Der wortgewaltige Ökonomieprofessor

von Marco Kauffmann Bossart / 28.01.2015

NZZ-Korrespondent Marco Kauffmann Bossart über Griechenlands neuen Finanzminister Yanis Varoufakis.

Auf seinem Blog meldete sich Yanis Varoufakis schon als neuer Finanzminister zu Wort, bevor seine Ernennung offiziell bekanntgemacht wurde. Es werde gemeinhin als unverantwortlich angesehen, wenn ein Finanzminister sich dem Bloggen hingebe, schrieb Varoufakis, doch er werde in seiner neuen Funktion daran festhalten. Varoufakis stellt aber kürzere und dafür brisantere Beiträge in Aussicht.

Hang zur Polemik

Der griechisch-australische Doppelbürger ist, wie praktisch alle Mitglieder des neuen Kabinetts, ein politischer Quereinsteiger. Allerdings beschäftigte sich der Ökonomieprofessor an den Universitäten Athen und Texas schon seit langem mit den Verwerfungen der Wirtschaftskrise in der Hellenischen Republik und den, wie er glaubt, untauglichen Lösungsansätzen. Die Hilfsprogramme der sogenannten Troika aus EU-Kommission, Europäischer Zentralbank und Internationalem Währungsfonds, die an strikte Auflagen für Reformen geknüpft sind, verglich er einmal mit der Foltertechnik Waterboarding. Statt Griechenland zu retten, sei ein Teufelskreis in Gang gesetzt worden. In einem seiner zahlreichen Medienauftritte beklagte er einen zynischen Transfer von Bankenverlusten auf die Schultern der schwächsten Steuerzahler.

Künftig sollen die Oligarchen, wie er Griechenlands Wirtschaftsmagnaten bezeichnet, stärker an die Kasse kommen. Und bezüglich der Schuldentilgung plädiert der frühere Mitarbeiter eines Herstellers von Videospielen für Zahlungsmodalitäten, die sich am Wirtschaftswachstum orientieren. Bei dieser Meinung bleibe er auch als Minister, notierte der 53-Jährige in seinem privaten Blog. Ob er damit bei den Gläubigern auf Resonanz stößt, ist fraglich. Am Freitag wird Varoufakis mehr wissen: In seinem ersten Ernsteinsatz empfängt er in Athen den Chef der Eurogruppe, Jeroen Dijsselbloem.

Pragmatische Ader

Bei der Behandlung des griechischen Patienten bevorzugt Varoufakis – von einem Analytiker als Melange zwischen John Maynard Keynes und Karl Marx umschrieben – staatliche Impulsprogramme offenkundig vor Strukturreformen. Doch haftet ihm nicht das Image eines linken Apologeten an, von denen es in den Reihen der Regierungspartei Syriza einige gibt. Mit Blick auf die harten Verhandlungen mit der EU äußerte er sich schon diplomatisch abgefedert: Man wolle mit den europäischen Kollegen zusammensitzen und eine für beide Seiten vorteilhafte Lösung suchen.