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Warum die Ökonomen bei TTIP so weit auseinander liegen

von Lukas Sustala / 21.10.2015

Was bringt TTIP wirtschaftlich? Das ist nur schwer abschätzbar, und die Versuche von Ökonomen, die schwer fassbaren Zahlen zu prognostizieren, haben den Deal noch angreifbarer gemacht.

Ökonomen spielen gerne mit ihnen. Denn was kann es Aufregenderes geben als ein schönes Modell? „Economists do it with models“ heißt nicht umsonst ein beliebter Ökonomie-Blog in den USA.

Doch die Modell-Leidenschaft der Ökonomen hat in den Verhandlungen zum Freihandelsabkommen TTIP so manches Leiden geschaffen. Denn bei Freihandelsgesprächen gehen beide Seiten gerne mit ausführlichen Studien hausieren. Der Wegfall von Zöllen sorge für x Prozent Wachstum und x tausende neue Arbeitsplätze.

TTIP ist anders

Dieser Ablauf war bei TTIP zunächst nicht anders. Und so wurden viele Zahlen für die politische Debatte produziert. Die Studie der Volkswirte vom europäischen Forschungsnetzwerk CEPR ist auf ein Plus von 120 Milliarden Euro gekommen, 0,5 Prozent des Wirtschaftsprodukts, bis 2027. In zwölf Jahren also soll die Wirtschaftsleistung der EU-28 um 0,5 Prozent größer sein durch TTIP. Das ist nicht viel, aber auch nicht nichts.

Ein anderes Ergebnis hat das ifo Institut in München zutage gefördert. Ein Plus von 1,6 Prozent alleine für den Wohlstand in Deutschland, gar 2,2 Prozent für die USA. Zwischen den beiden Studien aber liegen nicht bloß ein paar Nachkommastellen, sondern ein Vielfaches.

Doch wie kann es zu solch drastischen Abweichungen um ein Vielfaches kommen? Wissen die Ökonomen schlicht nicht, wie TTIP die Wirtschaft beeinflussen wird? Zsolt Darvas, der bei der Brüsseler Denkfabrik Bruegel für Makroökonomik und Geldpolitik zuständig ist, bringt die Sache so auf den Punkt. „99 Prozent der Ökonomen sind sich einig, dass der Freihandel positiv für das Wachstum ist. Doch beim genauen Abschätzen braucht es Modelle und Annahmen, und gerade bei TTIP ist es sehr schwierig zu Ergebnissen zu kommen.“ Denn bei TTIP kommt erschwerend hinzu, dass es nicht bloß um das Absenken von Zöllen geht. Denn es lässt sich relativ gut ökonomisch festmachen, wie der Wegfall von Zöllen den Handel ankurbelt und insgesamt das Wirtschaftsprodukt steigert.

99 Prozent der Ökonomen sind sich einig, dass der Freihandel positiv für das Wachstum ist.

Zsolt Darvas, Ökonom

Bei TTIP aber geht es nur am Rande um Zölle. Die USA und Europa wollen ihre Regularien angleichen, Investitionsschutz harmonisieren und andere „nicht-tarifäre“ Handelshemmnisse beseitigen. Das lässt sich aber schwerer in Zahlen fassen. So zeigen Ökonomen in einem aktuellen Forschungspapier für das Centre for European Policy Studies, dass es je nach Wahl der Methode in diesem Bereich zu deutlich unterschiedlichen Schätzungen kommen kann.

Woher die Unterschiede kommen

Das ist aber nur ein Grund für die Unterschiede. Auch die Handelsmodelle, die von Ökonomen gewählt werden, unterscheiden sich dramatisch. In einer Modellgruppe (CGE, Computable General Equilibrium, Allgemeines Gleichgewichtsmodell) wird unterstellt, die Wirtschaft befinde sich in einem Gleichgewicht. Die Freihandelszone führt zu einem „externen Schock“, der dann durchsimuliert wird. Die Gravitationsmodelle wiederum arbeiten mit einer Analogie zur Gravitationstheorie. Die besagt ja, dass sich zwei Objekte umso stärker anziehen, je größer sie sind und je näher zueinander sie sind. In der Welt des Handels sollte der Warenaustausch zwischen besonders großen und nahen Märkten steigen. Die Modelle kommen tendenziell zu größeren TTIP-Effekten, weil die durch die gemeinsame Handelszone geschaffene Nähe zwischen der EU und den USA zu einem Abzug des Handelsvolumens mit anderen Ländern und Regionen führt – zulasten von Schwellenländern.

Die folgende Tabelle wurde einer Studie des Handelsökonomen Fritz Breuss (WU, WIFO) entnommen und zeigt, wie höchst unterschiedlich die Ergebnisse sind. Das Wachstum in der EU könnte also zwischen null und 6,18 Prozentpunkten zunehmen.

Nicht nur die Modelle führen zu der großen Bandbreite, auch die Annahmen. Denn die Ökonomen müssen zur Schätzung immer auch annehmen, wie weitreichend ein fertig verhandeltes TTIP ausfallen wird. Werden nur die Regeln für die Auto-Zulassung harmonisiert oder das gesamte Regulativ für die Automobilbranche? Erhalten Pharmaprodukte automatisch eine Zulassung für beide Märkte? Solche harten Verhandlungsfragen werden implizit beantwortet, wenn die Modelle gerechnet werden. „Die Vorteile sind deutlich stärker von der konkreten Umsetzung von TTIP abhängig als etwa eine Senkung von Zöllen“, sagt Simon Evenett, Professor für Internationalen Handel an der Universität von St. Gallen. „Nur eine wirklich weitreichende Harmonisierung bei Fragen der Regulierung könnte zu signifikanten Effekten führen, doch die ist wohl unwahrscheinlich.“

Diese Unsicherheit mag zwar für die meisten Ökonomen intellektuell herausfordernd und spannend sein. Doch der Wettbewerb der Modelle hat bereits zu absurden Schlagzeilen und medialen Verrissen von TTIP beigetragen. Und so könnten ausgerechnet die Studien, die TTIP so groß rechnen, das Handelsabkommen eher klein machen.