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Wachstumskritik

„We care about growth – but growth doesn’t care about us!“ Seriously?

Gastkommentar / von Franz Schellhorn / 03.09.2016

Es wird immer wieder kritisiert, dass junge Menschen zu wenig Gehör im politischen Prozess fänden. Das ist wahr. Aber nicht immer falsch.

Hin und wieder lohnt es sich, mit der Zukunft ins Gespräch zu kommen. Junge Leute werden ja ohnehin zu wenig gehört, dabei sehen sie die Dinge noch vergleichsweise unverkrampft. So meinte etwa ein Physik-Student bei einer der vielen interessanten Diskussionen anlässlich der Alpbacher Wirtschaftsgespräche, dass ein radikales Umdenken unumgänglich sei. Denn: „We all care about growth, but growth doesn’t care about us!“ Es brauche eine Abkehr vom Fetisch Wachstum, die Menschen müssen wieder genügsamer leben, andernfalls sei der Untergang unausweichlich. Der Großteil der Anwesenden ist nicht nur vom Wortspiel des jungen Mannes angetan, sondern auch von dessen Inhalt, der mit spontanem Applaus belohnt wird.

Wohlstand durch Stagnation?

Yanis Varoufakis beim Europäischen Forum Alpbach
Credits: APA/EUROPÄISCHES FORUM ALPBACH/ANDREI PUNGOVSCHI

Im großen Saal des Forums diskutiert wenige Stunden vorher der griechische Ex-Finanzminister Yanis Varoufakis mit dem Neo-Chef des Münchner Ifo-Instituts, Clemens Fuest, über die Zukunft Europas. Varoufakis geißelt die grassierende Ungleichheit, die durch die beschleunigte Automatisierung verschärft werde. Die Lösung? Jede Firma wird vom Staat gezwungen, ein Fünftel ihres Kapitals in einen Fonds einzuzahlen, aus dem ein EU-weites bedingungsloses Grundeinkommen zu bezahlen ist. Auch er fordert ein radikales Umdenken, insbesondere im Vereinigten Europa, das so nicht mehr funktioniere. Eine Aussage, die das Gros der anwesenden Studenten mit begeistertem Szenenapplaus quittiert. Studenten wohlgemerkt, die mit EU-Stipendien in ganz Europa studieren, und die ohne die angeblich so funktionsuntüchtige Union gar nicht in Alpbach sitzen würden.

Mit anderen Worten: Wer heute behauptet, dass sich unser Wohlstand nur mit Enthaltsamkeit, Stagnation und einem bedingungslosen Grundeinkommen sichern lässt, dürfte bei den gebildeteren Schichten der Jüngeren gut im Rennen liegen. Wer hingegen meint, dass die Ärmeren dieser Welt nur über Wachstum zu mehr Wohlstand kommen können und ein weiterer Ausbau des Sozialstaates auch erwirtschaftet werden muss, hat große Chancen, als wirtschaftspolitischer Reaktionär und verblendeter Ideologe ausgebuht zu werden. Noch nicht ganz herumgesprochen hat sich offensichtlich, dass Wirtschaftswachstum in der industrialisierten Welt längst kein quantitatives, sondern in steigendem Ausmaß ein qualitatives Phänomen ist. Also nicht „immer mehr“, sondern immer besser, im Sinne von umweltfreundlicher, innovativer und intelligenter. Der Vergleich eines Autos aus dem Jahr 2000 mit einem Modell von 2016 zeigt, was gemeint ist.

Sollen sie halt Kuchen essen!

Wie es der Zufall so will, lehnt der studierende Erfinder des tollen Wortspiels am späteren Abend an der Bar eines in Alpbach weltberühmten Hotels. Womit sich die Gelegenheit ergibt, ihn zu fragen, wie denn die armen Menschen in benachteiligten Regionen seiner Ansicht nach zu mehr Wohlstand kommen sollen, wenn wir im reichen Norden nur noch regional einkaufen und dem Konsum generell abschwören. „Na dann müssen sich die Leute vor Ort eben etwas einfallen lassen!“ So kann man die Sache natürlich auch sehen – oder wie Wolf Lotter so treffend meint: „Die Wachstumskritik im reichen Westen steht auf dem Fundament des Vergessens. Und geht auf Kosten jener, die man vorgeblich liebt: der Armen.“

Nun kann auch der schon eine Weile zuhörende Studienkollege nicht mehr anders, als sich über alles dominierende Großkonzerne auszulassen, die uns im wohlhabenden Westen zum Konsum von Gütern zwängen, die von ausgebeuteten Menschen in fernen Sweat-Shops gefertigt werden. Auf die Frage, woher denn das schmucke Sakko sei, das er gerade trage, antwortete der junge Mann, dass er das nicht so genau wisse, weil er sich für solche Dinge auch nicht wirklich interessiere. Ein Blick in das Innere des guten Stücks zeigt das Label einer internationalen Billig-Textil-Kette, die nahezu ausschließlich in Fernost schneidern lässt. Ob das nicht im Widerspruch mit seiner Weltsicht stünde? „Was Teureres kann ich mir eben nicht leisten.“ Klar, das muss man verstehen.

Hin und wieder lohnt es sich eben wirklich, mit der Zukunft ins Gespräch zu kommen.