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Flüchtlingskrise

Warum Bochum die Flüchtlingsankünfte besser bewältigt als der Rest Deutschlands

von Martin Woker / 02.12.2015

Die in Deutschland postulierte Willkommenskultur reibt sich am Widerspruch zwischen der Hilfe für Flüchtlinge und der Integration von Migranten. In Bochum verläuft die Massenankunft bis jetzt ohne größere Probleme. Ein Lokalaugenschein.

„Chital“ lautet der Name eines bescheidenen Imbisslokals an der Wittener Straße, die vom Hauptbahnhof Bochum nach Südosten am einstigen Opel-Werk vorbei nach Witten führt. Witten mündet übergangslos an die Stadt Bochum, die ihrerseits an Essen, Gelsenkirchen und Dortmund grenzt und Teil von Deutschlands größtem Ballungsraum bildet, dem Ruhrpott, den über fünf Millionen Einwohner ihre Heimat nennen. Im Ruhrpott könnte sich zeigen, wie es Deutschland schafft, die Ausnahmesituation mit täglich mehreren tausend Neuankömmlingen zu bewältigen.

Drei Freunde im Schmelztiegel

Die Wortschöpfung „Chital“ ist beim Imbiss an der Wittener Straße insofern Programm, als hier sowohl chinesische als auch italienische Schnellgerichte gleichzeitig zubereitet werden. Die gewöhnungsbedürftige kulinarische Fusion mag angesichts der unzähligen anderen Imbisslokale in Bochum leicht übersehen werden. In der seit langem von Arbeitslosigkeit und Strukturwandel gezeichneten Stadt prägen Trinkhallen (so heißen hier die Kioske), Geschäfte mit Billig-Textilien und Secondhand-Kleidern, Discounter und Spielhöllen das Straßenbild. „Chital“ ist insofern bemerkenswert, als hier kulturelle Fusion zum Programm geworden ist. Ein Einzelphänomen? Oder Ausdruck davon, dass der Ruhrpott zu jenem Schmelztiegel mutiert ist, wie er in seiner amerikanischen Ausprägung als melting pot die gesellschaftliche Entwicklung in den USA widerspiegelt?

Für drei Freunde, nennen wir sie Muhammad, Ahmad und Mohsen, stellen sich derzeit sehr praktische Fragen. Sie sind vor vier Wochen in der irakischen Großstadt Mosul auf der Flucht vor den Schergen des Islamischen Staats mit dem Ziel Deutschland aufgebrochen. Ihre Reise auf der hinlänglich beschriebenen Balkanroute dauerte fünfzehn Tage. Zwei von ihnen waren zuvor beim Bau von Pipelines beschäftigt gewesen, was sie mit abgespeicherten Fotos auf ihren Handys gerne allen zeigen, die sich dafür interessieren. Das sind wenige an diesem nasskalten Mittwochnachmittag in Bochum-Langendreer, wo sie im Café des Alten Bahnhofs, einem selbstverwalteten Quartierzentrum, willkommen geheißen werden. Genau genommen ist es gerade nur der fremde Reporter, der sich unter den rund zwei Dutzend jungen Männern etwas umhört. Die Betreiber des Lokals haben Laptops zur freien Benutzung hingestellt, und die WLAN-Verbindung steht an diesem gastfreundlichen Ort im Niemandsland zwischen Bahngleisen und Werkhallen ohnehin allen Besuchern offen. Doch eine Antwort bekommen die drei Iraker auf ihre wichtigsten Fragen nicht: Ist Deutschland gut? Gibt es hier Arbeit?


Gesehen haben die drei jungen Iraker noch wenig vom Land ihrer Träume. Via München und Dortmund sind sie ins Erstaufnahmezentrum Unterstraße in Langendreer eingewiesen worden. Dort wohnen sie nun seit kurzem gemeinsam mit rund 500 anderen Neuankömmlingen in einem umfunktionierten Schulhaus und harren der Dinge. Der Gang durch die finstere Unterführung zum Alten Bahnhof ins „Flüchtlings-Café“ ist ihr erster Ausflug im Gastland. Kaffee und Tee sind für sie im selbstverwalteten Quartierzentrum gratis – „refugees welcome“. Englisch verstehen die drei Iraker aber kaum und Deutsch schon gar nicht. Es wäre eine Illusion, zu erwarten, sie kämen hier im Quartierzentrum gleich auf Anhieb in Kontakt mit all jenen Einheimischen, die das dichte und attraktive Kulturprogramm ausgiebig nutzten, sagt die für politische Arbeit zuständige Mitarbeiterin Kristin Schwierz. Willkommenskultur ist kein Selbstläufer, da stecken harte Arbeit und viel Engagement dahinter.

„Für die Menschen etwas tun“

Im Juni entstand im Alten Bahnhof der offene Zusammenschluss Netzwerk Flüchtlinge Langendreer. Anlass dafür war der Einzug von Flüchtlingsfamilien in einer zum Abbruch bestimmten Wohnsiedlung am Wiebuschweg in diesem nördlichen Stadtteil Bochums. Bei den Ankömmlingen handelte es sich um bereits registrierte Asylbewerber mit ungewisser Aufenthaltsdauer. Die Einquartierung der Flüchtlingsfamilien weckte in Langendreer breite Bereitschaft, „für diese Menschen etwas zu tun“, wie es die Initianten des Netzwerks formulieren. Dazu zählen örtliche Vereine, staatliche Institutionen und kirchliche Einrichtungen. Eine Facebook-Seite orientiert darüber, was am dringendsten benötigt wird: Freiwillige für Deutschunterricht, für Behördengänge, für Hilfe beim Einkaufen und bei der Benutzung öffentlicher Verkehrsmittel.

Einige der Flüchtlingskinder vom Wiebuschweg sprächen schon leidlich gut Deutsch, berichtet das Lokalblatt. Niemand mag jetzt daran denken, dass die Mietverträge in den Altbauten im nächsten Sommer auslaufen. Die spontane Hilfsbereitschaft fußt auf dem Grundsatz, dass Ankunft und gesellschaftliche Integration nicht zu trennen sind. Die am Netzwerk beteiligten Freiwilligen blenden aus, dass sich viele Ankömmlinge heimisch zu machen versuchen, deren Aussicht auf dauerhaften Aufenthalt beschränkt ist. Sie stammen aus dem Balkan, verfügen in der sich laufend verschärfenden Asylpraxis über keine ausreichenden Fluchtgründe und müssen mit einer Abschiebung rechnen.

Kein Einwanderungsgesetz

Solch kollektive Verdrängung reicht über die Solidaritäts-Netzwerke hinaus bis in die Ränge des hiesigen Fußballvereins VfL Bochum, dessen identitätsstiftender Beitrag für die Stadt groß ist. Der Klub ließ es sich nicht nehmen, Flüchtlingskinder am Training zu beteiligen. Die in den Lokalmedien publizierten Bilder tun die beabsichtigte positive Wirkung. Wem fällt da schon auf, dass die Mehrheit der teilnehmenden Kinder albanische Namen tragen? Ihre Chancen auf eine Fußballkarriere in Deutschland stehen schlecht. Denn auch im Ruhrpott wird’s eng.

Derart klar mag es die Fraktionsvorsitzende der Grünen im Rat der Stadt Bochum, Astrid Platzmann-Scholten, nicht formulieren. Die gebürtige Bochumerin ist Gynäkologin, leitet den Ausschuss für Arbeit, Gesundheit und Soziales und ist Bürgermeisterin im Ehrenamt. In ihrer Wahlwerbung versprach sie der Stadt eine Willkommenskultur, lange bevor dieser Ausdruck gängig war. Und nun muss sie auf die Frage nach zu erwartenden Abschiebungen in Balkanländer einräumen, dass dies sehr schwierig werde.

Angesichts der abertausenden von Neuankömmlingen in Deutschland musste die Stadt Bochum Prioritäten setzen. Platzmann, die sich auch international in der Flüchtlingshilfe engagiert und in ihrer Stadt die Bereitschaft der Freiwilligen koordiniert, spricht von einer einzigartigen Situation, wie man sie seit der Wende nicht mehr erlebt habe. Zu erwarten sei eine grundlegende gesellschaftliche Veränderung. Als eine der Ursachen nennt Platzmann die verfehlte Politik im Nahen Osten und in Afrika. Für Bochum gelte zunächst die Richtlinie: keine Zeltstädte, Obdach für alle Neuankömmlinge.

Dezentrale Strukturen

Diese pragmatische Vorgabe kann hier besser als anderswo in Deutschland eingehalten werden. Zugute kommt der Stadtverwaltung, dass reichlich unbenutzte Bausubstanz zur Verfügung steht. Doch leerstehende Werkhallen und Geschäftslokale lassen sich nur bedingt in taugliche Notunterkünfte umwandeln. Darum bemüht sich die Stadtverwaltung, einen bisher nicht erkannten Standortvorteil zu nutzen, jenen der dezentralen Strukturen. Wie die meisten Städte im Ruhrgebiet ist auch Bochum nicht von innen nach außen gewachsen, sondern umgekehrt. Es handelt sich um einen Zusammenschluss einzelner Zentren, die im Umfeld von Bergwerken und Fabriken entstanden.

Der große Vorteil dieser dezentralen städtebaulichen Entwicklung ist, dass sich in den bald zwei Jahrhunderten der konstanten, wenn auch schubweisen Zuwanderung von in- und ausländischen Arbeitskräften zu keiner Zeit größere Ghettos bildeten. Die Integration von Zugezogenen – deutschen, polnischen, italienischen, türkischen, iranischen, jugoslawischen und arabischen – funktionierte hier vergleichsweise gut. Diesem Umstand der dezentralen Entwicklung wurde die seit zwölf Jahren rot-grün regierte Stadt Bochum insofern gerecht, als sie ihre beschränkten Mittel kleinräumig einsetzte, weniger Großprojekte vorantrieb, sondern unspektakuläre Strukturhilfe in den einzelnen Stadtteilen leistete. Der Alte Bahnhof in Langendreer ist nur eines von vielen Beispielen. Das Resultat dieser Politik sei, so sagt Platzmann, dass sich derzeit eine Vielzahl lokaler Solidaritätsgruppen für Flüchtlinge bildeten, die, von Facebook begünstigt, sehr rasch auf die Bedürfnisse zu reagieren verstünden.

„Wir nennen sie Gäste“

„Wir nennen sie Gäste“, sagt Fabia Zerres, und meint die Neuankömmlinge im Erstaufnahmezentrum Unterstraße in Langendreer. Die bodenständige junge Frau ist Leiterin Einsatzdienste des Arbeiter-Samariter-Bunds, der das Zentrum betreibt. Etwa die Hälfte der Bewohner stammt aus Syrien, weitere aus dem Irak, Afghanistan und Afrika. Im Schulgebäude stehen 504 Schlafplätze zur Verfügung. Die Familien haben in den Schulzimmern ihre Kajütenbetten etwas separiert und mit Tüchern ein Minimum an Privatsphäre geschaffen. Ein Fünftel der Gäste sind Kinder, junge Männer stellen die Mehrheit.

Für die täglich drei Mahlzeiten steht auf dem Pausenplatz ein beheiztes Zelt mit einfachem Mobiliar. Das Essen liefert ein örtlicher Catering-Service, der dafür pro Person und Tag 15 Euro berechnet. Die Gäste erhalten ein geringes Taschengeld. Zur Verfügung stehen ein gut ausgestatteter Kinderspielraum, Räume für Deutschstunden sowie ein Ambulatorium mit medizinischem Fachpersonal. Auf einen Gebetsraum wurde absichtlich verzichtet. Hauptproblem sei die Beschäftigungslosigkeit der Bewohner, sagt Zerres. Als Soll-Aufnahmezeit seien hier drei Wochen vorgesehen. Einige der Gäste wurden von einer vorgängigen provisorischen Unterkunft in einer Sporthalle hierher transferiert und leben nun seit über drei Monaten in dieser Situation. Der Eingang zum Schulgebäude wird von einem privaten Sicherheitsdienst bewacht. Bisher gab es weder Klagen aus der Nachbarschaft noch größere Probleme im Aufnahmezentrum. Ob das so bleibt?

„Zum Familienwohl“ heißt die nach einer Baugenossenschaft benannte Bushaltestelle, wo aussteigen muss, wer zum Zentrum Unterstraße will. Der Weg führt an einem Bestattungsinstitut und einem Geschäft für Trekking-Artikel vorbei. Im Eiscafé Sicilia, wo rein gar nichts von südlicher Sonne zu spüren ist, hat man die neuen Bewohner der Schule gegenüber sehr wohl zur Kenntnis genommen, wenn auch ohne jegliche Aufregung. „Wir sind alle hier auch mal angekommen“, sagt der Mann hinter der Theke mit unüberhörbarem italienischem Akzent.

Im städtischen Freizeit- und Medienhaus Inpoint, das direkt ans Aufnahmezentrum angrenzt, bestätigt sich die generell große Akzeptanz für Fremde in Langendreer. Der Sozialwissenschaftler Manfred Grundig, seit über 30 Jahren hier tätig, hat auf die neuen Bedürfnisse in seiner Nachbarschaft sofort reagiert. Es kommen nun Mütter mit ihren Kindern für Kochkurse, und abends haben junge Männer Einlass, die sich gemeinsam mit den übrigen Besuchern am TV Spiele der Champions League anschauen. Beim muslimischen Opferfest Aid al-Adha hatten ehemalige Besucher des „Inpoint“ Geld gesammelt und für Neuankömmlinge und Eingesessene ein Festmahl zubereitet. „Religion spielte da gar keine Rolle“, sagt Grundig. Wohl aber das eigene Erleben all jener, die wissen, was Ankunft bedeutet.