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Nachfolge von Cameron

Wer nun noch Regierungschef werden könnte

von Peter Rásonyi / 30.06.2016

Kurz vor Ablauf der Frist hat der Favorit auf die Nachfolge von David Cameron, Boris Johnson, völlig überraschend seinen Verzicht auf eine Bewerbung erklärt. Das erhöht speziell für einen Kandidaten die Chancen. 

Eine Übersicht der Kandidaten für die Führung der Conservative Party und damit auch der Nachfolge David Camerons im Amt des Premierministers.


Credits: AFP/Frantzesco Kangaris

Theresa May, 59, ist seit 2010 Innenministerin im Kabinett von Premierminister Cameron. Sie hat das Ministerium mit den schwierigen Ressorts Polizei, Sicherheit und Einwanderung seit sechs Jahren im Griff, davon fünf in einer Koalitionsregierung mit den Liberaldemokraten, was allein schon eine große Leistung ist. Dabei hat sie sich klar als Teil des rechtskonservativen Parteiflügels positioniert, was in ihrer Rolle als Innenministerin notwendig ist, um Stärke und Entschlossenheit zu demonstrieren.

Die einzige Extravaganz, die sich die Ministerin leistet, ist eine legendäre Leidenschaft für teures und auffälliges Schuhwerk. Sonst tritt sie als der Inbegriff der seriösen Politikerin auf, stets kompetent, ruhig, berechenbar.

Gleichzeitig war sie stets Premierminister Cameron gegenüber loyal und zeigte sich auch kompatibel mit jenen Strömungen in der Partei, welche deren Image einer Modernisierung zuführen will. Aus Loyalität hat sie sich in der Frage des Brexit Cameron angeschlossen und sich für einen Verbleib Großbritanniens in der Union ausgesprochen. Sie hielt sich aber taktisch geschickt im Hintergrund der Kampagne und signalisierte damit, dass sie auch gut mit einem Austritt leben kann. Konsistent hat sie in den letzten Jahren auch immer ihre eigenen euroskeptischen Gefühle zu erkennen gegeben, was aber bei den meisten konservativen Politikern der Fall ist.

May ist mit ihrer Erfahrung und Kompetenz ohne Zweifel eine geeignete Kandidatin für die Partei- und Regierungsführung. In der Fraktion der Konservativen, die ihre Kandidatur vorschlagen müsste, hat sie sich aber mit ihrer spröden, zurückhaltenden Art wenig Freunde gemacht. Bei den Parteimitgliedern ist sie durchaus populär. Gegen einen Medienstar Boris Johnson hätte sie in diesem Gremium wohl einen schweren Stand. Das hat sich nun geändert.


 


Credits: AFP/Leon Neal

Michael Gove, 49, ist seit 2015 Justizminister und hat nun überraschend eine eigene Kampagne für das Amt des Premierministers angekündigt. Lange war in Westminster gemunkelt worden, dass Gove mit einem schwer zu schlagenden Zweierticket als Schatzkanzler von Boris Johnson ins Rennen gehen würde. Seine am Donnerstagmorgen überraschend vorgebrachte eigene Kandidatur für die Parteiführung war deshalb zunächst auch als Rückschlag für Johnsons Ambitionen interpretiert worden; Gove schien der Karriereschritt im Schlepptau des Populisten Johnson wohl zu unsicher. Nach dem Rückzug Johnsons ist er umso mehr ein ernstzunehmender Kandidat, gewissermaßen ein „Boris light“.

Der ehemalige Journalist Gove ist hervorragend vernetzt, nicht nur in
Westminster, sondern auch mit führenden Zeitungsverlegern wie Rupert Murdoch (The Sun, The Times, Sunday Times). Über seine Ehefrau Sarah Vine, eine bekannte Kolumnistin der Daily Mail, verfügt er auch über beste Beziehungen zu diesem mächtigen Boulevardblatt.

Gove ist seit der Regierungsübernahme der Konservativen 2010 ein Schwergewicht der Regierung. Als Erziehungsminister krempelte er in sehr eigenwilliger Weise die Organisationen der Schulen um und legte sich mit den einflussreichen Lehrergewerkschaften an. Er polarisierte mit scharfen Angriffen, pointierten Reden und eigenwilligen Entscheiden wie kaum ein anderer. Er brachte damit so viele Personen gegen sich auf, dass Premierminister Cameron ihn ein Jahr vor der Parlamentswahl 2015 aus dem Verkehr zog und nach dem Wahlsieg in das weniger exponierte Justizministerium versetzte.

In der Kampagne zum EU-Referendum kämpfte Gove als ein führender Exponent für den Austritt aus der EU. Das würde ihn als Stratege und Verhandlungsführer bei den Verhandlungen über die Austrittsmodalitäten und damit für das Premierministeramt empfehlen.


 


Credits: AFP/Leon Neal

Steven Crabb, 43, ist seit März dieses Jahres Arbeits- und Rentenminister im Kabinett Cameron, als dessen treuer Gefolgsmann er gilt. Zur Begründung seiner Kandidatur sagte er, er sehe niemanden mit einer überzeugenden Antwort, wie eine tief gespaltene Nation geheilt werden sollte. Crabb gehört nicht den britischen Eliten an, sondern wuchs mit einer alleinerziehenden Mutter in einer Sozialwohnung auf. Obwohl er selbst an der Seite Camerons für einen Verbleib Großbritanniens kämpfte, verspricht er nun einen „ausgehandelten Austritt“ aus der EU. Im Rennen um das Amt des Premierministers gilt er als Außenseiter.


 


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Liam Fox, 54, war früherer Verteidigungsminister im Kabinett Cameron. Er gehört zum Anti-EU-Flügel der Partei. 2011 hatte er zurücktreten müssen, weil er einen befreundeten Lobbyisten auf offizielle Termine mitgenommen hatte. Fox gehört seit 1992 dem britischen Parlament an und hatte unter Premierminister John Major verschiedene Funktionen im Regierungsapparat inne. Er gilt als nationalkonservativ, traditioneller Tory und Gegner von Cameron. Der Schotte stammt aus bescheidenen Familienverhältnissen und ist ausgebildeter Arzt.

 


 


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Andrea Leadsom, 53, gehört als Energieministerin der Regierung Cameron an. Die Befürworterin eines Brexit, die in der Kampagne eine prominente Rolle einnahm, kündigte am Donnerstag kurz vor Ablauf der Frist via Twitter ihre Kandidatur an. „Lasst uns das Beste aus den Brexit-Möglichkeiten machen“, schrieb sie in ihrem Tweet. Laut der Webseite der britischen Regierung war sie vor ihrer politischen Laufbahn als Managerin im Bankensektor tätig.