Darren Staples / Reuters

Britisches EU-Referendum

Welche Folgen der Brexit auf die britische Automobilbranche hätte

von Gerald Hosp / 21.06.2016

Die britische Fahrzeugbranche stellt eine Erfolgsgeschichte dar. Der Brexit wäre ein Risiko für die Fortsetzung der Entwicklung. Ein Augenschein in Coventry, der Wiege des englischen Autobaus.

Es steht nur eine kleine Gruppe von Männern in Anzügen in der überdimensionierten Eingangshalle des Manufacturing Technology Centre (MTC) am Rande von Coventry herum. Nick Abell vom Anwaltsbüro Wright Hassall fängt diejenigen ab, die nicht rechtzeitig von der Absage der angekündigten Debatte über das EU-Referendum und den möglichen Einfluss auf das verarbeitende Gewerbe erfahren haben. Nach der Ermordung der Politikerin Jo Cox in der vergangenen Woche sind in ganz Großbritannien Veranstaltungen zur Abstimmung kurzfristig abgesetzt worden.

Eine insulare Erfolgsgeschichte

Dass die Diskussionsrunde um die Auswirkungen auf die Industrie im Falle eines Austritts Großbritanniens aus der EU gegangen wäre, ist kein Zufall. Die Stadt in den West Midlands ist die Wiege der britischen Automobilbranche. Und der Sektor gilt als einer der Wirtschaftszweige, der am schwersten unter einem Brexit leiden könnte.

Die Geschichte von Coventry ist dabei wechselhaft: Nach einem Höhepunkt der Industrieproduktion in den 1960er Jahren erlebte Coventry einen Niedergang in den darauffolgenden zwei Jahrzehnten. Seit einiger Zeit geht es aber wieder aufwärts. So hat Jaguar Land Rover (JLR) immer noch den Hauptsitz in der knapp 340.000 Einwohner großen Stadt, auch wenn der Autokonzern, der zum indischen Tata-Konglomerat gehört, nicht mehr im Stadtgebiet produzieren lässt.

Das MTC selbst ist Zeuge der Veränderung: Dort, wo bis 1994 ein Werk von Rolls-Royce stand, befinden sich jetzt der Wirtschaftspark und die London Taxi Company, die die charakteristischen schwarzen Taxis für die Hauptstadt herstellt. Einer der Männer, die nichts von der Absage der Diskussionsrunde wussten, ist Peter Purdom. Vor kurzem hat er sein Unternehmen, das in Frankreich Autoteile produziert und von Großbritannien aus geleitet wurde, verkauft. Für Purdom ist die EU nicht perfekt. Sie habe sich auch stark verändert und ähnle nicht mehr der Wirtschaftsgemeinschaft, der Großbritannien in den 1970er Jahren beigetreten sei. Dennoch sei es besser, dabei zu sein, wenn man mitbestimmen möge, sagt Purdom. Dem stimmt Abell, einer der Organisatoren, zu. Er streicht die Bedeutung des EU-Binnenmarkts für die Region hervor.

Auch wenn der Industriesektor gegenüber dem Dienstleistungsbereich in Großbritannien stark ins Hintertreffen geraten ist, stellt die Automobilbranche eine Erfolgsgeschichte dar. Die Insel ist derzeit hinter Deutschland und Spanien der drittgrößte Autoproduzent in der EU. Es gibt zwar nur mehr wenige Hersteller in britischen Händen. Die ausländischen Fahrzeugbauer nutzen Großbritannien aber zum Teil als Sprungbrett für Exporte nach Europa und in die Welt. Vier Fünftel der im Vereinigten Königreich hergestellten Autos werden exportiert, zur Hälfte in die EU. Die ausländischen Unternehmen brachten mit ihren Investitionen in Fertigungshallen und Marken den Aufschwung: Nissan produziert mehr Autos in Sunderland als ganz Italien, BMW baut den Mini in Oxford, und Tata hat Jaguar Land Rover 2008 von Ford gekauft und revitalisiert.

Kumar Bhattacharyya, der für die Labourpartei im Oberhaus des Parlaments in London sitzt und in seinem Institut Warwick Manufacturing Group (WMG) auch Lord B genannt wird, ist eine der Schlüsselfiguren in der Renaissance der britischen Automobilindustrie. Vor mehr als dreißig Jahren gründete Bhattacharyya das Institut WMG, das an der University of Warwick in Coventry eine Schnittstelle zwischen Ausbildung, Forschung und Autobranche ist. Er war auch maßgeblich am Kauf von JLR durch Tata beteiligt.

Mit der Gewissheit eines Mannes, der schon oft in seinem Leben recht hatte, sagt Lord Bhattacharyya: „Wir werden in der EU bleiben.“ Dies sei auch schon nötig, weil Großbritannien die ausländischen Arbeitskräfte benötige. Coventry sei wegen der Industrietätigkeit schon immer multinational gewesen. Sollte es doch zu einem Brexit kommen, sieht er nicht nur Düsternis und Verderbnis. Listig sagt Bhattacharyya, dass Großbritannien der größte Auslandsmarkt für die deutschen Autobauer in der EU sei. Es liege deshalb im Interesse der anderen EU-Staaten, die Grenzen für die Autobranche offen zu lassen. Der Zolltarif der EU für Fahrzeuge aus Drittländern beträgt 10 Prozent. Auch die Einfuhr von Autokomponenten von Ländern ausserhalb der EU unterliegt Zöllen.

Vision einer smarten Autostadt

Mit dem Brexit würde es aber schwieriger werden, die Vision Bhattacharyyas von Coventry als einer „Smart Motor City“ umzusetzen, in der sich Forschung und Produktion verschränkten. Emsig wird neben den Institutsgebäuden am National Automotive Innovation Centre gebaut, das Ende nächsten Jahres fertig werden soll. Das 150-Millionen-Pfund-Projekt ist eine Zusammenarbeit zwischen JLR, WMG und der Regierung. Dereinst soll im Centre auch der 3-D-Simulator stehen, den der Wissenschafter Gunny Dhadyalla mit Stolz präsentiert. Mit dem Simulator können Autos auf Herz und Nieren in einem kontrollierten Umfeld getestet werden. Am WMG wird unter anderem an fahrerlosen Autos, Batterien für Elektromobile und Methoden für die Qualitätsmessung gearbeitet.

Forschungsmitarbeiter loben die Bedingungen in Coventry und am WMG. Für Peter Wilson, der aus Manchester stammt und über neue Materialien forscht, ist es wichtig, dass Großbritannien in der EU bleibt. Kollegen aus Italien, Griechenland und den USA stimmen bei. Dabei fällt häufig der Begriff „Horizon 2020“. Damit ist ein ehrgeiziges Forschungsförderungsprogramm der EU gemeint, mit dem auch Projekte in Coventry finanziert werden.

Aber selbst am WMG gibt es EU-kritische Stimmen. Dabei geht es meist um die allgemeine Richtung, die Brüssel eingeschlagen hat, und um die Frage der Selbstbestimmung. Neben dem Thema der Souveränität steht in der Abstimmung auch häufig die Frage um die Zuwanderung im Mittelpunkt. Coventry liegt mit einem Ausländeranteil von gut einem Viertel der Bevölkerung über dem englischen Durchschnitt. Der Wähleranteil der rechtspopulistischen Ukip, ein guter Indikator für die Befürwortung eines Brexit, entspricht dem Schnitt in England. Laut einer Studie des Fernsehsenders Sky vom März zählt aber Coventry zu den relativ europafreundlichen Gebieten.

Dies kann auch daran liegen, dass die Arbeitslosenquote in der Region unterdurchschnittlich ist. Zudem werben die meisten Autobauer und Zulieferer bei ihren Mitarbeitern für ein Verbleiben in der EU. Im Falle eines Brexit könnten die britischen Produktionsstätten unter Druck geraten, die in eine europäische Wertschöpfungskette eingebunden sind. Die Branche ist flexibel, weil die meisten Unternehmen Standorte in mehreren Ländern haben. Wegen der Unsicherheit dürften zudem die ausländischen Direktinvestitionen zurückgehen. Viele in der Branche gehen dann von einem schleichenden Rückgang der britischen Autobranche aus.