Warum der Arbeitsmarkt langsam in Schwung kommt

von Andrea Spalinger / 28.04.2015

Die Arbeitsmarktreform in Italien zeigt erste Resultate. Im März wurden mehr neue Stellen besetzt als im Vorjahr und mehr feste Arbeitsverträge unterzeichnet. Doch die Arbeitslosenrate bleibt hoch, und es muss sich erst zeigen, ob der Trend anhält, berichtet Andrea Spalinger, NZZ-Korrespondentin in Rom.

Nach Angaben des italienischen Arbeitsministeriums wurden im März 641.572 Personen neu eingestellt. 549.273 verloren ihren Job oder wurden pensioniert. Daraus ergibt sich ein Plus von netto 92.299 Arbeitsverträgen. Nachdem die Arbeitslosenquote in den vergangenen Krisenjahren kontinuierlich gestiegen ist, sind solch positive Signale für die Regierung von Premierminister Matteo Renzi höchst willkommen. Erfreulich ist aus Sicht des Reformers Renzi insbesondere, dass die Zahl der Festangestellten überproportional gestiegen ist. Rund ein Drittel des Nettozuwachses waren feste Arbeitsverträge (31.370). Zudem wurden 40.034 temporäre in feste Anstellungsverhältnisse umgewandelt.

Noch kein klarer Trend

Renzi hatte Ende letzten Jahres gegen erheblichen Widerstand der Gewerkschaften wie auch aus dem eigenen Partito Democratico eine Arbeitsmarktreform durchgesetzt. Der Anfang März in Kraft getretene „Jobs Act“ erleichtert Entlassungen und sieht Steuererleichterungen für Unternehmer vor, wenn sie Leute fest einstellen. Weil es zuvor fast unmöglich gewesen war, Arbeitnehmer zu entlassen, hatten in den letzten Jahren viele Firmen nur noch temporäre Angestellte angeheuert. Dadurch entstand eine Zweiklassengesellschaft auf dem Arbeitsmarkt. Vor allem junge Italiener hatten kaum mehr eine Chance, feste Verträge zu bekommen.

Insgesamt wurden im März 162.498 neue Langzeitverträge unterzeichnet, was einer Zunahme um 49,5 Prozent im Vergleich zum Vorjahr entsprach. Italiens Arbeitsminister, Giuliano Poletti, äußerte sich sehr zufrieden über diese Entwicklung. Mehr feste Verträge bedeuteten allerdings nicht automatisch einen Rückgang der chronisch hohen Arbeitslosenquote, sagte der Minister warnend. Denn während die Zahl der Langzeitstellen steige, zeichne sich gleichzeitig ein Rückgang bei Teilzeitjobs, Praktika und freien Verträgen ab.

Laut der Statistikbehörde Istat lag die Arbeitslosenquote im Februar bei 12,7 Prozent. Beunruhigend ist insbesondere, dass die Jugendarbeitslosigkeit mit 42,6 Prozent ein erschreckendes Niveau erreicht hat. Die Regierung dürfte deshalb mit Spannung die Zahlen für März erwarten, welche die Istat Ende April bekanntgibt. Dann wird sich zeigen, ob sich auch an dieser Front eine Entspannung abzeichnet. Analytiker sind diesbezüglich eher vorsichtig. Sie weisen zudem warnend darauf hin, dass man von einem positiven Trend in einem Monat keine längerfristige Entwicklung ablesen könne.

Weitere Reformen nötig

Die vom Arbeitsministerium veröffentlichten Zahlen geben dem krisengeschüttelten Land aber dennoch Grund zur Hoffnung. Umso mehr, als es auch an anderer Front positive Signale gibt. So verzeichnet der Automobilsektor nach mehreren Jahren mit starken Absatzrückgängen wieder Zuwächse. Laut dem Verband italienischer Automobilunternehmen Anfia sind im ersten Quartal 2015 rund 241.000 Fahrzeuge (Autos, Lastwagen und kleinere kommerzielle Fahrzeuge) produziert worden und damit ein Drittel mehr als im Vorjahr. Autos wurden gar 50 Prozent mehr produziert (155.000).

Nach drei Jahren Rezession wächst das Bruttoinlandsprodukt (BIP) wieder, wenn auch nur sehr langsam. Die Banca d’Italia rechnet für das laufende Jahr mit einem Wachstum von mindestens 0,5 Prozent und für 2016 mit 1,5 Prozent. Die Rating-Agentur Fitch hat am Freitag Italiens Kreditrating von BBB+ bestätigt und beurteilt dessen Wachstumsaussichten als stabil (0,6 Prozent für 2015). Die Agentur unterstreicht in ihrem Bericht aber, dass die Erholung stark von äußeren Faktoren – wie etwa den niedrigen Erdölpreisen – abhängig sei. Um den Prozess zu unterstützen oder gar zu beschleunigen, seien mutige Strukturreformen nötig.

Außer der Arbeitsmarktreform sind Renzi bisher noch kaum größere Paukenschläge gelungen. Im linken Regierungslager bleibt der Widerstand gegen Reformen groß, und seit dem Streit über die Wahl des Staatspräsidenten unterstützt auch die oppositionelle Forza Italia von Silvio Berlusconi Renzis Reformkurs nicht mehr. Der Chef der Europäischen Zentralbank hat Italien deshalb kürzlich ebenfalls ermahnt, seine Hausaufgaben zu machen. Insbesondere im Bereich der Investitions- und Industriepolitik sieht Mario Draghi großen Reformbedarf.