Wer in Dänemark wirklich das Sagen hat

von Niels Anner / 12.06.2015

Something is rotten in the state of Denmark. Die Dänen wählen am 18. Juni ihr neues Parlament. Doch unabhängig vom Ausgang wird sich an den entscheidenen Stellen im Land nur wenig ändern. Die Universität Kopenhagen hat in einer Studie die 423 einflussreichsten Dänen ausgemacht. Nur wenige davon sind Politiker. NZZ-Autor Niels Anner hat sich die Sache angesehen.

Straßen voller Wahlplakate, aufgeregte Politiker, hektische Medien: Der Kampf um 179 Parlamentssitze und eine neue Regierung läuft auf Hochtouren. Doch eigentlich wird Dänemark von einer anderen Elite gesteuert, von 423 Personen, zu denen kaum Politiker zählen. Vielmehr agieren die wahren Mächtigen im Hintergrund in nichtöffentlichen Netzwerken wie Verwaltungsräten, Stiftungen und königlichen Bällen.

Zu diesem Ergebnis kommen Soziologen der Universität Kopenhagen in einer vielbeachteten Untersuchung. Sie haben über zwei Jahre eine einzigartige Datensammlung analysiert: Tausende von Dokumenten von Unternehmen, Ausschüssen, aber auch des Königshofs. 57.000 Posten und Funktionen verteilt auf 37.000 Personen landeten in ihrer Datenbank. Danach untersuchten sie die besten Netzwerker, gewichteten deren Kontakte. Denn die Forscher definieren Macht als Fähigkeit, über Netzwerke Einfluss auszuüben, auch weit über die eigene Organisation hinaus. Es stellte sich heraus, dass dieselben Topmanager in ausgesuchten Klubs, wichtigen Verwaltungsräten und bei Empfängen der Königin anzutreffen sind, wie Christoph Ellersgaard sagt, einer der Autoren. Am Ende stachen 423 Personen als innerer Kreis der einflussreichsten Dänen heraus; die Elite der Eliten.

Chefs großer Firmen, Unternehmer, Verwaltungsräte und Arbeitnehmerorganisationen stellen 53 Prozent der Elite, wobei Familiendynastien sehr bedeutend sind – eine dänische Besonderheit. Eine andere sind die starken Gewerkschaften: 13 Prozent der Eliteplätze fallen ihnen zu, sie belegen zudem die Ränge eins, drei, neun und zehn in der Liste der Mächtigsten. Ein drittes dänisches Merkmal ist die Monarchie: Obwohl politisch unerheblich, „dient sie der Elite als wichtiger Treffpunkt“, sagt Ellersgaard.

Behörden, Universitäten und Politik sind dagegen nur punktuell vertreten. Von den 423 sind bloß 35 Politiker. Regierungschefin Thorning-Schmidt liegt auf Rang 204, der Chef der Liberalen erreicht als mächtigster Parlamentarier Rang 143. Die Politik sei nicht unbedeutend, sagt Ellersgaard, aber die Elite habe genug Einfluss, um ihre Interessen durchzusetzen. Zudem droht Politikern die Abwahl. Die Elite setzt aber auf Stabilität – und auf einen ungeschriebenen Konsens: Die Forscher sprechen von einer wirtschafts- und EU-freundlichen Politik der Mitte. Deshalb spiele es für die Elite auch keine große Rolle, ob nun Mitte-Links oder die Bürgerlichen regierten, sagt Ellersgaard. Die großen Parteien seien zu ähnlich.

Der Konsens gesteht aber auch Gewerkschaften Einfluss zu und sieht den Wohlfahrtsstaat als wichtig an. Wer abweichende Haltungen vertritt – Parteien am rechten und linken Rand – bleibt ausgeschlossen. Zudem will die Elite unauffällig arbeiten, weshalb laute oder charismatische Politiker, aber auch die meisten Journalisten oder Künstler ebenfalls keinen Zutritt erhalten.

Die Autoren bemängeln die demokratische Legitimation der Elite, die nicht gewählt ist und die Bevölkerung kaum repräsentiert: Die Mächtigen sind überwiegend männlich, haben bis auf eine Ausnahme weiße Hautfarbe, haben Wirtschaft, Jus oder Politologie studiert und leben meist in den reichen Vororten Kopenhagens. Dies widerlege, sagt Ellersgaard, das Bild von einem egalitären Land – dem Stolz vieler Dänen.