Wo die EU wächst und wo nicht

von Peter A. Fischer / 15.02.2015

Die insgesamt noch ziemlich moderate wirtschaftliche Erholung in der EU hat sich im vierten Quartal des letzten Jahres fortgesetzt. Doch jenseits des üblichen Nord-Süd-Schemas zeigen sich innerhalb Europas große strukturelle Unterschiede. Eine Übersicht von Peter A. Fischer, Leiter der NZZ-Wirtschaftsredaktion.

Es war insgesamt immerhin eine Verbesserung, wenn auch eine deutlich fragilere als in den USA oder in der Schweiz. Laut den am Freitag veröffentlichten neuesten zur Entwicklung des Bruttoinlandprodukts hat sich die Wirtschaftsleistung in der EU im vierten Quartal gegenüber dem Vorquartal insgesamt um 0,4 Prozent erhöht, im Euroraum waren es leicht unterdurchschnittliche 0,3 Prozent. Dies kommt einem Zuwachs gegenüber dem Vorjahresquartal von 1,3 Prozent für die EU insgesamt und von 0,9 Prozent für den Euroraum gleich. In ihrer erst vor einer Woche publizierten Prognose hofft die EU-Kommission, dass dieses Wachstum dank billigem Erdöl und sehr billigem Zentralbank-Geld im 2015 weiter an Schwung gewinnen und auf 1,3 Prozent klettern wird.

Reformen zahlen sich aus

Betrachtet man die nach Ländern aufgegliederten neuesten Daten für das vierte Quartal 2014, zeigt sich allerdings, dass die wirtschaftliche Erholung am ausgeprägtesten in den reformfreudigeren, flexibleren Mitgliedstaaten im Osten stattfindet. So ist unter allen Ländern Estland am stärksten gewachsen, aber auch die anderen baltischen Staaten, welche allesamt harte wirtschaftliche Reformkuren hinter sich haben, gehörten zu den sich am dynamischsten entwickelnden Staaten der EU. Estland erwirtschaftet im 4. Quartal 2,6 Prozent, Litauen 2,4 Prozent und Lettland 1,9 Prozent mehr als vor einem Jahr. Ähnlich gute Ergebnisse erzielten Polen (3,1 Prozent) und die Slowakei (2,4 Prozent).

Fast mit dem sich dynamisch erholenden Osten mithalten konnte Spanien (2,0 Prozent), das sich ebenfalls Reformen verschrieben hat. Auch in Portugal zeigen die Anstrengungen langsam Resultate: Das BIP ist dort gegenüber dem Vorjahresquartal zwar erst um 0,7 Prozent, aber gegenüber dem Vorquartal nun doch um überdurchschnittliche 0,5 Prozent gewachsen. Zu Irland fehlen noch Angaben.

Kluft wird größer

Zu den sich dynamisch entwickelnden, wettbewerbsfähigen Ländern zählt auch Deutschland, dessen Wirtschaft im vierten Quartal gegenüber dem Vorquartal einen eigentlichen Wachstumssprung (von 0,7 Prozent) gemacht hat und deswegen gegenüber dem Vorjahresquartal gar eine um 1,5 Prozent höhere Wirtschaftsleistung ausweist. Bei den Verlierern fallen Italien und Frankreich besonders ins Gewicht, deren Wirtschaftsleistung im 4. Quartal faktisch stagniert hat. Beides sind Länder, deren fehlende Reformbereitschaft zunehmend Sorgen macht. Im chronischen Sonder- und Sorgenfall Griechenland ist das Wirtschaftswachstum nach vorgängiger Erholung sogar wieder in den negativen Bereich gerutscht.

Zu den reformresistenten Staaten gezählt werden muss betrüblicherweise auch ein stagnierendes Österreich, wo sich die Wirtschaftsleistung gegenüber dem Vorquartal um 0,1 Prozent erhöht und gegenüber vor einem Jahr stagniert hat. Immer größer wird so die Kluft zwischen denjenigen EU- und Euro-Staaten, welche sich strukturellen Reformen und notwendigen makroökonomischen Anpassungen stellen, und solchen, welche diese negieren oder mit ineffektiven staatlichen Lenkungsmaßnahmen hinauszögern wollen. Umso unmöglicher muss da die Herausforderung werden, eine für den ganzen Euroraum adäquate einheitliche Geldpolitik zu führen oder gar vergemeinschaftete fiskalpolitische Maßnahmen zu ergreifen.