Wie Finanzminister Varoufakis das griechische Drama befeuert

von Marco Kauffmann Bossart / 18.03.2015

In der Regierungspartei SYRIZA eckt Yanis Varoufakis wegen Zugeständnissen gegenüber den Kreditgebern an. Das Ausland nimmt ihn als unzuverlässigen Selbstdarsteller wahr, berichtet NZZ-Korrespondent Marco Kauffmann Bossart.

Es hatte etwas Erfrischendes, als Yanis Varoufakis sich im Januar aus der akademischen Welt verabschiedete und in der Realpolitik Griechenlands landete. Die Finanzminister in Brüssel empfingen einen neuen Kollegen, der sich nicht nur bezüglich Kleidung über alle diplomatischen Gepflogenheiten hinwegsetzte. Der prononciert linke Ökonomieprofessor regte eine Debatte darüber an, mit welchen Therapien schwer verschuldete Länder mit geringem Wirtschaftswachstum und hoher Arbeitslosigkeit kuriert werden sollen. Inzwischen wirkt Varoufakis eher als Brandstifter in einem Konflikt, der Griechenlands Verhältnis zu den anderen EU-Mitgliedstaaten schwer belastet.

Als Abweichler verachtet

Was ist schiefgelaufen? Auf der internationalen Bühne ging viel Vertrauenskapital verloren, weil Varoufakis an einem Tag Ja zur Schuldenrückzahlung sagte und am nächsten wieder mit der Idee eines Schuldenschnitts spielte. Er stimmte Reformplänen zu und ging wenig später wieder auf Distanz dazu. Er erklärte die unliebsamen Inspektionen der Troika für beendet, hieß deren Repräsentanten aber unter einer anderen Bezeichnung willkommen. Mal wird der Eindruck erweckt, Griechenland gehe schon morgen das Geld aus, mal heißt es, es handle sich bloß um geringfügige Cashflow-Probleme. Wenn die besorgten Amtskollegen in Brüssel nachbohren, weicht Varoufakis angeblich aus und doziert über die gemeinsame Zukunft Europas. Sowenig man weiß, wie ernst Griechenlands Finanzlage tatsächlich ist, so unklar scheint, welche Auflagen der Geldgeber die Regierung Tsipras letztlich akzeptieren wird.

Varoufakis‘ inhaltliche Unschärfe dürfte auch den einflussreichen Ideologen im regierenden Bündnis der radikalen Linken (SYRIZA) geschuldet sein. In dieser Ecke wird Varoufakis als Abweichler verachtet, der sich von den ausländischen Kreditgebern über den Tisch ziehen lässt. Der politisch unerfahrene Minister setzte sich in die Nesseln, als er andeutete, dass manche Wahlversprechen aufgeschoben werden müssen, um eine Lösung mit den internationalen Kreditgebern zu finden. Dem „Realo“ Varoufakis stehen „Fundis“ gegenüber, die mit einem „Grexit“ liebäugeln.

Spott über Salonlinke

Am meisten Schaden fügt sich der einst wortgewaltige Blogger indes durch seine mediale Omnipräsenz zu. Mit dem deutschen Finanzminister Wolfgang Schäuble, dem Varoufakis wie ein Wesen eines fremdartigen Planeten vorkommt, liefert er sich einen nicht enden wollenden Schlagabtausch, der freilich vom deutschen Kassenwart am Leben erhalten wird.

Dass sich der 53-Jährige für eine Homestory in einem französischen Magazin hergab, sorgte auch in den eigenen Reihen für Spott und Unverständnis. Der Minister, der permanent über die sozialen Härten in Griechenland referiert, posierte in aufgeräumter Stimmung in seinem gediegenen Penthouse über den Dächern Athens, mit einem Glas Wein in der Hand.

Jene, die SYRIZA-Führungsriege schon immer als Salonlinke karikierten, wurden in ihrer Meinung bestätigt. Mit seinem Auftritt in der deutschen Talkshow „Günther Jauch“ kam eine Diskussion in Fahrt, ob Varoufakis 2013 an einem kapitalismuskritischen Forum Deutschland den Stinkefinger zeigte. Varoufakis sprach von einem manipulierten Video. Die Wirtschaftskrise, die zwei Drittel der Jugendlichen in die Arbeitslosigkeit getrieben hat, verlangt eine nüchterne und zügige Behandlung. Stattdessen wird sie stets von Neuem emotional aufgeladen. Von der rhetorischen Abrüstung, die sich die Verhandlungspartner gebetsmühlenhaft zusichern, ist nichts zu spüren.

Öffentliche Zurechtweisung

Vor zehn Tagen forderte Ministerpräsident Tsipras seinen Finanzminister (und die anderen Kabinettsmitglieder) in einem Interview mit dem „Spiegel“ auf, weniger zu reden und mehr zu handeln. Die öffentliche Zurechtweisung verpuffte indes schnell. Spekulationen, dass er sich von seinem umstrittenen Finanzminister trennen könnte, bezeichnete Tsipras dieser Tage als Wunschtraum der Befürworter der Austeritätspolitik.