EPA/JAN WOITAS

Fahndungserfolg über Facebook

Wie Syrer einen Syrer fassen

von Christian Weisflog / 11.10.2016

In Deutschland wurde ein mutmasslicher IS-Terrorist aus Syrien von syrischen Flüchtlingen überwältigt. Zuvor hatte sich die Fahndungsmeldung in sozialen Netzwerken der Asylsuchenden verbreitet.

Der Polizei konnte der 22-jährige Jaber B. zunächst entkommen. Allerdings hatte der Syrer die Rechnung nicht mit seinen Landsleuten gemacht. Nachdem er am Samstag in Chemnitz einer Festnahme in entgangen war, suchte der mutmassliche IS-Terrorist in einem sozialen Netzwerk für syrische Flüchtlinge nach einem Schlafplatz in Leipzig, berichtet Spiegel Online. Drei seiner Landsleute sollen ihn daraufhin am Hauptbahnhof abgeholt haben, ohne Wissen um seine terroristischen Verstrickungen.

Aufruf in sozialen Netzwerken

Zur selben Zeit teilten und verbreiteten syrische Flüchtlinge in ihren Internetforen die Fahndungsmeldung der Polizei. Auf der Facebook-Seite „German Lifestyle GLS“ wurde das Foto von Jaber B. mit einem Aufruf in deutscher und arabischer Sprache gepostet. Darin hiess es: „Wir, die Syrer hier, sind selbstverständlich gegen die dumme Verallgemeinerung über uns, dass wir Terroristen sind und wir sind auch dagegen, dass wir uns rechtfertigen. Jedoch müssen wir als Syrer diejenigen von uns bekämpfen, die den Menschen hier, die uns unterstützen, etwas Schlimmes antun wollen.“

Am Samstag noch brachten die drei Syrer Jaber B. in die Wohnung eines Freundes, wo sie Reis und Lamm assen, erzählte einer von ihnen namens Mohammed der Boulevardzeitung „Bild“. Danach ging es in die Wohnung eines anderen Freundes weiter, wo der Flüchtige übernachtete. Am Sonntag soll er seine Helfer gebeten haben, ihm die Kopfhaare zu rasieren. Diese taten dies auch, sahen dann allerdings in den syrischen Internetforen die Fahndungsaufrufe. Laut dem Bericht der Bild-Zeitung diskutierten sie mit anderen Syrern über Facebook, ob es sich bei ihrem Gast wirklich um den gesuchten Terror-Verdächtigen handelt. Als für sie keinen Zweifel mehr besteht, überwältigen sie Jaber B. im Schlaf und fesselten ihn mit Verlängerungskabeln. Als die Polizei um 0 Uhr 42 in der Wohnung eintrifft, liegt der mutmassliche Jihadist gefesselt auf dem Sofa, ein Syrer hält ihn im Schwitzkasten. „Wir konnten nicht zulassen, dass er Deutschen etwas antut“, erklärte Mohammed.

Berliner Flughafen im Visier?

Dank dem entschlossenen Handeln der syrischen Flüchtlinge konnte möglicherweise ein Terroranschlag auf einen Flughafen in Berlin verhindert werden. „Wir hatten Hinweise – nachrichtendienstliche Hinweise –, dass er zunächst einmal Züge in Deutschland angreifen wollte. Zuletzt konkretisierte sich dies mit Blick auf Flughäfen in Berlin“, sagte Hans-Georg Maassen, der Präsident des Verfassungsschutzes. Seine Behörde soll Anfang September nachrichtendienstliche Hinweise bekommen haben, dass die Terrormiliz Islamischer Staat (IS) in Deutschland einen Anschlag auf Infrastruktur plane. Erst am vergangenen Donnerstag gelang des dem deutschen Nachrichtendienst demnach, den Verdächtigen Jaber B. zu identifizieren. Danach wurde dieser rund um die Uhr überwacht.

Bereits am folgenden Tag kaufte der mutmassliche Attentäter in einem Geschäft Heisskleber. „Unverzüglich haben wir dann alle Massnahmen in Bewegung gesetzt, damit ein Zugriff erfolgte, weil wir davon ausgingen: Dies kann im Grunde genommen die letzte Chemikalie sein, die für ihn notwendig war, um eine Bombe herzustellen“, erklärte Maassen. In der Wohnung in Chemnitz fanden die Ermittler schliesslich 1,5 Kilogramm Sprengstoff.

Nach bisherigen Informationen stammt Jaber B. aus einer Kleinstadt im Südwesten von Damaskus. Im Februar 2015 reist er illegal nach Deutschland ein und wird in München als Flüchtling registriert. Nach seiner Überstellung nach Chemnitz wird seinem Asylantrag im Juni 2015 stattgegeben. Seit März lebte er in Eilenburg – über 100 Kilometer nördlich von Chemnitz. In den vergangenen Wochen fand Jaber B. Unterschlupf in der Wohnung eines 33-jährigen Landsmannes in Chemnitz. Dieser befindet sich derzeit wegen vermuteter Komplizenschaft in Untersuchungshaft.