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Ein Jahr Willkommenskultur

Wie Europa der Flüchtlingskrise begegnete

von Bettina Maria Brosowsky / 05.09.2016

Vor genau einem Jahr erreichte die Flüchtlingskrise ihren Höhepunkt mit der Grenzöffnung in Deutschland. Die Vorgeschichte und die Folgen dieser Entscheidung.

Im Frühjahr 2015 erhöht sich der Migrationsdruck auf Europa stark. Gründe sind der eskalierende Bürgerkrieg in Syrien, der IS-Terror im Irak und der Krieg in Afghanistan. Dazu kommen Budgetkürzungen für die Uno-Flüchtlingslager im Nahen Osten und wirtschaftliche Perspektivenlosigkeit. Neben der zentralen Mittelmeer-Route von Afrika nach Italien tritt die Balkanroute 2015 in den Vordergrund. Im Vergleich zum Vorjahr vervierfacht sich die Zahl der Ankommenden in Europa.

April bis September 2015: Die Flüchtlingskrise eskaliert

Beim Untergang eines Flüchtlingsboots im Mittelmeer ertrinken rund 800 Menschen. Das Unglück sorgt für Entsetzen, auch beim Bürgermeister von Catania, Enzo Bianco.

Als Antwort auf die Tragödie präsentiert die EU im Mai erstmals ein Quotensystem zur Verteilung der Flüchtlinge in Italien und Griechenland.

Mazedonien erlaubt durchreisenden Migranten, sich 72 Stunden im Land aufzuhalten und öffentliche Verkehrsmittel zu benutzen. Damit soll der stark angewachsene Flüchtlingsstrom beschleunigt und reguliert werden. Viele waren zuvor zu Fuss oder per Fahrrad unterwegs, mindestens 28 Personen kamen bei Unfällen ums Leben.

Mazedonien verhängt den Ausnahmezustand, scheitert aber mit dem Versuch, die Südgrenze nach Griechenland abzuriegeln. Daraufhin organisieren Mazedonien und Serbien einen Korridor für den Transport an die ungarische Grenze.

Ein internes Papier des Bundesamts für Flüchtlinge und Migration wird bekannt. Es hält fest, dass Deutschland syrische Flüchtlinge nicht in ihre Erstankunftsländer zurückschafft. Einen Tag später sorgt der Fund von 71 toten Flüchtlingen in einem Lastwagen in Österreich für Entsetzen.

Bundeskanzlerin Angela Merkel sagt «Wir schaffen das». Die Situation in Ungarn spitzt sich zu. Tausende stranden am Budapester Keleti-Bahnhof.

Die Ungarn stoppen die Züge nach Westen. Tausende machen sich zu Fuss auf in Richtung Österreich und Deutschland.

In einer konzertierten Aktion unter Führung von Bundeskanzlerin Merkel entscheiden Deutschland, Österreich und Ungarn, die Flüchtlinge nach Westen weiterreisen zu lassen. Innerhalb eines Monats reisen 200’000 Menschen nach Deutschland.

September bis Oktober: Zäune werden hochgezogen

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Ungarn schliesst die Grenze zu Serbien mit einem Zaun und verschärft die Asylgesetze massiv. Es kommt zu Ausschreitungen. Die Balkanroute verlagert sich nach Kroatien.

Die EU-Innenminister beschliessen gegen den Willen von Ungarn, Tschechien, der Slowakei und von Rumänien, 160’000 Flüchtlinge aus Griechenland und Italien umzusiedeln. Die Registrierung soll auf den Ägäis-Inseln und in Süditalien erfolgen. Bis die Zentren funktionsfähig sind, vergehen Monate.

Ungarn vollendet den Bau seines Zauns an der kroatischen Grenze und schliesst diese. Der Flüchtlingsstrom verlagert sich nach Slowenien. Auch Slowenien und Kroatien beginnen, Zäune auf Grenzabschnitten zu bauen.

November bis Mai: Die Balkanroute wird geschlossen

Slowenien, Kroatien, Serbien und Mazedonien entscheiden überraschend, nur noch Syrer, Afghanen und Iraker einreisen zu lassen. Innerhalb von wenigen Tagen stranden Tausende in Griechenland. An der Grenze bilden sich unter anderem in Idomeni Elendslager.

Schweden erklärt unter dem Druck von 190’000 Flüchtlingen im Jahr 2015 eine Wende in seiner grosszügigen Asylpolitik. Das Land will sich nur noch an die EU-Mindeststandards halten.

Österreich bricht ebenfalls mit seiner liberalen Flüchtlingspolitik und führt für 2016 eine Obergrenze von 37’500 Asylanträgen ein.

In einer konzertierten Aktion schliessen verschiedene Balkanstaaten unter österreichischer Führung die Balkanroute. Der Grenzübertritt wird nur noch jenen Personen erlaubt, die über ein gültiges Visum verfügen oder direkt im Ankunftsland Asyl beantragen.

Die Türkei und die EU einigen sich auf einen Flüchtlingspakt: Die Türkei unterbindet die Überfahrten, im Gegenzug soll die EU dem Land 3 Milliarden Euro bezahlen, Flüchtlinge direkt abnehmen und den Türken Visumsfreiheit anbieten. Als Folge gehen die Ankünfte in Griechenland stark zurück.

Griechenland räumt das wilde Flüchtlingslager von Idomeni.

Das Problem der gestrandeten Flüchtlinge bleibt aber ungelöst: Auch Ende August stecken noch fast 60’000 Personen fest, da weder die Rückschaffung von Flüchtlingen in die Türkei noch die Verteilung auf Europa funktioniert.

Quellen: eigene Recherchen. Grafik: Anja Lemcke. Videos: Stefanie Hasler, Sara Maria Manzo. Produktion: Simon Wimmer, Ivo Mijnssen.