AFP PHOTO / OZAN KOSE

Nach dem Putschversuch

Was kostet ein Putsch?

von Bernhard Schinwald / 05.08.2016

Umgerechnet 90 Milliarden Euro: Auf diesen Betrag belaufen sich laut dem türkischen Handelsminister Bülent Tüfenkci die Kosten des gescheiterten Putschversuchs im Juli.

Die Wirtschaftswissenschaften befassen sich schon lange mit dem Zusammenhang zwischen Putschen und dem wirtschaftlichen Erfolg im betreffenden Land. Erik Meyersson vom Stockholm Institute of Transition Economics (SITE) hat die wirtschaftlichen Konsequenzen von militärischen Umstürzen empirisch untersucht. Anhand von 547 versuchten Putschen in 91 Ländern seit dem Zweiten Weltkrieg versuchte er zu zeigen, wie ein Putschversuch das Wachstum beeinflusst und ob es einen Unterschied macht, ob ein demokratisches oder ein autokratisches und eine rechts- oder eine links-geführte Führung vom Regierungssitz gestoßen wird.

Meyersson kommt zum Ergebnis, dass Länder, in denen demokratisch gewählte Regierungen einem erfolgreichen Putsch zum Opfer fallen, negative Effekte auf das Wirtschaftswachstum zu erwarten haben: einen jährlichen Rückgang des BIP pro Kopf um etwa 1 bis 1,3 Prozent über das folgende Jahrzehnt. Bereits autoritär regierte Staaten hätten, wenn überhaupt, leicht positive Folgen für das Wachstum zu erwarten. Für erfolglose Putschversuche sowie für einen gewaltsamen Wechsel zwischen Links und Rechts konnte Meyersson anhand der Daten keine eindeutigen Effekte festmachen.

Was der erfolglose Versuch, die gewählte Führung umzustürzen, in der Türkei für wirtschaftliche Folgen haben wird, dafür gibt es in der wissenschaftlichen Literatur keinerlei Anhaltspunkt. Unmittelbar alarmiert sollte Ankara dennoch sein. Denn einer der wichtigsten Einnahmezweige des Landes, der Tourismus, steuert auf ein Krisenjahr zu – eine Entwicklung, die bereits Monate vor dem Putsch ihren Lauf nahm.

Die Zahl der internationalen Besucher lag im Juni 40,86 Prozent unter jener desselben Monats im Jahr 2015. Grund dafür dürften die Terroranschläge in Istanbul und Ankara sein. Die türkische Regierung reagiert auf diesen Trend bereits, indem sie die Einreise für russische Touristen – immerhin eine der größten Gruppen an ausländischen Touristen – nach den Spannungen mit Moskau wieder erleichtert hat. Andererseits wird die Misere im Tourismus von der türkischen Regierung selbst noch dadurch verstärkt, dass sie rund drei Millionen Beamten den Urlaub gestrichen hat.

Handelsminister Tüfenkci macht seine 90-Milliarden-Euro-Rechnung vor allem anhand des unmittelbar verursachten Schadens. Er zählte demnach unter anderem „Kampfflieger, Kampfhubschrauber, Waffen, Bomben“ und zerstörte Gebäude auf, sowie abgesagte Warenbestellungen und Reisen aus dem Ausland.

Doch ein weiterer Faktor dürfte relevant werden: Die türkische Wirtschaft ist im ersten Quartal 2016 über den Erwartungen gewachsen. Wachstumstreiber waren der unerwartet hohe Anstieg der privaten Konsumausgaben. Wie sich dieses Wachstum im Laufe des Jahres weiterentwickelt, bleibt abzuwarten. 70.000 Entlassungen aus dem staatlichen Dienst dürften an der Entwicklung des privaten Konsums aber nicht spurlos vorbeigehen.

Die weitere Entwicklung in der Türkei wird auch für Österreichs Wirtschaft interessant. Im Jahr 2015 exportierten heimische Unternehmen Waren und Dienstleistungen im Wert von über 1,4 Milliarden Euro. Im Vergleich zum Jahr 2014 entspricht das einem Zuwachs von 16,2 Prozent. Die Türkei zählt damit zu den wichtigsten wachsenden Märkten für die österreichische Exportwirtschaft. Zudem haben österreichische Investoren in den vergangenen Jahren in die Türkei viel Geld fließen lassen.

Angaben in Millionen Euro.

Mehr zum Thema:

Der Economist hat sich zuletzt in seinem Podcast „Money talks“ mit den wirtschaftlichen Folgen des Putsches auseinandergesetzt.