft gegeneinander aufzuhetzen. Vielmehr kamen aus allen Kreisen Bekundungen des Mitgefühls und der Solidarität mit den Opfern und ihren Hinterbliebenen. Die Nation schien – und sei es auch nur für kurze Zeit – geeinter, ja „zivilisierter“.

Sammlung von Relikten

In kulturhistorischer Hinsicht waren im Gefolge der jüngsten Anschläge zwei Innovationen zu verzeichnen, denen man – in Anbetracht des tragischen Auslösers – möglichst wenige Neuauflagen wünscht. Zum einen setzten – und setzen – die Tageszeitungen Libération und Le Monde den 130 Todesopfern der „Génération Bataclan“ ein „Mémorial“ in Form fortlaufend veröffentlichter biografischer Porträts. Zum anderen nimmt die Pariser Stadtverwaltung eine Sammlung der durch Tausende anonymer Betroffener deponierten Botschaften, Zeichnungen und Objekte vor, die sich an den Tatorten zu improvisierten Altären türmen. Diese Relikte einer spontanen, populären Trauerarbeit werden restauriert, inventarisiert und konserviert – zu Forschungszwecken, aber auch, um das Gedenken an die blutigste Anschlagserie in der Geschichte von Paris und von ganz Frankreich festzuhalten.