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Flüchtlinge

Wo die Integration von Flüchtlingen auf Probleme stößt

von Stephanie Lahrtz / 20.10.2015

Allgemein erwünscht ist, dass Flüchtlinge die Sprache lernen und eine Arbeit finden. Schulpflichtige Flüchtlinge fassen in Deutschland relativ leicht Fuß – für über 30-Jährige aber wird es schwierig, wie ein Augenschein in Süddeutschland zeigt.

Wie wird es für mich weitergehen? Wann verstehe ich alles so wie zu Hause? Darf ich bleiben? Obwohl sie bereits seit einigen Jahren in Deutschland leben, fragen sich das Dunja aus dem Iran, Ahmad aus Afghanistan, Oleksandr aus Donezk und mit ihnen Tausende andere. AsylbewerberManche Namen auf Wunsch der Interviewpartner geändert. Die Gespräche mit ihnen in verschiedenen süddeutschen Städten zeigen, wie viele Hürden es auf dem Weg zur gelungenen Integration gibt – und wie viel Hilfe man zum Überspringen derselben benötigt.

Die Schule als grosse Chance

Wenn man jünger als 21 ist, dann folgt der Start ins neue Leben einem zwar nicht einfachen, aber doch relativ ausgetretenen Pfad. Das Schulsystem habe ihm geholfen, in Deutschland schnell anzukommen, sagt der 16-jährige Esan. Vor drei Jahren kam er zusammen mit seinem Vater nach München. Schon zwei Monate nach der Ankunft ging er in eine speziell für Kinder ohne Deutschkenntnisse eingerichtete Übergangsklasse. Alle schulpflichtigen Flüchtlinge werden hier innert drei bis sechs Monaten nach ihrer Ankunft in solche ungefähr dem Alter entsprechende Vorbereitungsklassen aufgenommen. Das Netz, das sie auffängt, ist bereits vorhanden und kann von den Behörden auch ohne allzu viel Phantasie angeboten werden. Bisher sind in Bayern und Baden-Württemberg laut den jeweiligen Ministerien insgesamt fast 3.000 solche Klassen eingerichtet worden.

Jetzt besucht der ehrgeizige und motivierte Esan die Realschule, er spricht richtig gut Deutsch, spielt regelmässig Fußball in einem städtischen Sportverein und hat Deutsche sowie Ausländer als Freunde. Aber eine Schule kann nicht alle Wunden der Flucht heilen. Viele allein reisende Jugendliche sind schwer traumatisiert. Wie soll jener afrikanische Bub, dem Schlepper ein Ohrläppchen abgeschnitten haben, weil er in ihren Augen zu wenig für die Bootsfahrt übers Mittelmeer bezahlt hatte, sich auf „der, die, das“ und die Beugung von Verben konzentrieren? Um eine Klasse durchzustehen, brauchen viele junge Flüchtlinge die – leider nicht überall erhältliche – regelmässige Betreuung durch Sozialpädagogen.

Jenseits der Schulpflicht wird es auch bei guter seelischer Verfassung schwer, überhaupt einen Platz in einem Deutschkurs zu finden. An nahezu jedem Ort bundesweit fehlt es an Geld für Kurse, an Räumlichkeiten und Lehrern. Und nicht alle der derzeit rekrutierten Lehrkräfte haben eine Ausbildung, um Deutsch als Fremdsprache zu lehren. Esans Vater bekam erst nach zwei Jahren einen Platz in einem Deutschkurs. Oleksandr (36) und seine Frau warten seit einem Jahr darauf. Fast alle der wenigen Brocken Deutsch hat Oleksandr von seinen drei Kindern aufgeschnappt, die Deutschunterricht in der Schule und im Kindergarten erhalten. Die 44-jährige Dunja hat in den zwei Jahren ihres Aufenthalts nur ein paar Monate einen Platz bei „Mama lernt Deutsch“ gefunden. „Dabei bin ich gar nicht Mutter, ich durfte ja von meiner Familie aus nicht heiraten“, sagt sie leise.

Individuelle Betreuung nötig

Selbst mit einer gewissen Sprachfertigkeit ist es für junge Flüchtlinge nach der Schule kaum machbar, ohne Hilfe einen Ausbildungsplatz zu finden, zu unbekannt ist für sie das deutsche System. In Augsburg hat es sich daher ein Team der Industrie- und Handelskammer (IHK) Schwaben zur Aufgabe gemacht, sämtliche Flüchtlinge in den Berufsschulklassen des Regierungsbezirks zu besuchen, Profile mit ihren Wünschen und Fähigkeiten zu erstellen und sie dann für Praktika oder einen Ausbildungsplatz an die Arbeitgeber der Region zu vermitteln. Seit letztem Dezember hätten sie mit 180 Flüchtlingen zum Teil mehrmals gesprochen, berichtet Josefine Steiger, die Leiterin der Abteilung Ausbildung in der IHK Schwaben. „Wir müssen den jungen Leuten nicht nur unser Ausbildungssystem, sondern oft auch viele der deutschen Berufe erklären.“ Und manchmal den Fahrdienst zum Praktikumsplatz übernehmen oder die Gültigkeit von Gebetszeiten mit einem Islamwissenschafter abklären. Manche Flüchtlinge machen zwei oder drei verschiedene Praktika, bis sie etwas Passendes finden, allesamt organisiert und vermittelt vom IHK-Team.

Bis Ende September konnten 52 der betreuten Flüchtlinge eine Ausbildung beginnen, einige weitere stehen kurz vor dem Vertragsabschluss. Den anderen fehlten entweder die Sprachkenntnisse oder sie seien seelisch noch nicht in der Lage, regelmäßig zu arbeiten, sagt Steiger. In diesem Schuljahr benötigen bereits 340 junge Menschen die Hilfe der Industrie- und Handelskammer. – und der Bedarf dürfte weiter steigen.

Da Augsburg schon immer einen hohen Ausländeranteil gehabt habe, seien viele Arbeitgeber daran gewöhnt, nicht perfekt Deutsch sprechende Auszubildende zu haben, erklärt IHK-Hauptgeschäftsführer Peter Saalfrank die Bereitschaft vieler Betriebe, junge Flüchtlinge auszubilden. Aber noch viel wichtiger: Es fehlten schlicht und einfach in vielen Betrieben ausbildungswillige junge Leute, sei es für eine Vielzahl technischer Berufe, in der Gastronomie, bei Speditionen oder in Lagerhäusern. Man brauche die Flüchtlinge.

Auch die Verantwortlichen des Projekts „Bleib in Nürnberg“, das erwachsene Flüchtlinge in Praktika und eine Ausbildung vermittelt, haben diese Erfahrung gemacht. Es braucht nicht nur eine intensive individuelle Berufsberatung, wie Susanne Petricica vom Nürnberger Ausbildungsring sagt. Man müsse auch in vielen Fällen mit der Ausländerbehörde oder dem Arbeitsamt abklären, was der Einzelne dürfe, wofür er welche Genehmigung benötige. Das kostet Zeit und Nerven und ist für die Flüchtlinge alleine nicht zu leisten. In Augsburg wie in Nürnberg will man in der Regel nicht warten, bis endlich ein Asylverfahren entschieden ist, denn das kann Jahre dauern. Ein Praktikum oder eine Ausbildung dürfen Flüchtlinge unter gewissen Voraussetzungen auch schon davor antreten – wenn sie einen Arbeitsplatz finden. „Nichts ist schlimmer, als in Heimen nur herumzusitzen“, sagt der Afghane Ahmad, der im Rahmen von „Bleib“ nach seinem Hauptschulabschluss eine einjährige Qualifizierungsmaßnahme zum Sanitär durchläuft. Hält er durch, wird sein Betrieb ihn in eine reguläre Ausbildung übernehmen. Aber noch wartet er auf einen endgültigen Asylbescheid.

Es harzt für über 30-Jährige

Während es für Asylbewerber bis zum Alter von fünfundzwanzig Jahren nicht nur in Augsburg und Nürnberg öfter Hilfen und vor allem Perspektiven gibt, haben weder Esans Vater, ein Gärtner, noch Oleksandr, der in der Ukraine in der Satellitenbeobachtung tätig war, oder Dunja, einst Büro-Managerin einer iranischen Import-Export-Firma, bis anhin eine Arbeitsstelle gefunden. Es ist fraglich, ob sich ihre Lage mit besseren Deutschkenntnissen ändern wird. Denn alle Gesprächspartner, Deutsche wie Neuankömmlinge, betonen, dass es für Asylbewerber über dreissig schwer ist, in Deutschland wirklich anzukommen.

Vom Gesetz her dürfen sie nach drei Monaten arbeiten, wenn kein Deutscher, EU-Bürger oder anerkannter Asylbewerber für die Stelle gefunden wird; nach fünfzehn Monaten fällt diese Vorrangprüfung weg. Doch die Anerkennung der im Heimatland gemachten Berufs- oder Studienabschlüsse ist ein harziger Weg. Umschulungsmöglichkeiten sind selten – und einen Ausbildungsplatz gibt es ab dreißig kaum. Hier müssten Behörden wie Ausbildungsbetriebe viel flexibler werden, fordern Saalfrank und Rainer Aliochin, Geschäftsleiter des Nürnberger Ausbildungsrings. „Viele der jetzt ankommenden Väter und Mütter werden kurz- und vermutlich auch mittelfristig darauf angewiesen sein, dass ihre Kinder die Versorgung und damit auch die Integration übernehmen“, meint denn auch Elisabeth Ramzews, Leiterin des Sozialdiensts für Flüchtlinge von der Inneren Mission München.