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Euro 2016

Wofür stehen Nationalteams heute?

von Hans Ulrich Gumbrecht / 09.06.2016

In einem Europa der aufgehobenen Grenzübergänge mutet eine Europameisterschaft etwas abstrakt an. Tatsächlich zeigen sich viele Asymmetrien. Ein Gastbeitrag von Hans Ulrich GumbrechtHans Ulrich Gumbrecht ist Literaturprofessor an der Stanford University. Er schreibt in der NZZ regelmäßig Kolumnen über Fußball. .

Was repräsentiert eine Fußball-Europameisterschaft der Nationen heute? Welche kollektiv-psychische Energie treibt sie an? Warum nehmen Spieler und Zuschauer mittlerweile auch im tiefen Sommer keine Auszeiten vom Fußball mehr?

Die einzig positive Antwort auf diese Frage, positiv, weil sie ein real bestehendes Verhältnis der Repräsentation zwischen Nationalmannschaften und Nationalgesellschaften in den Blick bringt, bezieht sich auf heute bestehende demografische und ethnische Strukturen. Wenn die Kamera während des anscheinend unvermeidlichen Rituals des Abspielens der Nationalhymnen an den Gesichtern der Spieler entlangfährt und wenn die Mannschaftsaufstellungen mit den Namen eingeblendet werden, dann müssen auch jene Fernsehzuschauer, die noch immer eine ethnische Homogenität mit ihrem Land verbinden wollen, wahrnehmen, dass diese längst nicht mehr besteht.

Eine späte Erfindung

Jenseits dieser Repräsentation einer neuen sozialen Realität aber setzt dann eine schier unendliche Reihe von Asymmetrien ein, welche das Verhältnis zwischen der politischen Situation Europas und dem sportlichen Einsatz der Fußball-Europameisterschaft einschließen. Man sieht es den Gesichtern der meisten Spieler während der Hymnen-Minuten an: Sie können mit dem schweren nationalen Pathos dieser Musik und ihrer Texte kaum etwas anfangen – in einem Europa der aufgehobenen Grenzübergänge. Wie es ja in der langfristigen Retrospektive überhaupt eigenartig wirkt, dass die Europameisterschaft als ein Wettbewerb nationaler Differenzierung erst relativ spät erfunden wurde, in den frühen sechziger Jahren, zu einer Zeit, da die europäische Integration gerade als Ent-Differenzierung, als gegenläufiger Prozess also, in Bewegung gekommen war.

Viel deutlicher – und im heutigen Gegenwartszusammenhang auch viel wichtiger – ist eine andere Asymmetrie, wie sie in einigen Fernsehinterviews nach dem letzten Champions-League-Finale besonders deutlich wurde; nach dem, wie jeder Spezialist weiß, qualitativ entscheidenden Fußball-Ereignis jeden Jahres. Obwohl es sich zum zweiten Mal in kurzer Zeit um das Stadtderby zwischen zwei Madrider Mannschaften handelte, repräsentierten beide Teams die Realität des europäischen Fußballs als transkontinentale und transnationale. Manche der Spieler in diesem Finale werden aufgrund ihrer südamerikanischen Staatsangehörigkeiten nicht an der Euro teilnehmen können – so wenig wie Neymar, Suárez und Messi, die beste europäische Offensive. Und zugleich ist es der Normalfall geworden, dass etwa ein Spieler mit deutschem Pass wie Toni Kroos innerhalb weniger Wochen in Frankreich gegen einen Kollegen spielen wird, mit dem er gemeinsam die Champions League für Real Madrid gewonnen hat.

Groteske Effekte

Beinahe grotesk sind die Effekte einer dritten Asymmetrie, der zwischen den verschiedenen Spielstärken der nationalen Ligen und der Stärke der Nationalmannschaften. Viele Beobachter halten immer noch die englische Liga aufgrund ihres Spieler-Pools (und ohnehin aufgrund ihrer Finanzen) für die international stärkste, während die englische Nationalmannschaft seit der WM von 1966 im eigenen Land keinen großen Wettbewerb mehr gewonnen hat. Andererseits vertritt die aus guten Gründen so hoch rangierte belgische Nationalmannschaft ein Land, in dessen Liga sich aus wirtschaftlichen und sportlichen Gründen kein Weltklassespieler verirren könnte – auch kein Weltklassespieler mit belgischem Pass. Und deutsche Fans neigen dazu, die Spielstärke der Bundesliga zu überschätzen – aufgrund der Stärke der Nationalmannschaft.

Schließlich will ich noch als vierte Asymmetrie ein verbales Gesellschaftsspiel erwähnen, das – wohl bezeichnenderweise – mittlerweile etwas von seiner ehemaligen Beliebtheit verloren hat. Es ist das Spiel der Assoziationen zwischen Nationalcharakteren (man sollte wohl eher sagen Nationalstereotypen) und gewissen erstaunlich nachhaltigen nationalen Stilarten im Fußball. Das körperlich dynamische, aber technisch und strategisch nicht gerade subtile Spiel der englischen Nationalmannschaft schien ein europäisches Vorurteil gegen die Engländer zu bestätigen – und genauso ging es mit dem viel erfolgreicheren Blut-Schweiß-und-Tränen-Fußball Deutschlands bei internationalen Turnieren vor der Ära des Bundestrainers Joachim Löw.

Auf der anderen Seite ist es wohl noch keinem Beobachter gelungen, die gängig-freundlichen Bilder vom italienischen Nationalcharakter mit dem vorsichtigsten Defensivfußball und den niederländischen Total-Fußball mit der protestantischen Kaufmannstradition jenes Landes in Verbindung zu setzen.

Je weiter man geht bei der Auflistung solcher Asymmetrien, desto mehr drängen sich die komplizierten Fragen auf, was denn eine Europameisterschaft heute noch repräsentieren kann, wie sie alternierend mit der Weltmeisterschaft in der Mitte jedes zweiten Jahres die Fußball-Sucht von Milliarden von Fans weltweit wachhält – und was wohl aus dem in die Schieflage vielfacher Asymmetrien geratenen Verhältnis zwischen Nationalteams und Nationalgesellschaften werden könnte.

Meine erste Antwort hat wenig mit dem Begriff und mit der Realität von Nationen zu tun. Welt- und Kontinentalmeisterschaften folgen in jedem Sport der Logik der Variation. Wenn die Alltagsrealität des heute weltweit und übers Jahr von den meisten Zuschauern verfolgten Fußballs die großen europäischen Ligen sind, dann veranlassen Europa- oder Weltmeisterschaften ein neues Mischen derselben Karten, oder etwas anspruchsvoller formuliert: Sie stellen Laborbedingungen bereit, in denen gegenüber dem Klub-Alltag verschiedene Potenziale desselben Spiels und derselben Spieler getestet werden können.

Dabei ist die Konvergenz der juristischen Regeln für europäische Staatsangehörigkeiten mit den UEFA-Regeln zur Spielberechtigung zugleich streng und flexibel genug, um einerseits als ein Zufallsprinzip zu wirken (Gareth Bale spielt für Wales und nicht für England) und andererseits individuelle Freiheit nicht absolut einzuschränken (Bale könnte wahrscheinlich darauf hinarbeiten, für Spanien zu spielen).

Herausforderung für Trainer

Besonders interessant sieht in diesem Zusammenhang der Variation eine immer deutlicher werdende Ausdifferenzierung zwischen erfolgreichen Klubtrainern und erfolgreichen Nationaltrainern aus. Gewiss ist der Pool von Spielern, auf den sich ein Nationaltrainer beziehen kann, durch andere, in ihrer Wirkung weniger flexible Faktoren begrenzt als das Potenzial eines Klubtrainers. Außerdem muss ein Nationaltrainer seine Mannschaft unter zeitstrukturellen Bedingungen formen und motivieren, die im Kontrast zu denen einer Klubmannschaft stehen. Der Nationalcoach wird deshalb versuchen, die von ihm gewählten Spieler kurzfristig für eine Idee zu gewinnen, statt von dieser Idee ausgehend langfristig eine Mannschaft zu formen.

Außerdem muss aufgrund der spezifischen Turnier-Regeln das Vermeiden von individuellen Fehlern und mithin von einzelnen Niederlagen für einen Nationaltrainer bedingungsloser im Vordergrund stehen als bei Klubtrainern. Vicente del Bosque, Joachim Löw und Marc Wilmots haben sich als die drei herausragenden – und typischen – Nationaltrainer im europäischen Fußball des frühen einundzwanzigsten Jahrhunderts ausgezeichnet. Löw und Wilmots haben darüber hinaus ihre wirklich intelligente Selbsteinschätzung unter Beweis gestellt, indem sie Angebote durchaus interessanter Klubteams ablehnten; das gilt vor allem für Wilmots und Schalke 04.

Und die Zukunft dieses nach Sonderregeln aufgestellten Fußballs der Nationalmannschaften? Unter den Antworten auf diese beliebte Frage dominieren eher schwarzmalende Thesen und Szenarios – was wohl einfach die Tradition einer nicht ganz geheimen Verachtung der halbintellektuellen Fußball-Autoren gegenüber den Fans fortschreibt.

Logik der Kompensation

Auf mich allerdings wirkt die Unterstellung nicht überzeugend, im Erfolg des französischen Front national und der deutschen AfD zeige sich notwendig die Zukunft einer politisch problematischen Nationalisierung in der Fan-Kultur dieser Länder. Denn das Verhältnis zwischen dem Spiel und seinen Fans folgt wohl eher einer Logik der Kompensation als der von den Kritikern unterstellten Logik der Äquivalenz. Anders gesagt: Der Sport bietet seinen Fans oft gerade das, was sie im Alltag vermissen. Das war schon bei der Weltmeisterschaft 1954 so, als die Fritz-Walter-Mannschaft einer geschlagenen deutschen Nation besten Grund für neue Selbstachtung gab.

In einem immer diffuser werdenden Alltag, nicht zuletzt durch die epidemische Verbreitung von Formen elektronischer Kommunikation, in einer Zeit, wo sich selbst die Leidenschaften der Liebe in die schalen Vernunft-Versionen von One-Night-Stands und Lebensabschnittspartnern verwandelt haben, bietet großer professioneller Sport seinen Zuschauern Momente fokussierter Intensität. Die Spannung in den Gesichtern der Fans von Atlético Madrid und Real Madrid beim Champions-League-Finale sprach wieder einmal Bände in dieser Hinsicht. Und der Unterschied zwischen den Tränen der Enttäuschung und der Ekstase des Siegens muss sich wohl nach wenigen Tagen neutralisiert haben in der gemeinsamen Erinnerung an die Intensität eines Mailänder Fußballabends. Es ist in diesem Sinn ja bezeichnend, dass die statistisch erfolgreichsten Mannschaften nur selten die mit den treuesten und leidenschaftlichsten Anhängern sind.

Jene Intensität, die Mannschaftssportarten ihren Zuschauern schenken können, verlangt – letztlich beliebige – Kriterien der Zugehörigkeit zu verschiedenen Teams. Real Madrid ist zwar längst nicht mehr wirklich der Klub einer aristokratischen Stadt-Elite und Atlético nicht mehr der Arbeiterverein von der Peripherie (und übrigens auch nicht mehr der Verein des Faschismus) – aber sie schaffen es mehr denn je, ihre Fans in intensitätsfördernder Weise zu polarisieren.

Ähnlich könnte es, meine ich, im besten Fall mit den nationalen Zuordnungen weitergehen. Ein Sommermärchen wird die Weltmeisterschaft von 2006 in Deutschland immer bleiben, trotz aller FIFA-Skandale. Weil sich damals zum ersten Mal ein freundlicher Nationalismus zwischen den Anhängern der verschiedenen Mannschaften zeigte, ein Nationalismus, der wechselseitige Sympathien nicht ausschloss – und sich vielleicht hin zu einer Ästhetik der nationalen Unterschiede entwickeln könnte. Vielleicht brauchen ja gerade die Nationen der Europäischen Union eine solche Ästhetik der konkreten Unterschiede – als Kompensation für eine immer abstraktere kontinentale Politik.