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Frankreich

Was Marine Le Pen anders macht als ihr Vater

von Matthias Sander / 01.12.2015

Mystizismus, Aufopferung, Führerkult: Le Pens Versuch, den Front National zu „entdämonisieren“ gelingt nur oberflächlich. Ein neues Buch erörtert die rhetorischen Unterschiede zwischen der Parteichefin und ihrem Vater, dem Parteigründer Jean-Marie Le Pen. 

Ist Marine Le Pen wie ihr Vater Jean-Marie, der Gründer des Front National, rechtsextrem – oder nur rechtspopulistisch? Diese Frage hat sie selbst aufgeworfen mit ihrer Strategie, die Partei zu „entdämonisieren“, um sie für mehr Bürger wählbar zu machen. Eine differenzierte Antwort geben die Literaturwissenschaftlerin Cécile Alduy und der Kommunikationswissenschaftler Stéphane Wahnich. Sie analysieren Reden, Interviews und Gastkommentare aus den Jahren 2011 bis 2014. „Wir glauben an die Gleichheit der französischen Bürger, ganz egal, was ihre Herkunft oder ihr Glaube ist.“

Ein solcher Satz aus dem Munde Le Pens lässt aufhorchen. Er zeigt, dass sie eher als ihr Vater republikanische Werte für sich beansprucht. „Freiheit“ und „Demokratie“ etwa sagt Marine Le Pen viel öfter als ihr Vater, wie Alduy und Wahnich gezählt haben. Folgt man den Autoren, muss man bei ihr aber genau beachten, was sie meint. Den Satz über die Gleichheit etwa schränkt sie stark ein, wie folgendes holprige Zitat zeigt. „Um französisch einzubürgern, braucht es eine französische Natur, einen französischen Boden, französische Landschaften, Licht, Luft; man wird nie in einer tristen Öde aus Beton und Asphalt einbürgern.“ Für Franzosen ist klar, was mit der „tristen Öde aus Beton“ gemeint ist: die vernachlässigten Wohnburgen der Banlieue. Ergo deren Bewohner, die oft aus den ehemaligen französischen Kolonien Afrikas stammen. Marine Le Pen nutzt gern derlei Anspielungen. So macht sie sich die Hände nicht schmutzig, und trotzdem weiß jeder, was sie meint. Sie profitiert dabei von der jahrzehntelangen Vorarbeit ihres Vaters, dessen dumpfe Parolen etwa vom ehemaligen Präsidenten Nicolas Sarkozy aufgegriffen wurden. „Das Ziel dieser organisierten Masseneinwanderung ist es, die Gehälter der Franzosen nach unten zu drücken.“

Im Gegensatz zu ihrem Vater argumentiert Marine Le Pen gegen Zuwanderer eher mit wirtschaftlichen Gesichtspunkten als mit „Überfremdung“. Die Globalisierung ist für sie Mutter allen Übels, womit Le Pen auch bei Linken punktet. Zugleich kann sie Zuwanderer als abstraktes Problem darstellen, das es technokratisch zu lösen gilt. Insbesondere in Reden für ein breites Publikum rechnet Marine Le Pen Arbeitslose und Arme gegen Zuwanderer auf. Vor Parteimitgliedern jedoch spricht sie von einem „regelrechten Geheimprojekt zur massenhaften Ansiedlung“ von Ausländern. „Im Innersten meines Herzens weiß ich, dass das ewige Frankreich uns ruft, uns erwartet! Ich spüre zutiefst sein Verlangen, seinen Drang, an seine Spitze Männer und Frauen zu heben, die es innig lieben, die ihm voll und ganz ergeben sein werden. Ich weiß es im Innersten meiner Seele, und ich werde diese Männer und Frauen im Dienste ihres Vaterlandes führen! Helft mir! Folgt mir!“ Le Pen inszeniert sich gern als Wiedergeburt der Freiheitskämpferin Jeanne d’Arc, der „Mutter der französischen Nation“. Mystizismus, bedingungslose Aufopferung, Führerkult – so redet keine überzeugte Republikanerin.

Zusammenfassend schreiben Alduy und Wahnich, dass Marine Le Pen ihrem Vater hinsichtlich rechtsextremer Meinungskundgebungen in wenig bis nichts nachstehe. Sie sage oft das Gleiche, nur in anderen Worten. Hier und dort entwickle sie eigene Themen wie Wirtschaft und Protektionismus. Manche Obsessionen ihres Vaters pflege sie nicht, etwa Antisemitismus oder biologisch begründeten Rassismus. Alles in allem aber widerspreche sie – außer durch ihre israelfreundlichere Haltung – ihrem Vater nie.

Cécile Alduy, Stéphane Wahnich: Marine Le Pen prise aux mots. Décryptage du nouveau discours frontiste. Editions du Seuil, Paris 2015. 304 S.


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