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Wie viel ein Politiker wert ist

von Hansueli Schöchli / 27.04.2016

Einflussreiche Personen ohne Hemmungen können Verwandten und Freunden Privilegien verschaffen. Eine Studie aus Italien zeigt nun verblüffend konkret, wie viel Politiker für ihre Verwandten wert sind.

Vetternwirtschaft. Der Begriff ist anrüchig, doch die Praxis ist wohl kaum auszurotten. Gibt der Grad der Verwandtschaft zu Entscheidungsträgern anstelle der Kompetenz den Ausschlag, wer die offene Stelle bekommt, befördert wird oder den Auftrag erhält, ist Verschwendung programmiert. Sie geht zulasten von Steuerzahlern oder Aktionären. Ähnliches gilt für klassische Korruptionsfälle, von denen auch die Schweiz ein Liedlein singen kann – vom Beschaffungswesen des Bundes bis zur FIFA.

4.200 Euro pro Jahr

Das Ausmaß solcher Günstlingswirtschaft liegt naturgemäß im Dunkeln. Eine neue Analyse über Italien wagt nun immerhin eine Schätzung darüber, wie viel die Politiker des Landes für ihre Verwandten wert sind. Die Basis der Schätzung liefern Datensätze der Sozialversicherungen von 1985 bis 2011 und der Steuerbehörden. Analysiert wurden Daten von über 900.000 Beschäftigten in der Privatwirtschaft und gut 500.000 Personen, die in der Untersuchungsperiode auf lokaler, regionaler oder nationaler Ebene politisch tätig waren. Die Forscher fanden, was sie suchten. Ihr statistischer Befund: Die Verwandtschaft zu einem Politiker geht im Durchschnitt einher mit einer Erhöhung des jährlichen Lohneinkommens um 700 Euro, was etwa 3,5 Prozent ausmacht. Bei durchschnittlich sechs profitierenden Verwandten ergibt das einen „Wert“ des Politikers für seine Verwandtschaft von 4.200 Euro. Die Autoren werten diese Schätzung als konservativ; die Summe könne sich unter Einbezug zusätzlicher Günstlinge etwa vervierfachen.

Wer beim Begriff „italienische Politiker“ zunächst vor allem „Berlusconi“ denkt, mag solche Zahlen als bescheiden empfinden. Doch das Gros der untersuchten Fälle betrifft Lokalpolitiker; für die nationale Ebene sind angesichts der relativ geringen Zahl von Fällen statistisch erhärtete Aussagen schwierig zu machen.

Klar herausgeschält haben die Forscher jedoch, dass der „Wert“ des Politikers für seine Günstlinge von dessen Einfluss abhängt. So zeigt die statistische Analyse, dass die Verwandten von Exekutivpolitikern im Durchschnitt 30 bis 50 Prozent mehr profitieren als die Günstlinge von Legislativpolitikern. Und wer mindestens in seiner zweiten Amtsdauer steht, bringt seinen Verwandten jährlich etwa dreimal so viel wie Politiker in der ersten Amtsdauer.

Vertrauen in Fremde

Italien gehört zu jenen Ländern in Westeuropa, die besonders anfällig auf Vetternwirtschaft erscheinen. Hinweise dazu liefern regelmäßige Umfragen etwa im Rahmen des „World Value Survey“ zum Vertrauen der Leute in ihre Mitmenschen. Das Grundvertrauen in Menschen außerhalb der eigenen Verwandtschaft ist ein wichtiges Schmiermittel einer Gesellschaft und einer Volkswirtschaft. So steht damit zum Beispiel auf der Suche nach Geschäftspartnern mehr die Kompetenz als die Abstützung auf den eigenen Clan im Vordergrund. Skandinavische Länder stehen bezüglich Grundvertrauen traditionell zuoberst, mit etwa 110 bis 150 Indexpunkten. Auch die Schweiz schneidet relativ gut ab (107 Punkte in einer jüngeren Umfrage), während südeuropäische Länder wie Italien (60 Punkte), Spanien (40 Punkte) und Portugal (22 Punkte) eine schlechte Figur machen. Auch Frankreich (38 Punkte) steht schlecht da, deutlich schlechter als Deutschland (76 Punkte).

Statistisch ist ein Zusammenhang zwischen dem Vertrauensindex und der Wirtschaftsleistung sichtbar: Je größer das Vertrauen, desto höher ist in der Tendenz die Wirtschaftskraft. Das lässt einen ursächlichen Zusammenhang nur vermuten. Es ist ein Hinweis auf den Preis, den die breite Bevölkerung für grassierende Günstlingswirtschaft bezahlen muss.