Wie die politische Unsicherheit die Wirtschaft lähmt

von Marco Kauffmann Bossart / 16.02.2015

Von Panik ist in Athen wenig zu spüren. Doch kehren ausländische Investoren Griechenland den Rücken, und heimische Unternehmen spielen das Szenario „Grexit“ durch. Ein Bericht von NZZ-Korrespondent Marco Kauffmann Bossart aus Athen.

Nickolas Emmanuel, Finanzchef des Reeders Stam Shipping, nimmt kein Blatt vor den Mund: Die wirtschaftliche Lage sei katastrophal. Seit 2008 verdoppelten sich Kapitalkosten für das KMU, dessen Flotte sieben Frachtschiffe zählt. Auf Druck der Troika aus EU-Kommission, Internationalem Währungsfonds und Europäischer Zentralbank werde den Reedern zudem eine Art Solidaritätsabgabe zur Krisenbewältigung abverlangt. Emmanuel berichtet von erheblichen Cashflow-Problemen. Und als wäre dies nicht schon genug, ziehen jetzt noch mehr düstere Wolken auf. Ohne Einigung zwischen den internationalen Kreditgebern und dem stürmischen Ministerpräsidenten Alexis Tsipras wäre ein Austritt aus der Eurozone („Grexit“) wohl unvermeidbar.

Trügerische Ruhe

Die Titelseiten der griechischen Zeitungen zeigten dieser Tage einen lächelnden Tsipras im Gespräch mit einer lächelnden deutschen Bundeskanzlerin, was suggeriert, dass schon irgendwie der Rank gefunden wird, bevor Griechenland pleite ist. An diesem Montag erreichen die Verhandlungen mit der Eurogruppe eine entscheidende Phase.

Viele Athener scheinen den Zusicherungen der Regierung zu vertrauen, dass sie sich nicht um ihre Guthaben sorgen müssten. Der von manchen befürchtete Run auf die Banken blieb bisher aus. Gleichwohl ist es eine trügerische Ruhe. Seit Dezember 2014, als Neuwahlen unumgänglich wurden und eine radikal linke Regierung zum wahrscheinlichsten Szenario wurde, haben Sparer und Unternehmen ihre Vermögensbestände auf griechischen Banken präventiv stark reduziert. Gestützt wird das Finanzsystem durch Notfallkredite der griechischen Notenbank, die von der EZB allerdings im Zweiwochentakt bewilligt werden müssen.

Glaubten im Herbst noch viele an eine wirtschaftliche Wende, warten Wirtschaftskreise nach dem Wahlsieg des Bündnisses der radikalen Linken (SYRIZA) sorgenvoll ab. Der Manager einer Hotelkette, der seinen Namen nicht in der Zeitung lesen möchte, erzählt von Investitionen, die seit dem Regierungswechsel auf Eis liegen. Auch zögerten internationale Tour-Operatoren mit festen Buchungen, was umso mehr schmerzt, als der Tourismus 2014 zu alter Stärke zurückfand.

Links liegen gelassen wird die Hellenische Republik von ausländischen Investoren. Nach einem Bericht der griechischen Zeitung „Kathimerini“ zogen sich mindestens vier internationale Energiekonzerne von Ausschreibungen zurück. Zu vieles ist in der Schwebe: Unerfahrene Minister künden forsch den Stopp von Privatisierungsvorhaben an. Doch werden diese sistiert, neu aufgelegt oder ganz rückgängig gemacht? Griechenland könnte Investitionen dringend gebrauchen – die drei ersten Wochen Regierungsarbeit dürften hingegen nur wenige Interessenten überzeugt haben. Die grassierende Unsicherheit schlägt sich im Staatshaushalt nieder. Die Steuereinnahmen sind eingebrochen; viele spekulieren auf Änderungen in der Steuererhebung.

„Eine Sache von Tagen“

Der Finanzchef der Reederei Stam Shipping, Nickolas Emmanuel, betont, im gegenwärtigen Umfeld sei ein Plan B zwingend. Einen Abgang aus der Eurozone hält er nicht einmal für das ungemütlichste Szenario: „Unsere Einnahmen würden weiterhin in Dollars anfallen, auf der Kostenseite hingegen käme eine schwache Drachme zum Tragen.“ Mehr Sorgen bereiten dem KMU die Andeutungen der Regierung, die wegen Sonderregelungen steuerlich pfleglich behandelte Branche stärker an die Kasse zu nehmen.

Der Sohn des Firmengründers, Stamos Sarris, beteuert, die Reeder seien bereit, einen angemessenen Beitrag an die Gesundung des Landes zu leisten. Und als Grieche wolle er am liebsten in Griechenland arbeiten. Würden sich die Rahmenbedingungen unter der Regierung Tsipras indes erheblich verschlechtern, wäre es ein Leichtes, den Firmensitz nach Zypern oder Dubai zu verschieben. „Das wäre eine Sache von ein paar Tagen“, sagt Sarris lächelnd.