Wie das billige Öl die Konjunktur belebt

von René Höltschi / 05.02.2015

Der niedrige Ölpreis und der schwache Euro wirken für den Euroraum wie ein kleines Konjunkturprogramm. Die EU-Kommission erwartet neu für das laufende Jahr ein BIP-Wachstum von 1,3 Prozent, berichtet aus Brüssel NZZ-Korrespondent René Höltschi.

Das Wachstum im Euroraum bleibt moderat, aber es könnte etwas kräftiger ausfallen als noch vor kurzem erwartet. In ihrer am Donnerstag veröffentlichten Winterprognose geht die EU-Kommission von einem Anstieg des realen Bruttoinlandprodukts um 1,3 Prozent im laufenden und 1,9 Prozent im nächsten Jahr aus. In ihrer letzten Prognose war sie im November noch von 1,1 Prozent und 1,7 Prozent ausgegangen. Auch die Prognose für die ganze EU erhöhte sie auf 1,7 Prozent für dieses und 2,1 Prozent für nächstes Jahr.

Gründe der Aufhellung

Die Brüsseler Auguren verweisen darauf, dass seit Herbst eine Reihe von Faktoren die kurzfristigen Aussichten aufgehellt hätten. Die Ölpreise seien schneller gefallen als zuvor, und der Euro habe merklich abgewertet. Ersteres steigert unter anderem die Kaufkraft der Konsumenten, Letzteres unterstützt die Exporte. Ebenfalls zu den belebenden Faktoren zählt die Kommission den im November vorgestellten, aber noch gar nicht operativen EU-Investitionsplan (Juncker-Plan) und die von der Europäischen Zentralbank (EZB) angekündigte „quantitative Lockerung“ der Geldpolitik durch Anleihekäufe ab März. Eine Stärkung der Binnen- und Exportnachfrage sowie die lockere Geldpolitik wird nach Einschätzung der Brüsseler Behörde zur weiteren Stärkung des Wachstums im nächsten Jahr beitragen.

Weiterhin begrenzt werden die Wachstumsaussichten gemäß dem Bericht durch das schwache Investitionsumfeld und die hohe Arbeitslosigkeit. Die Arbeitslosenquote dürfte im Euroraum nur langsam von 11,6 Prozent in 2014 auf 11,2 Prozent in 2015 und 10,6 Prozent in 2016 sinken. Für die EU-28 prognostiziert Brüssel 9,8 Prozent in diesem und 9,3 Prozent im nächsten Jahr. Das erwartete Wirtschaftswachstum reiche nicht aus, um eine deutlichere Verbesserung auf dem Arbeitsmarkt zu erreichen, schreibt die Kommission. Gestiegen sind aus ihrer Sicht die konjunkturellen Unsicherheiten unter anderem infolge der geopolitischen Lage und erneuter Volatilität an den Finanzmärkten.

Anhaltende Divergenzen

Während 2015 erstmals seit 2007 alle EU-Staaten ein positives Wachstum verzeichnen dürften, bleiben die Divergenzen erheblich. Für das laufende Jahr reicht das Spektrum der Kommissionsprognose von einem BIP-Zuwachs um nur 0,2 Prozent in Kroatien bis zu 3,5 Prozent in Irland. Für Deutschland wird ein BIP-Zuwachs um 1,5 Prozent erwartet, für Frankreich 1,0 Prozent und Italien 0,6 Prozent.

Für Österreich wird ein Wachstum von 0,8 Prozent im laufenden Jahr prognostiziert. Die Kommission schraubt damit ihre Herbstprognose von 1,2 Prozent zurück. Auch ein weiterer Anstieg der Arbeitslosigkeit auf 5,2 Prozent wird für 2015 erwartet.

Negative Teuerung

Während die tiefen Energiepreise die Konjunktur beleben, tragen sie zusammen mit tiefen Preisen für andere Rohwaren zum Rückgang der Inflation bei. Die Kommission geht davon aus, dass die Inflationsrate des Euroraums gemessen an den Konsumentenpreisen im jährlichen Durchschnitt von 0,4 Prozent im letzten auf –0,1 Prozent im laufenden Jahr sinken wird, bevor sie 2016 auf 1,3 Prozent anziehen dürfte.

Die Lage der Staatshaushalte dürfte sich insgesamt langsam verbessern. Das kumulierte Staatsdefizit im Euroraum soll von 2,6 Prozent des BIP im letzten auf 2,2 Prozent in diesem Jahr fallen. Der Fehlbetrag im französischen Staatshaushalt nach Einrechnung von Nachbesserungen in diesem Jahr gegenüber dem Vorjahr soll nur um 0,2 Prozentpunkte auf noch immer hohe 4,1 Prozent des BIP zurückgehen.