Illustration: Peter Gut

Süd gegen Nord

Wir brauchen einen ehrlichen Dialog über Gerechtigkeit

Gastkommentar / von Zafer Şenocak / 13.06.2016

Ob Terrorismus oder Migrantenströme, Wirtschaftskrisen oder Bürgerkriege, neue Autokratie oder neue Demagogie – wir leben in unruhigen Zeiten. Die Gründe dafür sind vielschichtig, doch ist ein Hauptmotor die ungleiche Macht- und Ressourcenverteilung zwischen Nord und Süd. Not täte ein ehrlicher Dialog über Gerechtigkeit. Ein Gastkommentar von Zafer ŞenocakZafer Şenocak wurde 1961 in Ankara geboren und lebt seit 1970 in Deutschland. Er ist als Schriftsteller und Buchautor tätig. Zuletzt ist 2011 in der Edition Körber-Stiftung erschienen: „Deutschsein. Eine Aufklärungsschrift“. .

Als 1989 in Europa die Mauer fiel, flackerte für einen kurzen Moment die Hoffnung auf, die Welt möge friedlicher und versöhnlicher werden. Das starre Blockdenken und der stumpfe Krieg der Ideologien würden einer pragmatischen Politik weichen, die ein materiell besseres Leben für alle versprach. Überall auf der Welt wurden Einkaufszentren gebaut. Sie glichen einander, und sie wurden zu Tempeln der neuen globalisierten Weltordnung. Aus vielen Ländern der „Dritten Welt“ wurden sogenannte Schwellenländer. Die sprachliche verfeinerte Abstufung barg die Verheißung des Aufstiegs.

Europas Festungsmentalität

Dieses Konzept der wachsenden Märkte ist nicht gänzlich gescheitert. Selbst in dem lange Zeit ökonomisch fast abgeschriebenen Kontinent Afrika ist die Zahl der Hungernden gesunken. Der Aufstieg von Ländern wie Brasilien, Indonesien oder der Türkei wurde als Erfolgsstory gefeiert. Auch in Osteuropa gab es nach den Wehen der Transformation hohe Wachstumsraten. Die große Weltwirtschaftskrise von 2008 hat dieser Entwicklung allerdings ihre Grenzen aufgezeigt. Doch die Krise, die immer noch anhält, ist nicht der einzige Grund für die Unruhe unserer Epoche. Vielmehr ist ein globaler Verteilungskampf im Gange, der die lange Zeit dominierende westliche Welt in ihren Fundamenten erschüttert und eine neue Aggressivität in der Welt des benachteiligten Südens produziert.

Menschenmassen aus verwahrlosten Regionen und gescheiterten Staaten der Erde drücken Europas Tore ein.

In den siebziger Jahren waren es europäische Sozialdemokraten wie Willy Brandt oder Olof Palme, die auf die globalen Ungerechtigkeiten bei der Verteilung des Wohlstands und der Entwicklungspotenziale aufmerksam machten. Ein Nord-Süd-Dialog sollte Abhilfe schaffen und gefährliche Zuspitzungen verhindern. Dieser Dialog ist vor langer Zeit vollkommen in Vergessenheit geraten. Die Folgen dieser Gleichgültigkeit hat der Norden inzwischen vor der Haustür. Menschenmassen aus verwahrlosten Regionen und gescheiterten Staaten der Erde drücken Europas Tore ein. Und dieses duckt sich hinter seiner natürlichen Grenze, dem Mittelmeer, das mehr und mehr zu einer Todesfalle für Zufluchtsuchende wird.

Die Festungsmentalität, die sich in Europa breitmacht, wird in der Nachbarschaft genau beobachtet. Besonders scharf schaut man in der Türkei hin. Nirgendwo ist der Dialog zwischen Europa und dem „Süden“ so krachend gescheitert wie hier. Lange Zeit machten sich die Türken Hoffnung auf eine Vollmitgliedschaft in der Europäischen Union. Als großes islamisches Land in der Völkergemeinschaft Europas aufgenommen zu werden, sollte ein kulturelles Fanal sein und den langen Weg der Türken in den Westen krönen. Schließlich war die Türkei ein Beweis dafür, dass sich Moderne und Islam nicht ausschließen müssen.

Doch die Türkei mit ihren säkularen Fundamenten, mit ihrer strengen Trennung von Staat und Religion, scheint heute in diesem Ansinnen gescheitert. Es ist den Europäern nicht voll bewusst, welche Tragweite der Schiffbruch dieses ambitionierten Projektes hat. Das Versprechen der türkischen Islamisten war es, die gläubigen und frommen Mehrheiten der Türkei mit den Mitteln des Konsums in die moderne Lebenswelt zu integrieren. Gleichzeitig sollte der türkische Staat demokratischer werden. Während die Verweltlichung erfolgreich vonstattenging, hat sich die Türkei unter Erdoğan zu einem autoritären Staat entwickelt. Vom freiheitlichen Rechtsstaat sind mittlerweile nur noch Rudimente übrig. Das führt zu großen inneren Spannungen und gefährdet auch die Errungenschaften auf ökonomischem Gebiet.

Ikone der Randständigen

Aus diesem Widerspruch heraus befeuert sich mittlerweile ein Kulturkampf zwischen Fortschrittlichen und Konservativen, Säkularen und Religiösen. Für den keine Konfrontation scheuenden türkischen Präsidenten Erdogan ergibt sich aus dem Rückgriff auf islamische Werte die Gelegenheit, seine Popularität bei jenen zu steigern, welche von den Segnungen der Moderne enttäuscht sind, wenn sie sie denn überhaupt erreicht haben. So ist Erdoğan zu einer Ikone der Randständigen nicht nur in der Türkei, sondern in der ganzen islamischen Welt und darüber hinaus geworden. Dabei vermengt er die imperiale Rhetorik des untergegangenen Osmanischen Reiches mit dem antikolonialistischen Furor von Frantz Fanon. Zur Melange hinzu kommt noch eine muslimische Sauce, und fertig ist die Rechtfertigung für seine rezente Politisierung des Islam.

Nachdem er während der Entkolonialisierungskriege auch im Westen Furore machte, müsste der 1961 verstorbene, aus Martinique stammende französische Arzt und Denker Frantz Fanon heute wiederentdeckt werden. Denn noch immer inspiriert er in den Ländern des Südens viele, die nach einer Überwindung historischer Schmach suchen. Fanon ist dabei mehr als nur ein anstachelnder Geist hinter Terror und Gewalt. Er wirkt auch als ein Seelenarzt, der die Verletzungen durch Entrechtung und Kolonisierung beschreibt. Für die Europäer mag die Epoche des Kolonialismus abgeschlossen sein, mental verarbeitet aber wurde er hier wie dort nie.

Identitäten, die sich hinter einem gesteigerten Selbstwertgefühl verstecken, sind meist sehr brüchig.

Viele der heutigen Konflikte im Nahen Osten haben ihre tieferen Ursachen in der willkürlichen Aufteilung des Raumes durch die Kolonialmächte England und Frankreich nach dem Ersten Weltkrieg. Wurde in irgendeinem europäischen Parlament jemals über die britischen, belgischen, italienischen, niederländischen, französischen und deutschen Verbrechen während der Kolonialzeit debattiert? Kaum. Dabei ist die historisch verbriefte Liste lang. Das Schweigen darüber deckt sich mit dem Schweigen der Türken über den Völkermord an den Armeniern. Es ist die nationale Ehre, die mit falschem Stolz verhindert, sich den eigenen Schandtaten so zu stellen, wie es die Deutschen nach dem Zweiten Weltkrieg vorgemacht haben.

Stolz wird zur Schwäche, wenn er zum Selbstschutz eingesetzt wird. Die Identitäten, die sich hinter einem gesteigerten Selbstwertgefühl verstecken, sind meist sehr brüchig. Doch lässt sich verletzter Stolz heilen? Erdoğan macht sich zum Fürsprecher der Entrechteten des Südens und bedient sich dafür der verklärten Erinnerung an die alte Herrlichkeit der Osmanen. Das ist eine bizarre Verzerrung der Tatsachen, aber sie wirkt bis jetzt. Sie versetzt die Europäer in Schreckensstarre, und sie weckt den Süden auf, so ähnlich wie die Black-Muslim-Bewegung in den USA die Schwarzen mobilisiert hat. Schwarze Türken nennt man in der Türkei die ärmeren anatolischen Bevölkerungsschichten – so ist Erdoğan zum führenden „Black Muslim“ unserer Tage geworden.

Interessanterweise gibt es in Europa kaum intellektuelle Reaktionen auf diesen Vorgang. Das Entsetzen ist groß und die Sprachlosigkeit nicht minder. Nur die sich formierende neue Rechte hat so etwas wie eine Antwort parat. Passend zur antikolonialistischen Rhetorik im Süden ist im Norden ein Revival des Rassismus im Gang. Einmal mehr müssen wir erfahren, dass Weiß Dunkel überlegen ist und der Norden eine natürliche Vorherrschaft über den Süden ausübt. Dabei sind Herren und Knechte in der neuen Weltordnung dieser Leute die gleichen wie vor dem Ersten Weltkrieg.

Alte Stereotype

Das Unterbewusstsein spielt aber auch denen einen Streich, die sich über solche Verachtung erhaben wähnen. Im Diskurs über den Balkan und vor allem über die Muslime kommen alte Stereotype wieder zum Vorschein: Auf dem Balkan herrscht – auch ohne die Flüchtlingsströme – Chaos, weshalb man die Grenzen am besten wieder dichtmacht. Und der Islam als solcher wird als militant bedrohlich zum Erzfeind stilisiert – wobei man eingestehen muss, dass die politisierte radikale Interpretation des Islam mit ihren Terroranschlägen die freiheitlichen Fundamente Europas in der Tat bedroht.

Wo Angst grassiert, setzt gern das Denken aus. In der Koalition gegenüber der islamischen Gefahr gibt es Bündnisse, die längst über die politischen Lager reichen und Kulturgrenzen überschreiten. Vorgeschoben sachliche Islamkritik entlarvt sich spätestens da als rassistisch, wo säkular orientierte Muslime mit Islamisten in einen Topf geworfen werden. Und auch bei der strikten Ablehnung einer türkischen EU-Mitgliedschaft spielt die überhebliche Vorstellung mit, dass die europäische und die islamische Kultur schlicht unvereinbar seien.

Vorgeschoben sachliche Islamkritik entlarvt sich da als rassistisch, wo säkular orientierte Muslime mit Islamisten gleichgesetzt werden.

Auf rassistische Denkmuster, wie sie von rechts immer tiefer in die Mitte der Gesellschaft eindringen, reagiert das europäische politische Establishment gereizt bis entsetzt. Doch ist die Empörung nicht auch aufgesetzt? Rassistische Denkmuster sind in der Wahrnehmung und Selbstwahrnehmung vieler Europäer eine Konstante geblieben. Daran haben auch Verordnungen aus Brüssel und die politisch korrekte Kleiderordnung in den Parlamenten nichts geändert. Letztlich aber geht es in den Auseinandersetzungen unserer Zeit indes nicht um Psychologie oder Anthropologie, sondern um Machtverteilung, um Sicherung von Ressourcen und die Bewahrung einer Weltordnung, welche viel Wohlstand, mit dessen ungerechter Verteilung aber auch viel Frustration erzeugt hat und erzeugt.

Mit seinem Gespür für wunde Punkte wie für Selbstinszenierung hat der türkische Präsident Erdoğan auch dafür eine griffige Formel gefunden. „Die Welt ist mehr als fünf“, so lässt er sich immer wieder vernehmen. Womit er den ständigen Mitgliedern des UNO-Sicherheitsrats das Recht abspricht, nach ihrer Großmachtlogik über das Wohl und Wehe der Welt zu entscheiden.

Der Nord-Süd-Dialog ist seit langem verstummt – es wäre an der Zeit, ihn wieder zu reaktivieren.


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