Rebecca Naden / Reuters

Britisches EU-Referendum

Warum die EU-Frage junge Briten größtenteils kaltlässt

von Markus M. Haefliger / 15.06.2016

Viele britische Studenten halten die EU für eine gute Sache, bleiben beim Referendum über die EU-Mitgliedschaft des eigenen Landes aber zu Hause. Ein Augenschein in der walisischen Universitätsstadt Aberystwyth.

Die Debatte über das EU-Referendum findet im Morlan Centre statt, einer Mehrzweckhalle aus viktorianischer Zeit. Über dem hellen Saal, der hundert Besuchern Platz bietet, wölbt sich eine Dachkonstruktion aus dunklem Mahagoniholz. Der Anlass kommt einer Parforceleistung der politikwissenschaftlichen Abteilung der Universität Aberystwyth gleich.

Diskussion in der Town Hall

Das Institut schwimmt nicht in Geld, hat aber für die zweistündige, abendliche Diskussion extra einen Europa-Experten aus dem schottischen Aberdeen einfliegen lassen. Zu ihm gesellen sich auf dem Podium eine Politologin aus Cardiff in Südwales und zwei einheimische Fachkräfte. Die Debatte unterscheidet sich von den testosterongetriebenen Duellen der Politiker, die das Fernsehpublikum in den letzten Wochen vor dem Referendum vom 23. Juni unterhalten. In Aberystwyth geht es um trockene Aufklärung. Was steht auf dem Spiel, wollen die Bürger, von denen sich einige eifrig Notizen machen, wissen. Die Referenten behandeln den – oft vernachlässigten – Unterschied zwischen Freihandel und gemeinsamem Markt in der EU und versuchen zu erklären, was bei Einzelthemen wie Einwanderung und Souveränität die Tatsachen und was bloße Behauptungen der politischen Lager sind.

Großbritannien hat das letzte Mal vor über vierzig Jahren über die EU-Mitgliedschaft abgestimmt, Referenden zu Sachfragen sind seltene Ausnahmen im politischen Kalender. Viele Bürger sind verwirrt angesichts sich widersprechender Aussagen der zwei Lager, „Leave“ (verlassen; gemeint ist die EU verlassen, also Brexit) auf der einen und „Remain“ (bleiben) auf der anderen Seite. In der Town Hall stellen sie Fragen wie: Bricht das Land auseinander, wenn der Ausgang knapp ist? Was für Vorteile bietet die EU einer alleinstehenden Witwe? Wie werden Brüssel und die Regierungen in Paris und Berlin auf einen Brexit reagieren?

Nur die Studenten fehlen, dabei ist Aberystwyth eine Universitätsstadt. Das in der Mitte zwischen Nord- und Südwales gelegene ehemalige Fischerdorf wurde vor über 150 Jahren ans Eisenbahnnetz angeschlossen und galt während einiger Jahrzehnte als raues Seebad. Die farbig verputzten Reihenhäuser aus der vorletzten Jahrhundertwende sind mit Erkern für den Lichteinfall und überdachten Eingängen gegen den Regen gebaut. Heute leben Aberystwyth und seine 13.000 Einwohner von der Universität; die 9.000 auswärtigen Studenten, die während der Semester dazukommen, verdoppeln die Bevölkerung jeweils kurzzeitig beinahe. Eine erfreuliche Folge davon ist, dass Aberystwyth laut einer Legende pro Kopf der Bevölkerung am meisten Pubs in ganz Großbritannien zählt.

Anmeldefrist verlängert

Die Besucher in der Morlan Hall, denen die staatsbürgerliche Verantwortung auf den Schultern lastet, sind dagegen größtenteils ergraut. Das Semester ging in der vorausgegangenen Woche zu Ende. „Sie sind selber hierher gefahren, also wissen Sie, wie abgelegen wir liegen“, sagt Alistair Shepherd, ein junger Professor und der Vertreter der hiesigen Universität auf dem Podium. Wenn die Hochschule zumache, verreisten die Studenten nach Hause. Viele hätten sich in Aberystwyth registrieren lassen, um im Mai an den walisischen Regionalwahlen teilzunehmen. Nun mussten sie sich, falls sie verreisten, anderswo einschreiben, wollten sie ihr Stimmrecht wahrnehmen.

Die Umregistrierung konnte über das Internet besorgt werden, aber am 7. Juni lief die Frist dazu ab. Laut Aussagen von nationalen Umfragen, die von Studenten in Aberystwyth bestätigt werden, schoben viele Jugendliche die Angelegenheit bis auf den letzten Tag hinaus. Am Stichtag letzte Woche war der Andrang – nicht nur von Studenten – so groß, dass der Zentralcomputer der nationalen Wahlkommission einen Crash produzierte. Das Parlament verlängerte die Frist um zwei Tage, aber wie viele Jugendliche sich ein zweites Mal aufrafften, ist unklar.

Umfrage im „Scholars“

Im „Scholars“, einem unter Studenten und Professoren beliebten Pub, das gutes Ale und einfache Speisen anbietet, treffen wir eine Gruppe von fünf Studenten, die vorläufig in Aberystwyth geblieben sind, teilweise haben sie Sommerjobs im Tourismussektor ergattern können. Sie sind überzeugt, dass die britische EU-Mitgliedschaft für ihre Generation von großer Tragweite sei. Er wolle nach Studienabschluss im europäischen Ausland arbeiten, die Personenfreizügigkeit sei ihm wichtig, sagt der 25-jährige Aron aus London, ein Nachdiplomstudent der Literatur. Auch Steve (Feinmechanik) und James (Betriebswissenschaft) träumen von Berufsaufenthalten im Ausland. Jack (Theaterwissenschaften) nennt die Klimaerwärmung. Seine Generation werde die volle Wucht kommender Katastrophen erleben, der Kampf dagegen könne innerhalb der EU effizienter geführt werden.

Die Runde ist unrepräsentativ, die Teilnehmer wollen nächste Woche alle für „Remain“ stimmen, zwei von ihnen trotz Vorbehalten gegen das „undemokratische“ Brüssel. Aber alle fünf sagen, sie seien die Ausnahme. „Das Referendum interessiert nur wenige Studenten“, sagt der Geschichtsstudent Brian, der aus Südwales stammt.

An der Universität habe es weder Aufrufe noch öffentliche Debatten oder Besuche von Politikern gegeben. Dazu komme, dass die Politik vielen Jugendlichen verleidet sei. „Die Regierung verwöhnt nur die Alten“, sagt Brian und nennt Vergünstigungen für über 60-Jährige beim öffentlichen Verkehr und bei den Fernsehgebühren sowie Rentenverbesserungen. Die Studiengebühren dagegen würden am Laufmeter erhöht, er selber, ein Nachdiplomstudent, habe am Ende des Grundstudiums eine Rechnung der Erziehungsbehörde über 21.000 Pfund präsentiert bekommen. Irgendwann werde er die Schulden abstottern, sobald er berufstätig werde, sagt Brian.

Paradoxes Stimmverhalten

Rund zwei Millionen Studierende sind stimmberechtigt, aber noch letzten Monat waren 56 Prozent von ihnen an ihrem Studienort registriert und folglich meistens wohl unfähig, ihre Stimme tatsächlich abzugeben. Das Abstimmungsdatum in den Semesterferien anzusetzen, sei eine Dummheit der Regierung gewesen, sagt der Dozent Shepherd. Niemand weiß, wie viele sich doch noch umregistrieren ließen oder tatsächlich an die Urne gehen.

Die drohende Abstinenz von Jugendlichen könnte entscheidend sein. Laut Umfragen befürworten zwei Drittel der unter 25-Jährigen (nicht nur Studierende) die EU, ein doppelt so hoher Anteil wie in der Gruppe der über 50-Jährigen. Noch vor zwei Wochen waren jedoch 30 Prozent der Jugendlichen nicht registriert, im Vergleich zu bloß 5 Prozent der über 50-Jährigen. Journalisten berichteten von Veranstaltungen im Wahlkampf, bei denen Verantwortliche des Brexit-Lagers im Anschluss an den offiziellen Teil offenherzig kundtaten, es komme darauf an, die Stimmbeteiligung unter Jugendlichen tief zu halten.

Großbritannien erlebt nächste Woche möglicherweise eine paradoxe Abstimmung. Jugendliche sind von der Entscheidung für fast ein ganzes Leben betroffen; sie können mit der Nostalgie eines beschaulichen, ländlichen England, die viele Brexit-Befürworter an die Urnen treibt, nichts anfangen und fürchten sich auch nicht wie diese vor der Globalisierung. Sie wollen einen Teil ihrer Lebenszeit im Ausland verbringen, was nach einem Ausstieg Großbritanniens aus der EU vielleicht komplizierter würde. Trotzdem dürfte ihre Stimmbeteiligung deutlich unter dem erwarteten Gesamtdurchschnitt – laut Umfragen um die 80 Prozent – liegen.

Pessimismus am Stammtisch

Aron, der Literaturstudent im „Scholars“, schätzt, dass „nicht einmal die Hälfte“ seiner Kommilitonen an die Urnen gehen. Die Freunde pflichten ihm bei. Was das Endresultat angeht, sind die Studenten pessimistisch. „Brexit wird gewinnen“, sagt Brian. Nur Steve, der Mechanikstudent, widerspricht ihm. „Ich glaube, es gibt noch eine Überraschung“, sagt er.