25 Jahre „Singende Revolution“

Wie die Sowjetunion im Baltikum zu bröckeln begann

von Rudolf Hermann / 19.01.2016

Mit Waffengewalt wollte Michail Gorbatschow im Januar 1991 das Unabhängigkeitsstreben der baltischen Sowjetrepubliken stoppen. Ein halbes Jahr später brach die UdSSR auseinander.

Der Zeitpunkt schien günstig. Die Weltöffentlichkeit blickte gebannt in die Golfregion, wo der irakische Diktator Saddam Hussein den Erdölstaat Kuwait annektiert hielt und eine internationale Streitmacht unter Führung der USA zur Vertreibung der Besetzer bereitstand. Für Michail Gorbatschow, den Generalsekretär der Kommunistischen Partei der Sowjetunion (KPdSU) und starken Mann im Riesenreich, schien der Moment gekommen, im eigenen Hinterhof aufzuräumen. Die nach Unabhängigkeit strebenden baltischen Völker am Westrand des Imperiums wollte er auf seine Linie zwingen und einen drohenden Zerfall der UdSSR verhindern.

Mit Panzern gegen Lieder

Am 13. Januar 1991, zwei Tage vor dem Auslaufen der Frist, die der UNO-Sicherheitsrat dem Irak zum Rückzug aus Kuwait gegeben hatte, rollten sowjetische Panzer durch Vilnius, die Hauptstadt der litauischen Sowjetrepublik. Eine Woche später, drei Tage nach Beginn des Kriegs am Golf, griffen Spezialtruppen des sowjetischen Innenministeriums Verwaltungseinrichtungen der lettischen Teilrepublik in Riga an. Vierzehn Tote in Vilnius und fünf in Riga waren das traurige Resultat des Versuchs, der „Singenden Revolution“ gewaltsam ein Ende zu bereiten.

Den poetischen Namen hatten die Aktivitäten der Unabhängigkeitsbewegung bekommen, weil Volkslieder in Estnisch, Lettisch und Litauisch für die nationale Identität der baltischen Völker eine zentrale Rolle spielten. Im Kontrast dazu stand der offizielle sowjetische „Internationalismus“. Er zielte auf Verwischung der nationalen Identitäten in den Teilrepubliken, was sich in der Unterdrückung von Symbolen äußerte, in denen die KPdSU „bourgeoisen Nationalismus“zu erkennen glaubte – neben Volksliedern zum Beispiel auch die Nationalflaggen der selbständigen baltischen Republiken der Zwischenkriegszeit.

Das Nationalbewusstsein der baltischen Völker versuchten die Führer der Sowjetunion durch eine gezielte Russifizierungspolitik zu unterwandern. In Estland etwa begann sich Mitte der achtziger Jahre abzuzeichnen, dass die Esten in ihrer Teilrepublik schon bald in der Minderheit sein würden. Politisch hatten sie wenig zu sagen. Estland, Lettland und Litauen sollten nach den Plänen der Moskauer Ideologen zu uniformen Bausteinen der Sowjetunion werden.

Skepsis gegenüber Glasnost

Erst das politische Klima des von Gorbatschow angestoßenen Umbaus (Perestroika) gab den Balten überhaupt etwas Spielraum, um sich in kleinsten Schritten dem ersehnten Ziel einer Wiederherstellung ihrer Staaten anzunähern. Mit der Perestroika, die eine Reform der Sowjetunion und nicht ihre Demontage anstrebte, identifizierte man sich in Tallinn, Riga und Vilnius nicht – und Gorbatschow war vielen suspekt. Dazu trug nicht zuletzt der Generalsekretär selber bei, etwa als er sich 1987 bei einem Besuch in der estnischen Hauptstadt Tallinn an die „lieben Letten“ wandte. Damit habe Gorbatschow gezeigt, hielt Estlands späterer Präsident Lennart Meri in seinen Erinnerungen fest, dass man von ihm für die baltische Sache nichts zu erwarten habe.

Zudem hielt Gorbatschow trotz dem von ihm proklamierten Grundsatz der Transparenz (Glasnost) eisern an der historischen Fiktion fest, dass die UdSSR eine freiwillige Union ihrer fünfzehn Teilrepubliken sei. Die Balten erwarteten von Glasnost hingegen, dass im Zeichen der „neuen Offenheit“ der Hitler-Stalin-Pakt und dessen geheimes Zusatzprotokoll endlich zur Sprache kommen müsse. Sie wollten das Eingeständnis Moskaus, dass ihre Staaten 1940 der Sowjetunion nicht freiwillig beigetreten waren, sondern dass es sich um eine Annexion auf der Grundlage einer Absprache zweier Diktatoren gehandelt hatte. Litauen, Lettland und Estland betrachteten ihre Souveränität aus der Zwischenkriegszeit nicht als aufgehoben, sondern vielmehr als unterdrückt. Sie sprachen auch nie von einem „Austritt aus der UdSSR“, weil sie die Meinung vertraten, der Sowjetunion gar nie beigetreten zu sein.

Den baltischen Abgeordneten des sowjetischen Parlaments gelang es im Dezember 1989, das Thema Hitler-Stalin-Pakt auf die Traktandenliste zu bringen. Nachdem Aleksandr Jakowlew, einer der wichtigsten Reformer Gorbatschows, angedeutet hatte, es gebe Hinweise auf die Existenz eines Geheimprotokolls, wenn auch keine archivierten Schriftstücke, nahm das Parlament eine Deklaration an, in der das Zusatzprotokoll für nichtig erklärt wurde. Gleichzeitig wurde festgehalten, dass die Zugehörigkeit der baltischen Länder zur Sowjetunion mit dem Hitler-Stalin-Pakt in keinem Zusammenhang stehe.

Der Westen im Dilemma

Die blutigen Ereignisse in Vilnius und Riga vom Januar 1991 bildeten den Auftakt zum Endspiel um die Sowjetunion. Weil keine anderen Mittel mehr griffen, wollte Moskau die Balten, die jetzt wild entschlossen waren, ihre Unabhängigkeit wiederherzustellen, mit Waffengewalt in der Sowjetunion halten. Gorbatschow wollte vom Kampfeinsatz der Spezialtruppen in Vilnius erst am nächsten Morgen „aus den Medien“ erfahren haben. Für die Balten war klar, dass er entweder log oder aber die Hardliner nicht mehr unter Kontrolle hatte. Beides war Grund genug, sich aus der UdSSR zu verabschieden.

Das Blutvergießen in Litauen und Lettland brachte die westliche Politik in eine Zwickmühle. Zwar betrachtete man den Freiheitskampf der baltischen Völker grundsätzlich mit Sympathie. Gleichzeitig aber herrschte „Gorbimanie“. Man wollte dem sowjetischen Präsidenten, dem ersten ernsthaften Reformer an der Spitze in Moskau, nicht den Boden unter den Füßen wegziehen, indem man die Erosion der Sowjetunion unterstützte.

Die Balten suchten in dieser Situation erfolgreich den Kontakt zum neuen russischen Präsidenten Jelzin, der sich als Gegenspieler des sowjetischen Staatschefs Gorbatschow zu profilieren begann. Schon zuvor hatte die Bevölkerung in den baltischen Republiken über die staatliche Souveränität abgestimmt. In allen drei Urnengängen überstieg der Prozentsatz der Ja-Stimmen den proportionalen Anteil der ethnisch baltischen Bevölkerung. Auch ein Teil der zugewanderten Russen hatte also für die Unabhängigkeit der baltischen Republiken votiert. Es war allerdings erst der gescheiterte August-Putsch in Moskau, der die endgültige Auflösung der Situation brachte. Die Sowjetunion zerfiel, die Balten waren unabhängig.