Wie sich in Maribor die Zukunft des Landes entscheidet

von Martin Woker / 06.05.2015

Erst Maribor – dann Athen. Sloweniens zweitgrößte Stadt sorgte vor zwei Jahren mit Massenprotesten gegen Armut und Privatisierungen für Schlagzeilen. Seither herrscht wieder Ruhe. Alles nur ein Spuk? NZZ-Korrespondent Martin Wocker geht in Maribor auf Spurensuche.

Marburg an der Drau hat alles, was eine Stadt zur Stadt macht. Einen mittelalterlicher Kern, einen Park aus der Gründerzeit, eine Oper und ein Theater, Kaffeehäuser, eine Shoppingmall, ein Industriegebiet und einen Hausberg, der Winter für Winter dem internationalen Skirennsport dient und dafür verantwortlich ist, dass man diese kleine Stadt im Herzen Europas als das kennt, was sie heute ist: Maribor. Oder eben nicht kennt. Warum in Sloweniens zweitgrößter Stadt Station machen, wo doch Österreichs zweitgrößte Stadt, Graz, mit dem Auto in einer halben Stunde zu erreichen ist und vermeintlich viel mehr zu bieten hat? Das ist doppelt falsch. Graz und Maribor sind trotz offener Landesgrenzen aus historischen Gründen grundverschieden und haben wenig gemeinsam. Maribor zu ignorieren, ist aber auch deshalb töricht, weil sich Sloweniens Schicksal hier entscheidet.

Marx und Varoufakis

Er weiß um die Wirkung seines Auftretens – und er weiß um die Wirkung seiner Worte. Luka Mesec ist Sloweniens politischer Jungstar. Seine Partei Vereinigte Linke stellt seit den Wahlen im letzten Sommer mit sechs Abgeordneten die viertstärkste Kraft im Parlament in Ljubljana dar und verdrängte gar die Sozialdemokraten. Im Rampenlicht stehen Mesec und seine Genossinnen und Genossen wegen ihrer Nähe zur griechischen SYRIZA-Partei. Alexis Tsipras war beim letzten Kongress der Vereinigten Linken zugegen, und Luka Mesec feierte in Athen SYRIZAs Wahlsieg im Kreise Gleichgesinnter. Enge Kontakte bestehen auch zur spanischen Bewegung Podemos, der bei den Wahlen in diesem Jahr ein gutes Abschneiden prognostiziert wird. Ist Europa im Begriff, von einer neuen, undogmatischen und wenig strukturierten Linken vereinnahmt zu werden? Luka Mesec sieht es so: „Athen ist das neue Maribor.“

„Punk’s not dead“ steht auf einer besprayten Garageneinfahrt im Zentrum Maribors. Die Aussage hat ihre Gültigkeit. Luka Mesec wird von Kennern als Abkömmling der Punk-Universität beschrieben. In Ljubljana und in Maribor hat sich nach Sloweniens Unabhängigkeit eine autonome Szene entwickelt, deren sichtbarer Ausdruck zwei Gelände sind, die nach dem Zerfall Jugoslawiens von Aktivisten besetzt wurden und sich seither im Grenzbereich zwischen alternativer Kultur, staatlicher Förderung und Widerstand gegen das Establishment zu behaupten wissen. In Ljubljana ist es die Metelkova auf einem Gelände des früheren österreichisch-ungarischen Militärs, in Maribor die Pekarna, eine ehemalige Großbäckerei der jugoslawischen Armee.

In diesem Umfeld gediehen nicht nur Punk, Free Jazz und bildende Kunst, sondern es etablierten sich auch selbstverwaltete Bildungsangebote und Lesezirkel, wie sie zur Gründerzeit von den Sozialisten in manchen Industriestädten Europas initiiert worden waren. Diesem Umfeld, das Sloweniens Besuchern längst in einschlägigen Reiseportalen empfohlen wird, entstammt jene kritische und studentisch geprägte Generation von Kultur- und Politaktivisten, zu deren Galionsfigur Luka Mesec geworden ist. Wie aber konnte es geschehen, dass ein unorganisierter Haufen von radikalen Linken, Umweltschützern und anderen Aktivisten von der in Maribor ausgelösten Protestwelle den größten politischen Gewinn einfuhr?

„Wir füllten das strukturelle Defizit“, sagt Mesec ohne jegliches Pathos. Er, der an der Universität Ljubljana Politologie studierte, beruft sich in seiner Analyse auf die im Kreis seiner Genossen durchgearbeiteten Schriften von Karl Marx, Immanuel Wallerstein, Antonio Gramsci und natürlich Yanis Varoufakis. Um den Ausbruch der Proteste in Slowenien zu erklären, verwendet Mesec den soziologischen Fachterminus Prekariat. Darunter zu verstehen ist jene amorphe gesellschaftliche Schicht, die vom Strukturwandel nach dem Ende der jugoslawischen Selbstverwaltung am stärksten betroffen war. Dazu zählen gleichermaßen Alte und Junge, Qualifizierte und Ungelernte. Das Resultat der Transition von Sloweniens Wirtschaft war ähnlich wie andernorts in Südosteuropa: geringe Arbeitsplatzsicherheit, tiefe Löhne, zeitlich befristete Arbeitsverträge und sinkende staatliche Sozialleistungen.

Im Unterschied allerdings zu seinen östlichen und südlichen Nachbarländern hat Slowenien die staatlich kontrollierten Firmen nur zögerlich privatisiert und war damit lange gut gefahren. Bis zu ihrer Aufnahme in die EU im Jahr 2004 erhielt die kleine Alpenrepublik viel internationales Lob und handelte sich den Ruf eines Vorzeigebeispiels unter den europäischen Transitionsländern ein. Etwas übersehen wurde damals der Umstand, dass Slowenien dem herrschenden Zeitgeist getrotzt und anders als etwa Ungarn sein Tafelsilber nicht über Nacht an die Meistbietenden verscherbelt hatte.

Einer, der sich seit Sloweniens Staatsgründung vor 25 Jahren gegen überhastete Privatisierungen ausspricht, ist der Jurist und ehemalige Wirtschaftsminister Joze Mencinger. „Die slowenische Erfolgsgeschichte endete im Jahr 2005“, sagt der 74-jährige überaus vitale Professor, „dann folgte die Gambling-Periode“. Damals dachten alle, man könne mit Finanzprodukten über Nacht reich werden. Der slowenische Aktienindex stieg in einem Jahr um das Sechsfache, bis dann Ende 2008 die Blase platzte. Die fast ausschließlich staatlichen Banken stoppten ihre Kreditvergaben, unzählige Betriebe gingen in Konkurs. Um Haaresbreite schrammte das Land an einer Troika-Vormundschaft vorbei.

Slowenien deswegen mit Griechenland zu vergleichen, sei aber Unsinn, sagt Mencinger. Die Verschuldung im Verhältnis zum Bruttoinlandsprodukt sei viel niedriger und die Wirtschaft funktioniere einigermaßen. Dessen ungeachtet erhöhte Brüssel den Druck auf Ljubljana. Sloweniens internationale Glaubwürdigkeit stehe auf dem Spiel, hieß es. An einer forcierten Privatisierung führe kein Weg vorbei. „Ganz sicher nicht!“, befindet Mencinger, der im Dezember eine Petition dagegen lanciert hatte. Er, der sich stets als Sozialdemokrat definierte und deswegen im alten Jugoslawien nie in offizieller Funktion war, ist nicht grundsätzlich gegen Privatisierungen. Doch der Prozess müsse graduell ablaufen, sagt er. Die inzwischen von 14.000 Personen unterschriebene Petition „gegen die Privatisierung und den Ausverkauf des Staatsvermögens“ wurde von der Vereinigten Linken propagiert. Der mächtige Gewerkschaftsbund begrüßt das Vorhaben. „Allein schon deshalb“, so sagt dessen Sprecher Goran Lukic, „weil über die Art und Weise von Privatisierungen nie eine Debatte stattfand.“ Politisch mehrheitsfähig ist das Vorhaben aber nicht. Obwohl Mencingers Grundidee, nämlich öffentliches Gut gegen private Interessen zu verteidigen, in Slowenien sehr populär ist.

Ein gut eingeführter Brand

Das bestätigt Andrej Fistravec, Ordinarius für Soziologie und Stadtpräsident von Maribor. Nach dem Sturz seines Vorgängers wurde er als einer der inoffiziellen Führer der Straßenproteste ins Amt des Bürgermeisters gewählt. Seither bemüht er sich um eine Reindustrialisierung der Stadt, worin ihm vor allem chinesische Investoren zu Hilfe kommen. Als zweitgrößter Werkplatz des einstigen Jugoslawien verfüge die Universitätsstadt Maribor über industrielle Tradition und liege am Kreuzungspunkt von Autobahnen und Eisenbahnlinien, sagt er. Das stimmt. Doch reicht dies, um die Chinesen vom Investieren in einer wenig bekannten europäischen Provinzstadt zu überzeugen, die vor nicht allzu langer Zeit von Protesten erschüttert wurde? Offenbar kein Problem.

Auf dem weiten Gelände des einstigen jugoslawischen Großbetriebs Tovarna Avtomobilov Maribor (TAM) am südöstlichen Stadtrand haben sich rund vierzig Privatunternehmen eingemietet. Seit Jahresbeginn führt die sich zu hundert Prozent in chinesischem Besitz befindliche Firma Durabus das Kürzel TAM im Namen. Die Firma beschäftigt derzeit 200 Personen und produziert hauptsächlich Flughafenbusse. Geplant ist eine Betriebserweiterung zur Fertigung von Hybridbussen, wozu die Firma staatliche Subventionen erhalten wird. Auffallend beim Rundgang durch die Montagehalle, wo in zwei Schichten gearbeitet wird, ist der hohe Anteil an Handarbeit. Roboterisierung ist kein Thema. Der Monatslohn für Facharbeiter liegt bei 1.000 Euro. In der Arbeitslosenstatistik hat sich das Wirken von TAM-Durabus und anderen neuen Privatfirmen allerdings noch wenig niedergeschlagen. Klar hingegen ist, dass die Firma die Bedeutung das Akronyms TAM als weltweit bestens eingeführten Brand erkannt hat und davon zu profitieren gedenkt. Das titoistische Jugoslawien hatte als Mitgründer der Blockfreien-Bewegung TAM-Vehikel in die halbe Welt exportiert. In Indien und Afrika sind sie bis heute unterwegs.

Kein Homo oeconomicus

„Unser Bürgermeister forciert den Ausverkauf unserer Firmen“, sagt die an der örtlichen Universität lehrende Kulturanthropologin Vesna Godina. Auch sie war seinerzeit an den Straßenprotesten beteiligt und kennt Fistravec als einstigen Fachkollegen sehr gut. „Es gäbe eine Alternative zum laufenden Ausverkauf“, sagt die eloquente Professorin, „wir sollten von Spanien lernen.“ Sie propagiert eine neue Form von Selbsthilfe, welche den gesellschaftlichen Bedingungen Sloweniens angepasst sei. In dieser voralpinen, katholischen Bauerngesellschaft stehe nicht die Maximierung von individuellem Profit als oberstes Ziel, sondern kollektives Überleben. In ihrer Argumentation beruft sich Godina auf den amerikanischen Kulturanthropologen Marshall Sahlins. Die Überlegung ist insofern berechtigt, als das jugoslawische Selbstverwaltungsmodell in Slowenien weit besser funktioniert hat als in den übrigen Republiken des zerfallenen titoistischen Staats.

„Meine Realität ist eine andere“, entgegnet Fistravec. Er tue alles, damit die neuen Investoren soziale Kriterien berücksichtigten. Doch was ist sozial? Der Bürgermeister erzählt von einem chinesischen Financier, der den Standort eines neuen Werks am Stadtrand wegen ungünstigem Feng-Shui ablehnte und nun einen passenderen Platz zugewiesen erhielt. Diesem muss das Leben in Maribor ohnehin wie eine Operette vorkommen. Was schon deshalb naheliegt, weil die Stadt diesbezüglich viel zu bieten hat. An diesem winterlichen Freitagabend ist die städtische Oper für die Aufführung des Musicals „My Fair Lady“ bis auf den letzten Platz besetzt. Die Moral der Geschichte ist ganz nach dem Gusto des Publikums: Ein einfaches Blumenmädchen erobert das Herz ihres aristokratischen Mentors, der an ihm mit Fleiß und Methode die Aufhebung des Klassengegensatzes zu beweisen versuchte.

Geballte Geschichte

Das hätte bestimmt auch manchem Chinesen gut gefallen. Doch an diesem Abend ist das Publikum in Maribors Oper ausschließlich europäisch. Was darum verwundert, weil sich lange vor den chinesischen Großinvestoren bereits Geschäftsleute aus dem Reich der Mitte in Maribors Innenstadt installiert haben. Ihre Läden heißen „Happy Store“, „Große Welt“, „China City“ oder „Schanghai“. Auch an chinesischer Kost herrscht kein Mangel. Von der Terrasse des China-Restaurants „Stern“ reicht der Blick hinab auf die träg dahinfließende Drava. In Sichtweite liegt die Lent, die einstige Schiffsanlegestelle, wo an einer Hausfassade Maribors sorgsam gehegtes Wahrzeichen, die Stara Trta, gedeiht: ein angeblich über 400 Jahre alter Rebstock, der bis heute Trauben trägt.

Der Lente vorgelagert steht der Vodni Stolp, ein gut erhaltener Wehrturm aus dem 16. Jahrhundert, einst ein Teil der Stadtbefestigung, deren Daseinsberechtigung in der Abwehr der Türkengefahr bestand. Oberhalb des funktionslos gewordenen Wehrturms führt die Tito-Brücke zur Shoppingmall Europark. Angenommen, der chinesische Großinvestor säße auf der Terrasse des Restaurants „Stern“, so würde es ihn beim Anblick solch geballter Baugeschichte bestimmt seltsam anmuten, wie vergleichsweise einfach er hier Fuß fassen konnte, in dieser kleinen Stadt im Herzen Europas.