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Leistungen im Vergleich

Was Asylwerber wo in Europa bekommen

von Nina Belz / 12.11.2015

Taschengeld, Unterkunft oder Sprachunterricht? Und wie lange dauert das Asylverfahren? Die Leistungen für Asylwerber sind in Europa recht unterschiedlich. Eine Übersicht von Nina Belz und Ivo Mijnssen.

Anmerkung: Alle Geldangaben in Schweizer Franken. Ein Euro entspricht derzeit 1,08 Franken.

Deutschland

Ein Asylwerber verbringt die ersten Tage in einer Notunterkunft, danach kommt er in eine sogenannte Erstaufnahmeeinrichtung. Dort erhält er Sachleistungen – Kleider, Nahrung und Hygieneartikel – sowie ein Taschengeld. Nach dem Verlassen der Erstaufnahmeeinrichtung – in der Regel nach maximal sechs Monaten – haben Asylwerber Anspruch auf monatliche Leistungen, die an die Hartz-IV-Sätze angelehnt sind. Asylverfahren dauern zur Zeit ein bis zwei Jahre (inoffizielle Angaben); nach offiziellen Angaben im Durchschnitt 5,4 Monate.

Bedeutendste Herkunftsländer (September): Syrien, Albanien, Afghanistan.

Schweiz

Die staatlichen Leistungen sind je nach Kanton sehr unterschiedlich. In den Institutionen des Bundes erhalten Asylwerber drei Franken Bargeld pro Tag. Im Fall einer Teilnahme an einem gemeinnützigen Beschäftigungsprogramm sind „Motivationsentschädigungen“ von maximal 30 Franken pro Tag möglich. 2014 betrug die durchschnittliche Behandlungsdauer 400 Tage, 80 Prozent der Gesuche werden innerhalb von 185 Tagen erledigt. Die Verfahrensdauer soll mit der neuen Asylreform deutlich sinken. Die ursprüngliche Prognose von 29.000 Asylsuchenden im Jahr 2015 dürfte ungefähr zutreffen. Ähnlich viele Personen befinden sich zurzeit im Asylprozess (1. und 2. Instanz).

Bedeutendste Herkunftsländer (3. Quartal 2015): Eritrea, Syrien, Afghanistan.

Frankreich

Asylverfahren dauern in Frankreich häufig länger als 24 Monate. Im Juli wurde ein Gesetz zur Beschleunigung verabschiedet, das die Wartezeit theoretisch auf neun Monate reduzieren soll. Im Empfangszentrum sind Verpflegung und Unterkunft inbegriffen, finanzielle Leistungen entsprechend reduziert. Da die Notunterkünfte seit Monaten überfüllt sind, leben viele Asylwerber auf der Straße. Bis zum kommenden Jahr soll es im ganzen Land reguläre Unterkünfte für 35.000 Personen geben. In Notunterkünften gibt es Platz für 47.000 Asylwerber.

Bedeutendste Herkunftsländer (September): Syrien, Sudan, Irak.

Italien

Wer sich Chancen auf Asyl in Nordeuropa ausrechnet, versucht mit allen Mitteln, in Italien der Registrierung zu entgehen. Die Leistungen für Asylwerber sind sehr unterschiedlich, die Lage ist unübersichtlich. Im September gab es rund 94.000 Betten; die meisten davon befinden sich in temporären Notaufnahmezentren. Diese werden von Kooperativen geführt, manche auch von der Mafia. Die Leistungen sind entsprechend stark von der Führung abhängig. Offiziell sind Sachleistungen sowie ein Taschengeld garantiert. Vom Staat gibt es wenig Hilfe bei der Integration. Asylverfahren dauern im Schnitt elf bis zwölf Monate; rund 50 Prozent der Erstanträge werden abgelehnt. Die meisten Antragsteller legen Rekurs ein, die Verfahren ziehen sich wegen überlasteter Gerichte in die Länge. Viele Flüchtlinge tauchen in dieser Zeit unter.

Bedeutendste Herkunftsländer (September): Nigeria, Gambia, Senegal.

Großbritannien

Asylwerber werden meist in Wohnungen geringster Qualität untergebracht, die der Staat von Privaten mietet. Im Juni 2015 versorgte der Staat 30.500 Asylbewerber und deren Familienangehörige. In Großbritannien wurden 2014 59 Prozent der Asylgesuche abgelehnt, bei 28 Prozent gab es einen Rekurs. Die Dauer der Asylverfahren ist sehr unterschiedlich – die meisten dauern mehrere Monate. In einem Zehntel der Fälle wird seit kurzem ein Schnellverfahren angewendet, das zu Entscheidungen innerhalb von sieben Tagen führen soll.

Bedeutendste Herkunftsländer: (August): Sudan, Eritrea, Afghanistan.

Schweden

Bereits vor zwei Jahren hat Schweden beschlossen, Asylbewerbern aus Syrien ein unbegrenztes Niederlassungsrecht zuzugestehen. Es ist ihnen damit erlaubt, zu arbeiten; bei der Arbeitssuche werden sie unterstützt. Zurzeit wird in der Politik jedoch über eine Verschärfung der Praxis diskutiert, sowohl bei der Zuerkennung der ständigen Aufenthaltsbewilligung für Syrer als auch im Bereich des Familiennachzugs. Weil feste Unterkünfte an Kapazitätsgrenzen stoßen, werden in Hinblick auf den Winter nun Zeltstädte gebaut.

Bedeutendste Herkunftsländer (September): Syrien, Afghanistan, Irak.

Spanien

Die Unterbringung von Asylbewerbern ist größtenteils an NGO ausgelagert, die dafür von der Regierung entschädigt werden. In den Unterkünften sind Kost und Logis während sechs Monaten garantiert, die Frist kann bis auf maximal zwei Jahre verlängert werden. Die gegenwärtige Zahl von 986 Betten soll stark ausgebaut werden, da sich Spanien gegenüber der EU zur Übernahme von 15.000 Flüchtlingen verpflichtet hat. Laut dem spanischen Roten Kreuz dauern die Asylverfahren im Schnitt anderthalb Jahre.

Bedeutendste Herkunftsländer: keine Zahlen verfügbar

Österreich

Österreich rechnet 2015 mit 80.000 Asylwerbern. Diesen steht eine Grundversorgung zur Verfügung, zu der auch ein Betreuer für jeweils 170 Personen gehört. Neben dem Taschengeld erhalten sie Kleidergutscheine im Wert von bis zu 160 Franken pro Jahr. Bereits vor der jetzigen Flüchtlingswelle bekundete das Land Mühe, Flüchtlinge unterzubringen, weil die Gemeinden ihren Verpflichtungen nicht nachkommen. Entsprechend sind viele Asylsuchende in Zelten untergebracht. Laut Bundesinnenministerium dauern die Asylverfahren im Durchschnitt fünf Monate – sehr oft aber auch länger.

Bedeutendste Herkunftsländer: (August): Syrien, Afghanistan, Irak.

Ungarn

Seit der Fertigstellung des Zauns an den Grenzen zu Kroatien und Serbien sowie der Einführung von völkerrechtlich zweifelhaften Schnellverfahren verzeichnet Ungarn nur noch wenige Asylgesuche. Flüchtlinge erhalten neben der Grundversorgung nach 30 Tagen ein kleines Taschengeld. Im Sommer gab die Regierung die Anzahl Betten mit 2.500 bis 3.000 an. Die neuen Schnellverfahren sollen nur maximal zwei Wochen dauern. Es gibt allerdings nur wenige Flüchtlinge, die in Ungarn bleiben wollen. Bereits im Sommer war es für die Flüchtlinge ein reines Transitland auf dem Weg nach Westeuropa.

Bedeutendste Herkunftsländer (September): Syrien, Afghanistan, Irak.

Griechenland

Seit Jahren ist Griechenland bei der Registrierung und Unterbringung von Flüchtlingen überfordert – auch weil es sich in einer schweren Wirtschaftskrise befindet. Obwohl das Land Teil des Schengenraums ist, ordnete der Europäische Gerichtshof für Menschenrechte bereits 2012 an, dass keine Asylbewerber mehr dorthin zurückgeschafft werden dürfen. Grund sind die prekären Bedingungen bei der Unterbringung. Viele der mehr als 600.000 Flüchtlinge, die im Jahr 2015 bereits in Griechenland angekommen sind, haben keinen Zugang zu sanitären Anlagen, viele schlafen auf der Straße. Mit dem Aufbau von 5 Hotspots bis Ende Jahr sollen alle Flüchtlinge registriert und beherbergt werden, doch mit der Umsetzung hapert es. Theoretisch hätten Asylbewerber in Griechenland Anrecht auf ein Taschengeld, es existiert aber dazu kein Erlass der Regierung, weshalb kein Geld fließt. Auch der Zugang zu Schulen und Gesundheitseinrichtungen ist uneinheitlich. Durchschnittlich dauern Verfahren 90 Tage.

Bedeutendste Herkunftsländer (September): Syrien, Pakistan, Albanien.