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Wenn die Flucht am Polarkreis endet

von Rudolf Hermann / 09.11.2015

Um auf dem Landweg nach Finnland zu gelangen, müssen Flüchtlinge einen weiten Bogen bis fast an den Polarkreis schlagen. Dennoch wird diese Route zunehmend frequentiert. Finnland ist darauf nur unzureichend vorbereitet.

Es muss eine befremdlich wirkende Landschaft sein, die da am Fenster vorbeizieht, wenn die vertraute Heimat in der afrikanischen Savanne oder der arabischen Wüste liegt. Die zahlreichen Teiche, Seen und Meeresbuchten beginnen an den Rändern schon zuzufrieren, an schattigen Waldrändern bleibt der Raureif den ganzen Tag liegen, und die Birken, die die endlosen Nadelwälder durchsetzen, haben ihr goldenes Herbstlaub bereits abgeworfen. Die Sonne ist nur halbherzig über den Horizont hochgestiegen und wirft so lange Schatten, dass die Dämmerung nicht mehr allzu fern scheint. Dabei ist es Mittag an einem Tag im Oktober.

Ein weiter Weg

Man fragt sich, was Irakern oder Somaliern durch den Kopf gehen muss in den langen Stunden, die sie im Bus zubringen, um nach Haparanda zu kommen. Die schwedische Stadt Haparanda, zuoberst am Bottnischen Meerbusen und nur knapp unter dem Polarkreis gelegen, bildet den Grenz- und nördlichen Scheitelpunkt auf dem Landweg zwischen Schweden und Finnland. Es ist der einzige Weg, auf dem man nach Finnland gelangen kann, ohne sich ausweisen zu müssen, denn Flug- und Schiffsgesellschaften verlangen für Passagen einen Identitätsnachweis. Deshalb ist dieser Grenzübergang am Ende der Welt in den vergangenen Wochen mehr und mehr zu einem Ziel für Asylsuchende geworden – auch wenn er mehr als 1.600 Straßenkilometer von Malmö oder Trelleborg entfernt ist, wo die meisten Flüchtlinge Schweden erreichen.

Dass eine zunehmende Zahl von ihnen weiterreist, erstaunt zunächst angesichts der Tatsache, dass Schweden zu den erklärten Wunschdestinationen von Asylsuchenden in Europa gehört. Es sind allerdings vor allem Iraker und Somalier, die nach Finnland gelangen wollen, und nicht Syrer, die in Schweden derzeit praktisch mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit Asyl erhalten. Denn die finnische Regierung schätzte in ihrer bisherigen Praxis den Irak und Somalia als unsichere Länder ein, während die schwedische Regierung Teile dieser Länder als sicher betrachtet. Migranten aus diesen Ländern rechnen sich damit bessere Chancen aus, von Helsinki als Flüchtlinge anerkannt zu werden. Außerdem ist unter Asylsuchenden inzwischen bekannt, dass sich in Schweden durch den großen Zustrom von Migranten die Bearbeitungszeiten für Asylanträge bis zu zwei Jahre hinziehen können.

Mangelnde Ressourcen

Solche Überlegungen mag auch die fünfköpfige somalische Gruppe angestellt haben, die an diesem Oktobertag in Haparanda aus dem schwedischen Linienbus steigt. „Finnland 60 Meter“ steht auf einem an die Glastür der Station angeklebten Blatt Papier, mit einem Pfeil nach links. Tatsächlich steht der gemeinsame Busterminal der schwedisch-finnischen Doppelstadt Haparanda-Tornio fast direkt an der Grenze. Im Stationsgebäude liegen Flugblätter in mehreren Sprachen auf, die Ankommende darauf hinweisen, dass Asylanträge sofort beim Betreten finnischen Territoriums der Grenzwacht oder der Polizei unterbreitet werden müssen. Wer dies unterlasse und nicht über Reisepapiere verfüge, werde als illegal Eingereister betrachtet.

Die somalische Gruppe, die dem Pfeil gefolgt ist, wird denn auch umgehend von der finnischen Grenzwache angehalten, die an der nächsten Straßenkreuzung postiert ist. Nach kurzer Befragung geht es mit einem Minibus weiter in das Registrationszentrum, das eilig in einem leerstehenden Schulhaus eingerichtet worden ist. Denn seit dem Sommer überqueren täglich bis zu 400 Flüchtlinge die schwedisch-finnische Grenze im hohen Norden.

Von diesem Zustrom ist Finnland überrascht und zunächst auch überfordert worden, logistisch wie auch mental. In Tornio fehlte es an Kapazitäten für Registrierung und vorläufige Aufnahme der Ankommenden. Diese ihrerseits hatten wenig Lust, länger als nötig in der abgelegenen Grenzstadt zu verweilen. Sie reisten weiter in größere Zentren und entzogen sich damit vorübergehend auch der behördlichen Kontrolle.

Kühles Klima

Mithilfe von Verwaltung, Polizei und sogar Militär sind in Tornio inzwischen die nötigen Registrierungs- und Aufnahmestrukturen geschaffen worden. Noch immer jedoch ist die Polizei überlastet. Laut der Sendeanstalt YLE wurden im Polizeidistrikt Lappland von Januar bis September knapp 5.000 Asylgesuche verzeichnet, gegenüber bloß einigen Dutzend in der Vergleichsperiode des Vorjahres. Und seit der Einrichtung des Aufnahmezentrums Tornio Ende September sind dort bereits rund 6.000 Personen registriert worden. Gesamthaft rechnet die Verwaltung damit, dass dieses Jahr in Finnland bis zu 35.000 Asylanträge gestellt werden könnten, das Zehnfache gegenüber dem vergangenen Jahr. Gerade für Iraker und Somalier vermindern sich allerdings die Chancen auf die Anerkennung als Flüchtlinge. Denn die Immigrationsbehörde hat die Bearbeitung von Gesuchen ausgesetzt, bis eine Neubeurteilung der Sicherheitslage in den Herkunftsländern erfolgt ist.

Die Bevölkerung ist in Finnland Asylsuchenden gegenüber weniger offen eingestellt als in Schweden. Vereinzelt machen Ereignisse international Negativschlagzeilen, wie etwa eine Demonstration von Rechtsextremisten in Ku-Klux-Klan-Roben in Lahti. In Kemi, einer Kleinstadt nur wenige Kilometer von Tornio entfernt, kündigte eine Gruppe mit dem Namen „Soldiers of Odin“ an, „zum Schutz der Bürger“ auf den Straßen zu patrouillieren. Eine junge Frau in Tornio allerdings meint, die Flüchtlinge fielen im Stadtbild nicht auf. Sie nehme sie höchstens in ihrem Wohnquartier zur Kenntnis, weil sich dort auch das Unterbringungszentrum befinde.