AFP / Virginia Mayo

Randnotiz

Wer ist hier der Migrant?

von Bernhard Schinwald / 07.01.2016

David Cameron muss auch bei seiner Werbetour durch die europäischen Hauptstädte viele Zugeständnisse machen, um die Unterstützung für seine EU-Reform zu sichern.

Ein etwas ungewöhnlicher Wunsch kommt dabei aus Budapest, das Cameron am Donnerstag nach der CSU-Parteiklausur im oberbayerischen Wildbad Kreuth besuchte. Wie die Financial Times berichtete, wünscht sich die ungarische Regierung vom britischen Premier, er möge jene Ungarn, die in Großbritannien leben und arbeiten, nicht als „Migranten“, sondern wahlweise als „Gastarbeiter“ oder „EU-Bürger“ bezeichnen. Der Begriff „Migranten“ sei zu schlecht besetzt. Schließlich stehen „Migranten“ in der ungarischen Definition für Kriminalität und Gewaltbereitschaft.

Cameron dürfte dieses Zugeständnis – so banal es auch klingen mag – nicht so leicht fallen. In der Londoner Lesart handelt es sich bei „Migranten“ jedoch um Einwanderer, die sich am britischen Sozialstaat bereichern. Und wenn Cameron vom „Migranten“-Problem redet, spricht er dabei vor allem über jenen Teil der Einwanderer aus den ost- und mitteleuropäischen Ländern, die umgehend nach der EU-Osterweiterung 2004 auf die Insel auswanderten.

Ungarn gehört zu den EU-Ländern mit den meisten Auswanderern nach Großbritannien. Laut dem Zensus lebten 2014 rund 79.000 Ungarn im Königreich. London ist gemessen an den Einwohnern die größte ungarische Stadt außerhalb der Landesgrenzen.

Für Orbán kommt das Wort „Migranten“ dem Eingeständnis gleich, dass seine Landsleute für Cameron möglicherweise eine ähnliche Last darstellen, wie er sie den Einwanderern in seinem eigenen Land nachsagt. Im Gezänk um die „Migranten“ steckt also nicht nur ein Namensstreit, sondern der Kern der Zuwanderungsdebatte zwischen London und den ost- und mitteleuropäischen EU-Mitgliedern, die allen weiteren Wünschen des britischen Premiers eigentlich positiv gegenüberstehen.

Das gleiche Problem wartet auf den britischen Premier auch in Warschau – wenngleich in noch größeren Dimensionen.