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Die Sparsamkeit in Estland

Wie billig darf es sein, Präsident zu werden?

von Rudolf Hermann / 24.08.2016

Wie die USA erhält auch der kleine baltische Staat Estland demnächst einen neuen Präsidenten. Die PR-Branche geht dabei allerdings fast leer aus.

In den USA biegt der Präsidentenwahlkampf auf die Zielgerade ein, und die Dollarmillionen für die Kampagnen fliessen in Strömen. Auch in Estland wird ein neues Staatsoberhaupt gewählt, sogar noch deutlich früher, nämlich schon Ende August. Doch im Gegensatz zu Amerika ist hier die Tugend der Sparsamkeit angesagt. Wie der Online-Ausgabe der estnischen Zeitung „Postimees“ unlängst zu entnehmen war, brüsten sich die Kandidaten und ihre Wahlkampfstäbe nämlich mit Angaben dazu, wer bisher wie wenig ausgegeben habe.

Klar in Front liegt hier der sozialdemokratische Kandidat Eiki Nestor. „Keine Ausgaben bisher, alle meine Wahlhelfer arbeiten ehrenamtlich“, gab er zu Protokoll. Am anderen Ende des Spektrums liegt Mailis Reps von der Zentrumspartei. Ihr Stab hat bisher etwa 5000 Euro ausgegeben, beispielsweise für Saalmieten oder den Druck von Broschüren. Mit rund 1000 Euro ausgekommen sein will Andreas Kaju, der Stabschef der Spitzenkandidatin und gegenwärtigen Aussenministerin Marina Kaljurand, die für die Reformpartei antritt. Es sei seine Bedingung für die Annahme des Postens als Wahlkampfchef gewesen, dass alle Arbeit auf freiwilliger Basis geleistet werde. Geld habe man lediglich in Inserate in sozialen Netzwerken gesteckt.

Nun ist Estland nicht Amerika. Das Land gehört mit seinen 1,3 Millionen Einwohnern im Weltmassstab zu den Zwergen, und der Präsident, gewählt vom Parlament und nicht vom Volk, hat eine vorwiegend repräsentative Funktion. Dass ein estnisches Staatsoberhaupt aber auch international politische Statur erlangen kann, zeigte sich etwa am Beispiel des legendären Freiheitskämpfers Lennart Meri. Und wenn ein Präsidentschaftskandidat nicht unablässig allen möglichen Geldgebern nachrennen muss, ist das seiner politischen Unabhängigkeit nur zuträglich. Ob dies ein Donald Trump verstehen würde? In seinen Augen wäre wohl ein Präsident, der für seine Kampagne nicht mehr als eine Handvoll Dollar ausgegeben hat, nur schon deshalb ein kläglicher Versager.