Malta wird mit seinen Problemen alleingelassen

von Hauke Friederichs / 21.01.2015
Familie Aluko aus Nigeria sitzt in Malta fest, so sieht es das Recht der EU vor. Vom Scheitern der europäischen Asylpolitik – eine Reportage von NZZ-Autor Hauke Friederichs.

Die Stationen ihrer Reise kann Rashida Aluko, 40 Jahre alt, ihren Kindern am besten anhand ihrer Geburtsländer erzählen. Paula, die Älteste, ist acht. Sie wurde 2006 in Libyen geboren, sieben Monate bevor ihre Eltern die Überfahrt nach Europa wagten. Auf Malta brachte Rashida zwei Jahre später Collins zur Welt. Bei Victoria, der Jüngsten, steht Norwegen als Geburtsland im Ausweis.

Ihre Mutter spricht nur sehr selten über die Flucht. Und wenn sie von der Reise erzählt, die sie von Nigeria bis nach Malta führte, von Malta nach Norwegen und wieder zurück, dann wird ihre Stimme leise. Sie berichtet vom Durst in der Wüste, wie sie auf der Ladefläche des Pick-ups nach links und rechts geschleudert wurde, wie sie heimlich über die libysche Grenze gebracht wurden. Vieles verschweigt sie den Kindern. Wie sie sich vor den Polizisten in Libyen versteckten. Wie groß ihre Furcht war, mit dem Flüchtlingsboot auf dem Mittelmeer zu kentern. Rashida Aluko kann nicht schwimmen. Und wie schwer Rashida Aluko und ihrem Mann Sunday die Entscheidung fiel, sich zu trennen.

Schengen schien nur Vorteile zu bringen

Die Fluchtroute der Alukos hat auch mit zwei Städten in Luxemburg und Irland zu tun, mit Schengen und Dublin. 1985 einigten sich die Beneluxstaaten, Frankreich und Deutschland in Schengen darauf, ihre Binnengrenzen abzubauen. Mitte der neunziger Jahre ratifizierten weitere Staaten das Abkommen, es entstand der Schengen-Raum, der heute alle Länder der EU sowie die Schweiz, Island und Norwegen umfasst. Einige Mitglieder der Europäischen Union haben Sonderrechte durchgesetzt, Großbritannien etwa arbeitet mit den Schengen-Staaten zusammen, gehört aber nicht dazu.

Das Abkommen brachte den Europäern Freiheiten: Innerhalb des Kontinents fielen die Grenzkontrollen; heute kann man von Lissabon nach Budapest fahren, ohne einmal am Schlagbaum angehalten zu werden. Als Malta 2004 in die EU eintrat, akzeptierte die Regierung das Grenzregime. Damals kamen wenige Flüchtlingsboote an. Schengen schien nur Vorteile zu bringen: Die Malteser konnten leichter Arbeit auf dem Festland finden – vor allem sollten mehr Touristen kommen, weil die Grenzkontrollen wegfielen.

In allen Schengen-Staaten gelten zudem einheitliche Regeln für die Einreise und das Ausstellen von Visa. Bürger aus den USA, Kanada, aus vielen südamerikanischen Ländern sowie aus Australien und Japan können neunzig Tage ohne Visum bleiben. Afrikaner und die meisten Asiaten benötigen eine Genehmigung. Flüchtlinge aus sogenannten Drittstaaten können kaum noch per Flugzeug einreisen. Die Grenzen werden immer strenger überwacht. Die Staaten des Schengen-Raums gründeten Frontex, eine Grenzagentur. Deren Beamte schotten Europa vor illegalen Migranten ab. Mit dem Schengener Informationssystem bauten die Mitglieder einen Fahndungsverbund auf: Von allen Asylsuchenden werden biometrische Daten gespeichert.

Als Rashida und Sunday Aluko 2007 in Malta einen Asylantrag stellten, wurden ihre Fingerabdrücke genommen. Ein Jahr später versuchten sie, Malta zu verlassen. Sunday ging nach Italien. Er wollte dort arbeiten und später die Familie holen. Legal war das nicht möglich. Er reiste mit einem falschen Pass nach Deutschland, Frankreich und in die Schweiz. Nirgendwo konnte er länger leben, ohne Aufenthaltsgenehmigung fand er keine geregelte Arbeit. Bei einer Kontrolle in Italien verrieten seine Fingerabdrücke, dass er illegal von Malta aus eingereist war. Die Polizei nahm ihn fest.

„In Schweden nehmen sie jeden“

Wo ein Asylsuchender in Europa leben darf, regelt die Dublin-Verordnung. In der irischen Hauptstadt einigten sich die Regierungschefs der EU, der Schweiz, Islands und Norwegens 1997 auf Kriterien für Asylverfahren. Die Dublin-Verordnung, mittlerweile ist die dritte Stufe in Kraft, schreibt vor, dass ein Flüchtling nur noch in einem europäischen Land einen Asylantrag stellen kann. Die Alukos, die in Malta eine befristete Aufenthaltserlaubnis erhalten haben, können in keinem anderen europäischen Land versuchen, Asyl zu erhalten. In der Datenbank Eurodac werden alle Asylsuchenden registriert und ihre Fingerabdrücke gespeichert.

2008 machte Rashida Aluko Bekanntschaft mit diesem System. Ihr Mann war bereits nach Italien gereist. Sie hatte länger nichts von ihm gehört. Auf Malta fühlte sie sich ausgegrenzt, sie lebte mit Paula und Collins in einer alten britischen Kaserne, die als Familienunterkunft diente. Sie wollte unbedingt weg, in ein reiches Land, in dem Flüchtlinge bessere Chancen hätten.

„In Schweden nehmen sie jeden“, erzählten ihr die Mitbewohner im Lager. Dort sei man gut zu Fremden. Aluko wusste, dass sie nicht einfach so in ein anderes europäisches Land reisen konnte. Ihr nigerianischer Pass nützte nichts, ohne Visum konnte sie damit in Schweden nicht einreisen. Sie überredete eine Freundin, die einen maltesischen Ausweis hatte, ihr das Dokument zu leihen. Mit der geliehenen Identität kaufte sie Tickets für sich und die Kinder. Dann flogen sie nach Stockholm. Dort fielen sie den Grenzbeamten sofort auf. Die hielten sie an, fragten sie in einem Verhörraum, woher sie komme, wohin sie wolle. Dann prüften sie ihre Fingerabdrücke.

Die Beamten stellten fest, dass die Frau einen falschen Pass hatte. Sie sahen am Bildschirm, dass Rashida Aluko aus Nigeria stammt, im Dorf Atiki geboren wurde, verheiratet ist und dass sie auf Malta einen Asylantrag gestellt hatte. Die Grenzer sagten Aluko, dass sie nicht in Schweden bleiben dürfe, da sie illegal eingereist sei. Ihre Bitte auf Asyl lehnten sie ab. Aluko erhielt einen Schnellkurs im Europarecht, lernte Begriffe wie Schengen-Raum und Dublin-Verordnung kennen. Die Mutter und die beiden Kinder wurden in ein Hotelzimmer in der Nähe des Flughafens gebracht, sie sollten so schnell wie möglich nach Malta zurückgeschickt werden.

Vergeblicher Kampf der maltesischen Regierung

Wieder auf dieser Insel leben? Im Familienzentrum zwischen Flughafen und Containern, im Nirgendwo? Weit weg von allem, was das Leben annehmlich macht? Rashida Aluko wollte sich nicht vorschreiben lassen, wo sie zu leben habe. Die Kinder schliefen, erschöpft von der Reise und dem Verhör. Aluko überlegte, was sie tun könnte. Einmal würde sie es noch versuchen, in einem anderen europäischen Land Asyl zu bekommen.

Sie kam ihrer Abschiebung zuvor, kaufte erneut Tickets, diesmal nach Norwegen, one way. Gleich nach der Ankunft zeigte sie diesmal ihren nigerianischen Pass und bat um Asyl. Sie sagte den Polizisten am Flughafen, dass sie im dritten Monat schwanger sei. Auch in Norwegen durften die Alukos nicht bleiben, eine schwangere Frau mit zwei kleinen Kindern schoben die Norweger aber nicht einfach ab. Die Ausländerbehörde entschied, dass Aluko ihr Kind dort zur Welt bringen sollte, dann aber nach Malta zurückmüsse.

Paula kam in Norwegen in die Vorschule, Collins besuchte den Kindergarten. Zum ersten Mal sahen die Alukos Schnee. Sorgsam bewahrt Rashida Aluko die Fotos von damals auf: Wie ihre Kinder, verpackt in dicken Skianzügen, einen Schneemann bauen. Wie sie Schneeflocken hinterherjagen. Wie Collins an einem Tisch sitzt und Weihnachtskekse aussticht.

Einige Monate nachdem Victoria zur Welt gekommen war, holten Schengen und Dublin sie wieder ein. Nachts klopften Beamte der Ausländerbehörde an die Tür. Sie baten Rashida freundlich, ihre Sachen zu packen. Sie würden die Familie zum Flughafen bringen. Es gehe zurück nach Malta, so seien nun mal die Regeln. Aluko bat die Beamten vergeblich, noch ein wenig bleiben zu dürfen. Beim Packen weinte sie, Paula und Collins saßen starr in einer Ecke.

Auch auf der Insel freute sich keiner, dass die Alukos wieder da waren. Die maltesische Regierung kämpft in Brüssel und Straßburg seit Jahren vergeblich gegen die Rückschiebungen. Die Insel fühlt sich in der Flüchtlingsfrage alleingelassen. In Deutschland oder Frankreich kämen schließlich keine Boote voller Afrikaner an. Die großen Staaten müssten Malta helfen und Flüchtlinge von der Insel aufnehmen, lauten die Forderungen der Regierung.

Flüchtlinge aus der Levante links, die aus Afrika rechts

Der Fall der Familie Aluko ist typisch. Malta setzt auf Abschreckung. Die Flüchtlinge werden schlecht untergebracht, ihnen wird deutlich gemacht: Ihr seid nicht willkommen. Auch die Alukos mussten erneut in ein Lager ziehen. Abermals wurde die Familie in Hal Far untergebracht. Paula kam auf eine katholische Grundschule, Collins kommt bald in die Vorschule. Die Schule ist gratis, die Uniformen ebenfalls. Rashida Aluko beschloss, aus Malta nun das Beste zu machen. Sie suchte sich einen Job als Putzfrau bei einer spanischen Familie. So besserte sie den Betrag auf, den sie vom Staat erhält: 130 Euro pro Kopf im Monat, für die Kinder die Hälfte. Der Betrag ist abhängig vom Aufenthaltsstatus.

Noch immer denken ihre Kinder manchmal an Norwegen, vor allem an den Schnee und die Kekse. Sie spielen, dass es kalt ist, sammeln Decken und Kissen und bauen sich Höhlen. Viel Platz zum Spielen haben sie nicht. Die Alukos leben seit einem Jahr zu fünft in einem Container. Sunday kehrte vor elf Monaten aus Italien zurück.

Victoria hatte ihren Vater bis dahin nur auf Fotos gesehen, Collins hatte vergessen, wie er ausschaut, und auch für Paula war er ein Fremder. Sunday will nicht, dass seine Frau arbeitet. Geldverdienen sei Männersache, sagt er. Rashida hörte mit dem Putzen auf – obwohl ihr Mann keinen regulären Job findet. Es gibt zu viele Asylbewerber, die arbeiten wollen. Die Malteser stellen lieber hellhäutige Menschen an, sagt eine Mitarbeiterin der Ausländerbehörde. Die Flüchtlinge hätten es schwer, gute Arbeitsplätze zu bekommen. Sie selber kenne kaum Migranten, die es hier zu etwas gebracht hätten.

Sunday arbeitet nun schwarz an der Küste, wo Touristen gern feiern. Jeden Abend steigt er in den Bus und kommt früh am nächsten Morgen zurück. Am Tag schläft er. Wenn die Kinder am Nachmittag aus der Schule heimkehren, müssen sie leise sein. Der Schlafraum ist nur mit einem Vorhang vom restlichen Container getrennt. Darin finden nur noch ein Sofa, ein Tisch, ein Stuhl und eine Küchenzeile mit Kühlschrank Platz. Eine Toilette und eine Dusche gibt es nicht. Die Sanitäranlagen befinden sich am anderen Ende des Camps.

Paula, Collins und Victoria sind, solange es hell ist, meist draußen. Vor dem Container stehen ihre Fahrräder. Sie bleiben unter sich. Mit den meisten anderen Kindern im Lager, das offiziell Tent Village heißt, dürfen sie nicht spielen. Gegen die Kinder der meisten anderen Flüchtlinge hat Rashida Aluko Vorbehalte. Sie mag keine Somalier, sie hält nichts von den Syrern. Von denen kämen zu viele, sagt sie. Deren Kinder seien kein guter Umgang für ihre Kinder.

Syrer und Somalier wohnen in doppelstöckigen Containern entlang der Mainroad, die Flüchtlinge aus der Levante links, die aus Afrika rechts. Zwischen den Gruppen kommt es oft zu Konflikten. Die Campverwaltung hat ein Alkoholverbot erlassen. Wer dagegen verstößt, fliegt raus – wie auch alle Gewalttäter. Einen Sozialarbeiter, der dauerhaft vor Ort ist und hilft, Streit zu schlichten, und die Bewohner berät, gibt es nicht. Insgesamt habe die Ausländerbehörde überhaupt nur fünf Sozialarbeiter, sagt eine Mitarbeiterin. Das sei viel zu wenig.

155 Container stehen im Camp. Bis zu 960 Menschen können die Behörden maximal im Tent Village unterbringen. Momentan leben 175 Flüchtlinge aus Afrika und dem Nahen Osten hier, so wenige wie lange nicht mehr. 2007 bestand das Tent Village noch ausschließlich aus Zelten. Es hatte in ganz Europa einen schlechten Ruf. Die Zelte wurden in den vergangenen Jahren durch Container ersetzt, der Name des Camps ist geblieben. Malta überlässt die Flüchtlinge sich selbst. Einen Spielplatz gibt es nicht im Lager, ebenso wenig einen Treffpunkt für die Erwachsenen, eine Kantine oder einen Fernsehraum. Eine kleine Moschee haben sich die Bewohner selbst gebaut.

Schengen und Dublin III zwingen zum Bleiben

Sieben Mitarbeiter der Ausländerbehörde wechseln sich im Schichtdienst in der Bürobaracke ab. Dort müssen sich die Bewohner alle drei Wochen melden und werden dann in einer langen Liste abgehakt. Wer das nicht tut, verliert seinen Schlafplatz. Die Alukos haben wie alle, die im Tent Village leben, einen Vertrag mit der Ausländerbehörde geschlossen. Er läuft jeweils über ein Jahr. Die Alukos hoffen, dass ihr Vertrag bald verlängert wird. Sie haben von Flüchtlingen gehört, denen die Ausländerbehörde gepackte Taschen vor das Lagertor gestellt hat. Ihnen bleiben dann nur noch Unterkünfte der Kirche oder Schlafplätze, die karitative Vereine anbieten.

Die Behörden wollen, dass die Migranten sich Wohnungen nehmen. Wer für die Miete kein Geld habe, dem blieben die Angebote der International Organisation of Migration, sagt ein Vertreter der Ausländerbehörde. Sie stellt den Flüchtlingen Reisedokumente aus, versorgt sie mit Flugtickets und Geld, wenn sie freiwillig in ihre Heimat zurückkehren.

Für die Alukos kommt das nicht in Frage. „In Nigeria gibt es nichts Gutes für uns, dort warten nur Probleme“, sagt Rashida Aluko. Sie und ihr Mann flohen einst wegen familiärer Probleme und wegen der Perspektivlosigkeit. Aber auch wegen der zunehmenden Gewalt im Land. In den Fernsehnachrichten von BBC Africa sehen sie in letzter Zeit ständig Bilder aus der Heimat. Terrorgruppen wie Boko Haram und Al-Shabaab schicken Selbstmordattentäter und Mordkommandos in Kirchen und Moscheen, Einkaufszentren und Fußballstadien, sie entführen Mädchen und töten Jungen, die christliche Schulen besuchen.

Rashida Aluko sagt, dass Paula, Collins und Victoria in Nigeria keine Chance hätten, in Frieden aufzuwachsen. Keines der Kinder kennt das Geburtsland der Eltern. Sie sind auf Malta angekommen, sprechen im Gegensatz zu ihren Eltern Maltesisch und haben Freunde in der Schule gefunden.

Rashida und Sunday Aluko hingegen wollen die Insel immer noch so schnell wie möglich in Richtung Festland verlassen. Aber Schengen und Dublin III sorgen dafür, dass die Alukos in Hal Far bleiben. Sie haben es zwar in die Festung hineingeschafft – doch nun sind sie auf Malta gestrandet.