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Frankreich

Wie Marine Le Pen vom Terror profitiert

von Nikos Tzermias / 01.12.2015

Siegessicher tritt sie ans Mikrofon, schimpft über Masseneinwanderung und Schengen. Marine Le Pen und ihr Front National profitieren vom Terror und von der andauernden Wirtschaftskrise. Eine Reportage aus Hayange.

Schon von fern stechen die monströsen, von Rost befallenen Hochöfen ins Auge, die der Stahlkonzern ArcelorMittal 2011 in Hayange stilllegte. Die Krise zuerst im Bergbau und nun in der Stahlindustrie hat das 15.000 Einwohner zählende Städtchen an der Fensch, einem Nebenfluss der Mosel, schwer getroffen. In der verrußten Innenstadt ist der wirtschaftliche Niedergang überall erkennbar, nebst den Narben einer bewegten Geschichte in dieser Ecke der französischen Grenzregion Lothringen, die immer wieder als Schlachtfeld für die französisch-deutschen Kriege hinhalten musste.

Die Extreme berühren sich

Im Stadtzentrum sind die Restaurants am Abend geschlossen. Eine Pizzeria in zentraler Lage sucht einen neuen Eigentümer. Offen sind nur ein paar schummrig beleuchtete Bars, in denen sich zumeist ältere Herren bei einem Bier unterhalten und sich über die ihrer Meinung nach maßlose Überfremdung des Landes beklagen. Alles andere als stattlich ist auch das Stadthaus, ein sanierungsbedürftiger Klotz aus der Nazizeit. Damals wurde die von der Industriellenfamilie de Wendel im Fenschtal aufgebaute Stahlindustrie verstaatlicht und in die Reichswerke Hermann Göring integriert.

Über dem Eingang des Stadthauses hängt ein Spruchband mit der Aufschrift: „Ehre den Opfern des islamistischen Terrors“. Die Trikolore-Flagge des Hôtel de Ville ist immer noch an den Fahnenmast gebunden, obwohl die wegen der islamistischen Terroranschläge in Paris ausgerufene dreitägige Staatstrauer bereits vor einer Woche abgelaufen ist. Neben der Nationalflagge fehlt die an öffentlichen Gebäuden sonst ausgehängte EU-Fahne. Der für sie bestimmte Halter ist leer. Aber nicht ein heftiger Windstoß, sondern der Bürgermeister der Stadt hat die Flagge entfernt, um ein Zeichen gegen die verhasste EU zu setzen. Der 36-jährige Maire, Fabien Engelmann vom Front National, gelangte in den Lokalwahlen im Frühling 2014 ins höchste Amt der Stadt, als erster Rechtsradikaler im traditionell linken Lothringen.

Der Sohn von zwei „Pieds noirs“, also Algerienfranzosen, profitierte von der Wirtschaftskrise und dem Unvermögen der Regierung in Paris, eine Schließung der Hochöfen zu verhindern. Das politische Agitieren hat Engelmann jahrelang bei der trotzkistischen Lutte ouvrière gelernt. Die politischen Extreme berühren sich.

Engelmann erwartet an diesem nasskalten Mittwochabend hohen Besuch. Im Kongresshaus „Le Molitor“, einem Seitenflügel des bereits weihnächtlich beleuchteten Stadthauses, ist eine öffentliche Versammlung mit der Parteichefin Marine Le Pen und deren Vize Florian Philippot angesagt. Dieser kandidiert für die regionale Präsidentschaft der neuen Großregion Alsace/Champagne/Ardenne/Lorraine, während Le Pen in der wirtschaftlich noch schwächeren Region Nord-Pas-de-Calais/Picardie die Präsidentschaft anstrebt. Gewählt wird am kommenden und am übernächsten Sonntag.

Bier, Pop, Trikolore

Schon früh stehen die Anhänger Schlange. Männer in schwarzer Uniform mit der Trikolore-Flamme des Front National (FN) am Oberarm führen am Eingang Sicherheitskontrollen durch. Der Saal mit seinen 450 Sitzen ist rasch überfüllt – mit vielen Arbeitern, mehrheitlich älteren Semestern, einigen Männern und Frauen mit einer starken Vorliebe für schwarze Bekleidung und auch ein paar jüngeren Militanten in weißen T-Shirts. Auf diesen sind in Blau weibliche Gesichtszüge aufgedruckt, die nicht nur jenen der FN-Chefin gleichen, sondern auch Assoziationen mit der republikanischen Marianne wecken.

Die Stimmung im Saal ist festlich. Popmusik ertönt, Bier wird ausgeschenkt, nebst Trikolore-Fähnchen und Flugblättern werden auch Gummibonbons verteilt, eingepackt in winzige Plastiktüten mit dem Foto des freundlich lächelnden Kandidaten Philippot. Alle warten gespannt auf Marine und Florian. Bald ist es so weit.

Ein Parteifunktionär schreitet die Sitzreihen ab und flüstert den Anwesenden eindringlich zu, dass sie aufstehen und grüßen sollen, wenn die Parteichefin und ihr Vize einmarschieren. Kein Problem. Die FN-Oberen werden mit frenetischem Applaus und Jubel empfangen. Bürgermeister Engelmann bedankt sich dafür, dass Le Pen und Philippot sein Städtchen im Wahlkampf nicht vergessen hätten.

Le Pen tritt siegessicher ans Rednerpult, ermutigt durch Meinungsumfragen, laut denen der FN in den Regionalwahlen seinen Stimmenanteil dank des islamistischen Terrors markant ausbauen und erstmals die Präsidentschaft in einer oder sogar zwei oder drei Regionen erringen könnte.

Le Pen rühmt sich damit, dass sie seit Jahren vor der Laschheit der Justizbehörden, der unkontrollierten Massenimmigration, dem vom politischen Establishment tolerierten Multikulturalismus, dem islamistischen Radikalismus und der Aufgabe nationaler Grenzkontrollen gewarnt habe. Doch noch immer wollten die EU und deren Oberbefehlshaberin Angela Merkel am „mörderischen“ Schengen-Abkommen festhalten, obwohl man doch dem Grenzschutz von Staaten wie Griechenland nie vertrauen könne.

Front National-Chefin Marine Le Pen und ihr Vize Florian Philippot gehen auch rhetorisch in die Offensive.
Credits: AFP PHOTO / STEPHANE DE SAKUTIN

Kein gutes Haar lässt die Parteiführerin vor allem am früheren Präsidenten Nicolas Sarkozy, während sie den gegenwärtigen Herrn im Elyséepalast, François Hollande, überhaupt nie namentlich erwähnt und nur indirekt unter Beschuss nimmt. Das wohl in der Annahme, dass dem Staatschef und dessen Sozialisten einmal mehr eine Wahlschlappe droht und die von Sarkozy angeführte bürgerlich-konservative Partei Les Républicains für den FN die Hauptrivalin ist.

Le Pen brandmarkt Sarkozy als einen Mann ohne Vision, der während seiner Amtszeit 12.000 Polizeistellen gestrichen, Frankreich noch mehr den Eurokraten in Brüssel ausgeliefert und erst noch an die Erdölmonarchien am Golf verkauft habe. Dann erteilt Le Pen auch der Türkei Schelte. Der Abschuss eines russischen Kampfflugzeugs sei ein wahnwitziger Akt gewesen, meint die erklärte Bewunderin des Kremlchefs Wladimir Putin; ihre Partei finanziert sich auch mit Geldern aus Russland.

Nicht minder aggressiv argumentiert der FN-Vize Philippot. Er versucht vorab damit zu punkten, dass er als Präsident der neuen Großregion im Osten die Immigration stoppen und alle Hilfen für Migranten unterbinden werde. Zudem wolle er ausländische Lastwagen besteuern, ausländische Direktinvestitionen nur noch sehr restriktiv fördern und lokale Produzenten durch Importbeschränkungen und über das öffentliche Beschaffungswesen bevorzugen. Schließlich müsse in den Schulen wieder französisch gegessen werden.

Vorsorglich räumt Philippot ein, dass er wegen der, wie er beklagt, desaströsen Politik in Paris und vor allem auch der Europäischen Union als Regionalpräsident in seinem Handeln stark eingeschränkt sein werde. Dass die Freizügigkeit der EU tatsächlich zu einer starken Linderung der Wirtschaftskrise im Fenschtal beigetragen hat, erwähnt der Scharfmacher Philippot nicht. Zu seiner Stoßrichtung würde ja schlecht der Hinweis darauf passen, dass mittlerweile jeder vierte erwerbsfähige Fenschtaler als Grenzgänger im vergleichsweise wirtschaftsliberalen Luxemburg Arbeit gefunden hat. Philippot polemisiert nicht nur heftig gegen den radikalen Islamismus. Er versichert auch, dass er die geplante Eröffnung einer zweiten riesigen Moschee in Straßburg verhindern wolle.

Rue Brigitte Bardot

Eine generelle Abneigung gegen Muslime ist auch Bürgermeister Engelmann eigen. Er macht nicht nur einem Halal-Metzger in Hayange das Leben schwer, sondern organisierte im letzten September schon zum zweiten Mal ein „Fest des Schweins“, an dem Schweinefleisch auf offener Straße verkauft, gebraten und verzehrt wurde.

Engelmann begründete das Fest mit der Pflege der französischen Traditionen. Die Argumentationsweise war insofern nicht über jeden Zweifel erhaben, als der Bürgermeister ein eingefleischter Vegetarier und Tierschützer ist. Jedenfalls hat er kurz nach seiner Wahl eine Straße von Hayange nach Brigitte Bardot benannt, um der mit dem FN seit Jahren sympathisierenden Filmdiva, Tierschützerin und mehrfach einschlägig verurteilten Rassistin die Ehre zu erweisen.


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